Theater

Die Frage nach den letzten Dingen

Wenn Menschen sterben wollen: Oliver Reese inszeniert am Berliner Ensemble Ferdinand von Schirachs „Gott“.

Der Ethikrat debattiert: Anwalt Biegler (Martin Rentzsch, vorne links) befragt Bischof Thiel (Veit Schubert, r.).

Der Ethikrat debattiert: Anwalt Biegler (Martin Rentzsch, vorne links) befragt Bischof Thiel (Veit Schubert, r.).

Foto: Matthias Horn / Mathias Horn

Berlin. Eine Frau möchte nicht mehr weiterleben. Elisabeth Gärtner (Josefin Platt) ist 78 Jahre alt und Witwe, ihr Mann starb nach langem Krebsmartyrium im Krankenhaus. Körperlich und seelisch ist Frau Gärtner vollkommen gesund, sie ist nur sehr traurig, weil sie sich nach ihrem Verlust wie halbiert fühlt und in ihrer Existenz keinen Sinn mehr erkennt. „Er ist weg“, sagt sie, „und ich bin noch da. Das ist nicht richtig.“ Sie hat ihre Ärztin darum gebeten, ihr Pentobarbital zu besorgen, jenes Barbiturat, das auch von Schweizer Sterbehilfevereinen wie Exit oder Dignitas verwendet wird. Die Frage ist nun, wie sich die Ärztin verhalten soll.

Ein wegweisendes Urteil aus Karlsruhe

Dass sie im juristischen Sinn dazu berechtigt ist, hat das Bundesverfassungsgericht im vergangenen Februar mit großer Klarheit festgestellt. Die Karlsruher Richter kippten den Paragraphen 217 des Strafgesetzbuches, der Sterbehilfevereine und Palliativmediziner für das Verabreichen des Giftbechers mit Strafe bedrohte. „Das allgemeine Persönlichkeitsrecht umfasst als Ausdruck persönlicher Autonomie ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben“, hieß es in den Leitsätzen zum Urteil des Zweiten Senats. Und weiter: „Die Freiheit, sich das Leben zu nehmen, umfasst auch die Freiheit, hierfür bei Dritten Hilfe zu suchen und Hilfe, soweit sie angeboten wird, in Anspruch zu nehmen.“ Frau Gärtners Ärztin darf also tun, was von ihr gewünscht wird. Aber soll sie es auch?

Die Frage führt auf das komplexe Terrain moralisch richtigen Handelns. Ferdinand von Schirach lässt sie in seinem neuen Stück vor dem Ethikrat mit diversen Sachverständigen verhandeln – was wörtlich zu verstehen ist, da sich diese Diskussionsrunde eher nach den Gepflogenheiten eines Gerichtsprozesses richtet. Regisseur und BE-Intendant Oliver Reese lässt sie in einem hölzernen Amphitheater stattfinden (Bühne: Hansjörg Hartung). Hier werden in knapp zwei Stunden Positionen und Argumente erprobt, diskursiv und, den Corona-Hygieneregeln entsprechend, kontaktfrei und mit Sicherheitsabstand.

Seit seinem Bestseller „Verbrechen“ (2009) pflegt Ferdinand von Schirach einen nüchternen, schnörkellosen Ton, in dem die unerhörten Begebenheiten, von denen er erzählt, umso drastischer aufscheinen. Dieses Stilprinzip ist auch seinen Theaterstücken anzumerken, wo sie gern mit ethisch-moralischen Problemen verknüpft werden und das Publikum einbinden. Das galt schon für „Terror“, das Oliver Reese vor fünf Jahren am Schauspiel Frankfurt inszenierte, es gilt auch für diesen Abend.

Denn es sagt sich ja schnell, dass das Freiheitsrecht des einzelnen auch das Recht enthält, seinem Leben ein Ende zu setzen. Aber wie ist das praktisch zu verstehen? Ist dem Sterbewunsch eines 18-jährigen Mädchens mit Liebeskummer genauso zu entsprechen wie dem eines 80-jährigen Krebspatienten? Widerspricht es nicht der Hauptaufgabe von Ärzten, ihrem in der Genfer Deklaration des Weltärztebundes niedergelegten Heilungsauftrag, beim Sterben behilflich zu sein? Darüber hinaus: Welche gesellschaftlichen Folgen sind damit verbunden? Bereitet die Sterbehilfe einer Neuauflage der im Nationalsozialismus vollständig pervertierten Euthanasie den Boden? Ist, mit anderen Worten, hier ein Dammbruch zu befürchten, an dessen Ende die Sortierung in lebenswertes und nicht lebenswertes Leben steht? Wird durch die Option der Sterbehilfe Druck auf ältere und schwer kranke Menschen ausgeübt, früher aus dem Leben zu scheiden? Und wie begegnet man der Gefahr einer Geschäftemacherei mit dem Tod?

Um diese Fragen geht es in dieser Inszenierung, die das Publikum in ihren besten Momenten schwanken lässt, was es nun für richtig und geboten halten soll. Der Vorsitzende des Ethikrates (Gerrit Jansen) moderiert sie in souveräner Nüchternheit an, es herrscht die konzentrierte Atmosphäre eines Seminarraums. Die Verfassungsrichterin Litten (Judith Engel), wechselweise befragt von Anwalt Biegler (Martin Rentzsch) und Kommissionsmitglied Keller (Bettina Hoppe) erklärt die Rechtslage, zieht internationale Vergleiche und fügt an, dass der Sterbewunsch sorgfältig geprüft werden müsse – wie das genau geschehen soll, bleibt offen.

Das Spiel wiederholt sich mit dem Funktionär der Ärztekammer, der auf den hippokratischen Eid verweist und darauf, dass die Sterbehilfe das Vertrauen in Ärzte zerstöre – weil damit ihre unbedingte Verpflichtung auf den Lebenserhalt in Zweifel stehe. Ingo Hülsmann spielt den Mediziner vielleicht eine Spur zu herablassend und schmierig, um Andersdenkende in ihrem Weltbild zu irritieren. Und dann ist da noch Bischof Thiel (Veit Schubert), mit dem ein Ausflug in die Kirchen- und Dogmengeschichte von Augustinus bis Thomas von Aquin unternommen wird: Woher kommt eigentlich die Verurteilung des Suizids durch die katholische Kirche, wo sie doch der Bibel nirgends zu entnehmen ist?

Es ist ein Abend voller Denkanstöße, der hier geboten wird, auch wenn die Fülle der referierten Informationen manchmal an eine Universitätsvorlesung erinnert – selbst das Bühnenbild gleicht ja ein bisschen einem Hörsaal. Dass er mit so sparsam dosierten theatralischen Mitteln auf die Bühne kommt, liegt nicht nur an Corona, es liegt auch an der Wucht seines Themas. Das Publikum, befragt, ob es der Patientin den Giftbecher reichen würde, zerfällt in zwei etwa gleich große Lager. Einig ist es sich im lang anhaltenden Applaus.