Symbolismus-Schau

Alte Nationalgalerie: Wenn Bilder in den Abgrund blicken

„Dekadenz und dunkle Träume“: Die Alte Nationalgalerie zeigt eine sehenswerte Ausstellung zum belgischen Symbolismus.

Fernand Khnopffs Gemälde„Liebkosungen“ (1896) ist zum ersten Mal seit 30 Jahren in Deutschland zu sehen.  

Fernand Khnopffs Gemälde„Liebkosungen“ (1896) ist zum ersten Mal seit 30 Jahren in Deutschland zu sehen.  

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

Berlin. Das Bild wirft umso mehr Rätsel auf, je länger man es ansieht. Ödipus steht vor einer roten, vertrockneten Landschaft, direkt hinter ihm sehen wir Teile einer Zypresse und einer Mauer, in die seltsame Schriftzeichen geritzt sind. Mit seiner rechten Hand stützt er sich auf einen Stab, an dessen Ende eine geflügelte Glaskugel angebracht ist, seine Brustwarzen sind von metallisch schimmernden Plättchen bedeckt. An seine Wange schmiegt sich eine Sphinx mit dem sprungbereiten Körper eines Geparden. Hingabe verschmilzt mit Angriffslust, Enthaltsamkeit mit Sexualität, Vernunftnatur mit animalischen Instinkten: Alles an diesem Bild ist vieldeutig und löst ambivalente Gefühle aus.

Androgyne Körper schweben durchs All

Das mag der Grund dafür sein, dass Fernand Khnopffs Gemälde „Liebkosungen“, entstanden 1896, für so großes Aufsehen sorgte, als es 1898 auf der ersten Ausstellung der Wiener Secession gezeigt wurde – und auch dafür, dass es bis heute das bekannteste Werk des belgischen Malers geblieben ist. Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationalgalerie, hat es für die große Ausstellung zum belgischen Symbolismus bei den Brüsseler Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique entliehen. Es ist zum ersten Mal seit 30 Jahren wieder in Deutschland zu sehen und wird im großen Saal in der obersten Etage des Museums gezeigt – in einem Auftakt, den man triumphal nennen darf. Hinter dem aus Gips gefertigten „Jünglingsbrunnen“ des flämischen Bildhauers George Minne im Vorraum schweben Jean Delvilles Liebende in einen blauen

Kosmos, von glühenden Bändern eingerahmt. Zur Linken finden sich in direkter Nachbarschaft zwei imposante Großformate Léon Fréderics, die thematisch vom Kleinkindalter („Die Quelle des Lebens“, 1890) bis zum Sterben reichen („Das Traueressen“, 1886) und von Böcklins berühmter „Toteninsel“ (1883) um das Jenseits ergänzt werden. Die Themen dieser Stilrichtung, die sich am Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in Brüssel formierte, sind hier alle bereits präsent: Den Symbolisten ging es um das Abgründige und Verdrängte, um das Morbide und Bizarre – aber auch um die Sinnenfreude, die Lust am Körper. All dies stand in einer Zeit, die viele als unsichere Übergangsperiode verstanden, zur Disposition und kehrte umso machtvoller in der Kunst zurück. „Das Gefühl, einer versinkenden Welt, der letzten Generation in einer langen Abfolge von Vergangenheiten anzugehören“, schreibt Ralph Gleis in einem Beitrag zum Katalog, „und der gleichzeitige Aufbruch zu Neuem fanden so in einer ästhetischen Übersteigerung des schaurig Schönen ihre Sublimierung. Oder, wie es der Kunstkritiker Hermann Bahr bereits 1894 fasste: „Nur fort, um jeden Preis fort aus der deutschen Wirklichkeit, ins Dunkle, Fremde und Versteckte - das ist heute die eingestandene Losung für zahlreiche Künstler.“

Natürlich wäre es zu eindimensional, in der Erforschung des Halb- und Unterbewussten das einzige Projekt dieser vielfältigen Bewegung zu erkennen. Die Medusenhäupter mögen von den Wänden starren, die bleichen Frauengesichter von seelischem Dunkel raunen und die Wälder bedrohlich dunkelgrün erglühen – es lässt sich hier doch noch viel mehr entdecken als die so oft beschriebene Verfallsästhetik des fin de siècle. Etwa in den erstaunlichen Werken James Ensors, der stilistisch schon weit die Bilderwelten des 20. Jahrhunderts vorgreift. „Das malende Skelett“ (1896) ist der Künstler selbst, seine Beine scheinen sich vor dem Bildhintergrund fast aufzulösen. Perspektivische Akkuratesse und realistische Maßgaben treten hier in den Hintergrund – auf dem Boden liegt ein flächiges Frauengesicht, von der Spitze der Staffelei grüßt ein karikaturhafter Totenschädel, und auch seinen eigenen Kopf übermalte Ensor mit einem solchen.

Nackte Frauen am Kreuz, von Schweinen beobachtet

Humor, der sich aus Grenzüberschreitungen ergibt, ist in der Ausstellung vielfach zu finden, unter anderem auch in den drastischen Bildern von Félicien Rops, der nackte Frauen ans Kreuz nagelte und ihnen Schweine an die Seite stellte oder die Pornografie zum Leitmedium abendländischer Überlieferung erklärte. In der in 13 Bereiche gegliederten Ausstellung werden knapp 200 Werke gezeigt. Europäischen Kontext stiften Bilder von Edvard Munch, Max Klinger oder Gustav Klimt, während ein eigener Saal den Vergleich mit den zeitgleich entstandenen impressionistischen Arbeiten erlaubt. Im Gedächtnis bleibt der Einblick in ein kunsthistorisch ungeheuer bewegtes, zunehmend nervöses Zeitalter, betrachtet aus einer hierzulande noch weitgehend unbekannten, spannenden Perspektive.