Berliner Philharmoniker

Philharmoniker stellen Programm bis Ende 2020 vor

Abgespeckte Jahrespressekonferenz: Chefdirigent Kirill Petrenko stellt seine angepassten Pläne bei den Philharmonikern vor.

Kirill Petrenko am Pult der Berliner Philharmoniker, die er seit August 2019 als Chefdirigent leitet.

Kirill Petrenko am Pult der Berliner Philharmoniker, die er seit August 2019 als Chefdirigent leitet.

Foto: Stephan Rabold

Jeden Tag habe er versucht, eine ihm unbekannte Partitur aufzuschlagen und durchzulesen, sagt Kirill Petrenko über die zurückliegenden Corona-Monate. „Ich habe riesige Bücher angefangen zu lesen, für die ich sonst nie Zeit gehabt hätte. Und ich habe mir ein E-Bike gekauft und bin in München herumgefahren. War nicht ganz ungefährlich.“ Ansonsten habe er sich viele Gedanken gemacht über seine Arbeit bei den Berliner Philharmonikern.

Der Chefdirigent stellte am Freitag gemeinsam mit Intendantin Andrea Zietzschmann sowie Cellist und Medienvorstand Olaf Maninger die an aktuelle Corona-Regeln angepassten Pläne für die Monate November und Dezember vor. Noch herrscht eine Ausnahmesituation, das Abonnentensystem bleibt weiterhin ausgehebelt.

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Es gehe um winzige Zentimeter, sagt der Chefdirigent

Aber dem Chefdirigenten machen die geltenden Abstandsregeln auf der Bühne mehr Sorgen als das neue Zusammenrücken im Saal, worüber sich vor allem die Intendantin mit Blick auf die Auslastung freut. „Ich sage ausdrücklich nicht, dass man nicht mit einem gewissen Abstand spielen kann“, so Petrenko. „Nur wie das im Moment ist, dass zwischen zwei Hörnern eine Lücke klafft von zwei Metern, gefühlt ist das ein Kilometer, das ist sehr unbefriedigend. Es führt unseren Beruf ein bisschen ad absurdum. Natürlich kommt dieses Orchester mit der Situation sehr gut zurecht, das liegt im Können der Musiker. Und trotzdem: Musik braucht unbedingt eine körperliche Nähe.“

Es gehe um winzige Zentimeter, fügt der Chefdirigent hinzu. „Es ist wie bei einer Vogelschar. Wenn die sich auf die Reise macht zu anderen Kontinenten, und eine Sinfonie ist wie eine große Reise, dann ist man darauf angewiesen, dass der eine Co-Pilot den anderen Co-Piloten körperlich spürt. Damit man wie eine geschlossene Einheit reagieren kann.“

Orchester bereitet Konzerte in zwei Varianten vor

Derzeit sind Abstände von 1,5 Metern zwischen Streichern und zwei Metern zwischen Bläsern erlaubt. Vorsorglich werden bereits Programme in zwei Variationen gedacht: Dann werden die Abstände auf einen Meter zwischen Streichern und 1,5 Metern zwischen Bläsern verkürzt. Andrea Zietzschmann fügt hinzu, dass die Musiker einmal pro Woche vor Probenbeginn getestet werden.

„Durch die Situation auf der Bühne ist es uns definitiv nicht möglich, in voller Besetzung zu spielen“, sagt Petrenko. Derzeit seien es 67 Musiker. Deswegen mussten einige Programme modifiziert werden. „Wenn wir schon gezwungen sind, die Programme ein bisschen abzuändern, für mich muss es einen Sinn haben“, sagt Petrenko und führt als Beispiel Dmitri Schostakowitschs neunte Symphonie an, die in den Konzerten am 11. und 12. November mit Richard Strauss’ „Metamorphosen“ kombiniert wird.

„Ein Programm ist für mich eine gelungene Kombination von allem, was das Herz begehrt und was fürs Orchester wichtig ist, aber auch etwas zum Weiterbilden. Beide Werke entstanden 1945, im Jahr des Kriegsendes, das von beiden Komponisten beschrieben wurde“, sagt Petrenko. „Das ist sehr faszinierend und eigentlich erschreckend, wie beide Komponisten mit dem Gedanken zurechtkamen: Richard Strauss auf eine sehr tragische Weise, Schostakowitsch auf eine sehr ironische. Aber es ist auch keine pure Freude.“ Dazu kommt die Uraufführung von Andrew Normans Stück für Streichorchester „Sabina“.

Das Silvesterkonzert soll jetzt etwas ernsthafter werden

Nahezu alle ursprünglich geplanten Gastdirigenten und Solisten treten im November und Dezember auf. Wenn Daniel Barenboim am 28. und 29. November die Philharmoniker dirigiert, kommt mit Soloflötist Emmanuel Pahud ein weiterer Solist hinzu. Das Silvesterkonzert mit spanischer Musik soll jetzt etwas ernsthafter werden, so Petrenko. „Die Arbeit mit dem Orchester macht genauso viel Freude und Befriedigung wie vorher“, sagt der Chefdirigent zur allmählichen Rückkehr in den Philharmoniker-Konzertbetrieb. „Da hat sich nichts geändert. Das ist vielleicht das Wichtigste für mich.“

Die Intendantin verweist auf die internationale Situation, in den USA bleibe vieles geschlossen, in Europa gebe es Bewegung. „Der Saisonbeginn der Philharmoniker ist bisher gut verlaufen, aber er hat schon atmosphärisch etwas gelitten unter den Einschränkungen.“ Nach den neuen Ein-Meter-Abstandsregeln – verbunden mit Maskenpflicht – wird ab November das „Schachbrettmuster“ eingeführt. Bis Jahresende gilt aber auch noch die bundesweite Obergrenze von 1000 Besuchern. Die Philharmoniker können also 45 Prozent ihrer Plätze im großen Saal anbieten.

Publikum ist nach wie vor sehr zurückhaltend

„Mit der Freude paart sich auch eine Sorge, die uns alle eint, ob Theater, Opern- oder Konzerthäuser“, sagt Andrea Zietzschmann: „Im Moment sind die Auslastungen kein Selbstläufer. Das Publikum ist nach wie vor sehr zurückhaltend. Wir müssen es schaffen, dem Publikum Vertrauen zu geben, dass es gern zu uns kommt.“ Derzeit läuft eine Studie mit der Technischen Universität Berlin und der Charité, um die Räumlichkeiten und die Klimaanlage zu analysieren.