Kultur

Jüdisches Filmfestival: Witzig, laut und politisch unkorrekt

Das Jüdische Filmfestival eröffnet am Sonntag. Leiterin Nicola Galliner spricht über Botschaften und Erneuerungen.

Die in London geborene Nicola Galliner leitet seit 26 Jahren das Jüdische Filmfestival.

Die in London geborene Nicola Galliner leitet seit 26 Jahren das Jüdische Filmfestival.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Das Jüdische Filmfestival Berlin & Brandenburg wird am Sonntag im City Kino Wedding mit dem israelischen Film „Incitement“ eröffnet. Das 1995 von Nicola Galliner gegründete und geleitete Festival gehört es zu den ältesten und größten jüdischen Filmfestivals in Europa. Unter Corona-Auflagen werden eine Woche lang Filme in regionalen Kinos gezeigt, erstmals sind sie auch online zugänglich.

Frau Galliner, warum haben Sie gerade einen Attentäterfilm zur Eröffnung gewählt?

Nicola Galliner Das hat mit dem Attentat in Halle zu tun. Ich hatte so etwas bislang in Deutschland nicht für möglich gehalten. Hätten Tür und Mauer nicht standgehalten, hätte der Attentäter in der Synagoge viele Menschen umbringen können. „Incitement“ ist ein israelischer Spielfilm mit Dokumentaraufnahmen über den Mann, der Israels Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin vor 25 Jahren erschossen hat und der damit den Friedensprozess torpediert hat. In Deutschland spricht man bei Attentaten immer gerne von Einzeltätern, aber die gibt es so nicht, weil sie immer ein soziales Umfeld haben und nie ohne Kontext erscheinen. Dieser Film macht das deutlich.

Das klingt nach einem sehr ernsten Auftakt?

Mir war nach Halle nach keinem lustigen Film zur Eröffnung zumute. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir mit Antisemitismus und Rassismus umgehen. Man geht hierzulande nicht hart genug dagegen vor. Was teilweise in den Schulen passiert, wie jüdische Kinder gemobbt werden, das ist unfassbar. „Du Jude“ gilt als Schimpfwort, obwohl renommierte Wissenschaftler behaupten, das sei so nicht einzuordnen. Darüber kann ich nur den Kopf schütteln.

Was ist für Sie die wichtigste Botschaft des Festivals?

Wir wollten den jüdischen Film nach Deutschland zurückbringen. Als wir anfingen, war der israelische Film außer den Kishon-Verfilmungen und „Eis am Stiel“ in Deutschland so gut wie unbekannt. Gerade die israelische Filmlandschaft hat eine beeindruckende Entwicklung durchgemacht. Ich bin ein begeisterter Besucher von Filmfestivals in Israel. Es gibt in diesem kleinen Land allein 14 Filmschulen. Es gibt sogar eine, die fast nur von orthodoxen Frauen besucht wird. Für ihre Männer ist Filmemachen kein angesehener Beruf. Wir haben schon einiges aus dieser Schule gezeigt. Für jeden, der an Film interessiert ist, ist Israel ein Paradies.

Das 26. Festivaljahr ist zugleich Ihr letztes?

Ich werde im Dezember 70, es ist an der Zeit aufzuhören. Ich gehöre nicht zu denen, die im Job sterben wollen. Ich will noch einige andere Sachen machen in meinem Leben. Ich möchte zum Beispiel einmal reisen, ohne dass gleich Arbeit dranhängt. Ein Festival in dieser Größenordnung zu organisieren ist sehr aufwendig, ich bestreite es mit nur zwei Mitarbeitern, die jeweils nur eine halbe Stelle haben. Die Finanzierungssituation war immer herausfordernd. Ab dem Jahr 2021 wird das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg von den Machern des FilmFestival Cottbus weitergeführt, die sowohl inhaltlich als auch organisatorisch über langjährige Expertise verfügen und somit auch die Stärken von zwei für die Region Berlin-Brandenburg bedeutenden internationalen Filmfestivals bündeln können.

