Potsdam

Museum Barberini: Wenn das Licht zu vibrieren beginnt

Das Museum Barberini Potsdam zeigt die spektakuläre Ausstellung „Impressionismus. Die Sammlung Hasso Plattner."

Paul Signacs Gemälde „Der Hafen bei Sonnenuntergang. Opus 236 (Saint-Tropez)“ von 1892.

Paul Signacs Gemälde „Der Hafen bei Sonnenuntergang. Opus 236 (Saint-Tropez)“ von 1892.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Potsdam. Ein Segelschiff kehrt in den Hafen zurück. Es ist Abend, der orangegelb erleuchtete Himmel zeigt das letzte Glühen eines Sonnenuntergangs. Der französische Neoimpressionist Paul Signac (1863-1935) malte das Bild 1892, dem Jahr, in dem er seine Yacht „Olympia“ nach Saint-Tropez überführt hatte. Wer das Gemälde im Original betrachtet, kann seinen Aufbau auch in der Materialität der Farbe studieren – und wird feststellen, wie stark sich Signac an die eigens entwickelte Programmatik hielt.

Der Chemiker Michel-Eugène Chevreul, Begründer der modernen Theorie der Farben und Entdecker des Komplementärkontrastes, war 1894 bei Signac zu Besuch gewesen, und der Universalgelehrte Charles Henry, der das Phänomen der Schönheit wissenschaftlich zu erfassen versuchte, hatte einen tiefen Einfluss auf ihn entfaltet. Der Neoimpressionist, schrieb Signac, strebe nach „Kraft und Harmonie, indem er das farbige Licht in seinen Grundelementen wiedergibt“ – und genau das geschieht bei „Der Hafen bei Sonnenuntergang, Opus 236 (Saint-Tropez)“: Das Geschehen ist in unzählige Farbpigmentpunkte aufgeteilt, die oft im Verhältnis des Komplementärkontrastes zueinander stehen – die Grundidee der sogenannten divisionistischen Malerei. Daraus ergibt sich ein Effekt, der einer ruhigen Atmosphäre etwas Bewegtes, beinahe Vibrierendes hinzufügt.

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Monets größter Werkkomplex außerhalb Frankreichs

Das Gemälde gehört zu den faszinierenden Höhepunkten der Ausstellung „Impressionismus. Die Sammlung Hasso Plattner“, die ab dem kommenden Wochenende im Potsdamer Museum Barberini dauerhaft zu sehen ist. Museumsgründer Plattner, Mitbegründer des IT-Unternehmens SAP, leidenschaftlicher Kunstsammler und Mäzen, hat bereits vor 20 Jahren damit begonnen, sich auf den Impressionismus zu fokussieren.

Über 100 Werke seiner Privatsammlung wie seiner Stiftung, der Hasso Plattner Foundation, hat er nun dem Museum als Dauerleihgabe überlassen – darunter allein 34 Gemälde des impressionistischen Großmeisters Claude Monet (1840-1926), womit das Museum Barberini nun über den größten Werkkomplex dieses Malers außerhalb Frankreichs verfügt. Klangvolle, für die Geschichte der impressionistischen Bewegung bedeutende Namen komplettieren die Schau, etwa Gustave Caillebotte (1848-1894), Camille Pissarro (1830-1903), Maurice de Vlaminck (1876-1958) oder Alfred Sisley (1839-1899), mit der sich das Museum Barberini nun als Zentrum der internationalen Impressionismus-Forschung positioniert.

Natürlich wird sich, wer das Museum besucht, zunächst an die Ausstellung „Monet. Orte“ erinnert fühlen, die das Museum Barberini im Februar eröffnete. Claude Monets Getreideschober, entflammt übrigens von einem ähnlichen Abendlicht wie Signacs Segelschiff, seine Venedig-Motive, der Seerosenteich oder die Steilküste von Aval sind in bleibender Erinnerung geblieben und nun wieder zugänglich – wenn auch in neuer Nachbarschaft und in einem deutlich weiter gefassten kunsthistorischen Horizont. Die Präsentation reicht von der Zeit um 1860 bis ins frühe 20. Jahrhundert, sie umfasst drei Künstlergenerationen – Maler, die sich kannten und miteinander umgingen, die auch an dieselben Orte reisten, um sie ins Bild zu setzen.

Einblicke in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte Frankreichs

Die acht Stationen der Ausstellung erlauben es, entlang der Entwicklung des Impressionismus auch Einblicke in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte Frankreichs zu erhalten, die nebenbei mit dem Vorurteil aufräumen, beim Impressionismus handele es sich nur um zivilisationsentrückte Naturergebenheit. Die Seine, der Sehnsuchtsort ganzer Kohorten von Künstlern, spiegelt die beginnende Industrialisierung mit Dampfschiffen, Brücken, am Fluss gelegenen Fabriken – und vor allem mit künstlicher Beleuchtung, wie sie exemplarisch in Claude Monets „Der Hafen von Le Havre am Abend“ aus dem Jahr 1872 festgehalten ist.

Der Realismus dagegen, mit denen Gärten, Feldwege oder Baumreihen festgehalten werden, verrät viel über das zeitgenössische, gar nicht allzu romantische Interesse an Licht- und Witterungsbedingungen. Das letzte Kapitel weist mit der Kunst der Fauvisten und ihrer farbintensiven Malerei schon in die Verzweiflungs- und Fieberschübe des 20. Jahrhunderts. An festgefahrenen Klischees zu rütteln, neue Kontexte und Perspektiven herzustellen: das ist die große Leistung dieser von Daniel Zamani kuratierten, sehenswerten Ausstellung.

Museum Barberini, Humboldtstr. 5-6, Potsdam. Geöffnet tgl. außer Di. 10-19 Uhr. Tickets und Informationen unter museum-barberini.com.