Wenn Ihr Filmfestival immer ein Abbild des jüdischen Lebens sein wollte, was war die bemerkenswerteste Entwicklung?

Das Festival ist von acht Filmen auf sagenhafte 50 im letzten Jahr gewachsen. Die bemerkenswerteste Veränderung fand hier in Berlin statt. Es sind viele Israelis in die Stadt gezogen, vor 30 Jahren kamen Tausende russischsprachige Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Als ich 1969 nach Berlin kam, war ich in einer jüdischen Studentengruppe mit 80 Mitgliedern. Und das fanden wir schon toll. Die Gemeinden in Deutschland waren ansonsten überaltert. Wer hat mit dieser großartigen Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft gerechnet? Es ist ein Sieg über die Geschichte.

Was war Ihnen der wichtigste Film in all den Jahren?

Mein Lieblingsfilm? Einer meiner Lieblingsfilme ist „Mrs. Meitlemeihr” von Graham Rose mit dem grandiosen Udo Kier in der Hauptrolle. Der Film ist herausragend und kann auf YouTube gesehen werden. Ich habe ihn immer vorgestellt als die wahre Geschichte über den Tod von Hitler. Es ist typisch englischer Humor. Ich bin auch ein großer Monty Python-Fan.

Was ist überhaupt ein jüdischer Film oder anders gefragt, ab wann ist ein Film jüdisch?

Bei uns geht es um den Inhalt. Vor 15 Jahren haben wir ein Buch herausgegeben, in dem 30 Filmschaffende, -kritiker und Journalisten genau diese Frage beantwortet haben. Und natürlich hat jeder eine andere Erklärung. Es gibt ja den berühmten Witz, wonach drei Juden fünf Ansichten hätten. Mindestens. Es gibt rund 200 jüdische Filmfestivals weltweit und jedes ist ein bisschen anders gewichtet. Bei unserem Festival ist es wirklich eine Frage des Inhalts. Das hat auch damit zu tun, dass ein großer Anteil unseres Publikums nicht jüdisch ist.

Ein Vierteljahrhundert heißt auch, dass jetzt eine andere Generation im Zuschauerraum sitzt.

Ja, unser Publikum wird jünger.

Die Frage zielt darauf, dass die Generation ein entfernteres Verhältnis zum Holocaust hat.

Das betrifft nicht nur das Publikum, sondern auch die Filmemacher. Die Filme, die kommen, stammen von jüngeren Leuten. Und sie gehen mit dem Thema Shoa anders um. Wir haben zum Beispiel in diesem Jahr den wunderbaren Kurzfilm „Masel Tov Cocktail“ von einem Regisseur mit russisch-jüdischem Hintergrund. Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch haben für diesen Film weltweit Preise bekommen. Der Film ist witzig, laut und politisch völlig inkorrekt und zeigt einen ganz eigenen Blick auf jüdisches Leben in Deutschland. Wir zeigen ihn mehrmals im Festival – auch online.

Wer ein jüdisches Filmfestival in Deutschland leitet, lernt wahrscheinlich sehr schnell Freund und Feind kennen?

Ich würde eher von Gleichgültigkeit mancherorts und Desinteresse reden. Aber wir haben auch viele Freunde und Unterstützer. Der Zentralrat der Juden in Deutschland war zum Beispiel immer für uns da. In diesem Jahr gehen wir erstmals online, womit wir auch alle jüdischen Gemeindemitglieder in Deutschland erreichen können. In der Vergangenheit bekam ich nach jedem Festival Anfragen, wo man unsere Filme sehen kann. Die Frage ist berechtigt, weil diese Filme oft keinen Verleih in Deutschland haben und auch nicht ins Fernsehen kommen. Ich hoffe sehr, dass auch in Zukunft ein Teil online angeboten wird.