Interview

Christian Berkel: „Wir müssen unsere Demokratie verteidigen“

Der Berliner Schauspieler Christian Berkel über sein Serien-Aus als „Der Kriminalist“ und seinen zweiten Roman „Ada“

Durch die Krimiserie wurde er ein Experte, was Berlin angeht: Christian Berkel.

Durch die Krimiserie wurde er ein Experte, was Berlin angeht: Christian Berkel.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

14 Jahre lang war Christian Berkel in der Fernsehserie „Der Kriminalist“ zu sehen. Damit ist jetzt Schluss. Gerade ist die letzte Staffel gestartet, am 9. Oktober wird die letzte Folge ausgestrahlt. Der beliebte Schauspieler möchte wieder Neues wagen. Und auch mehr Zeit fürs Schreiben haben. Nach seinem Romandebüt „Der Apfelbaum“ vor zwei Jahren folgt nun die Fortsetzung „Ada“ (Ullstein, 400 Seiten, 24 Euro), die am 12. Oktober in den Handel kommt.

Berliner Morgenpost: Herr Berkel, Sie hören nach 14 Jahren „Der Kriminalist“ auf. Warum gerade jetzt? Hätte man nicht die 15 vollmachen müssen?

Christian Berkel: Ich bin zwar nicht abergläubisch, aber es war eher so, dass ich nicht im 13. Jahr aufhören wollte. Ich hatte schon drei, vier Jahre überlegt, wann ich den Absprung finde. Ich wollte nicht, dass es so endet, wie man das oft in der Politik und auch in unserer Branche sieht: dass Menschen einfach den Zeitpunkt verpassen, aufzuhören. Bis man es ihnen nahelegt. Ich wollte auch nicht so lange weitermachen, bis man denkt, der hört jetzt ganz auf. Ich wollte zu einem Zeitpunkt Schluss machen, wo noch viel Lust da ist, anderes zu machen.

Tut das Scheiden weh, wenn man eine Figur über so lange Zeit gespielt hat?

Im ersten Moment ist dieses Gefühl nie so stark. Du hast dich ja dafür entschieden und bist auch froh über die Entscheidung. Das kam erst später. Als man nach den ersten Corona-Lockerungen wieder raus durfte, bin ich oft durch die Stadt gefahren und habe überall gedacht: Hier hast du schon gedreht, und da auch.

Sie haben in 109 Folgen „Der Kriminalist“ an allen Ecken der Stadt gedreht. Sind Sie damit ein Berlin-Experte?

Ja, schon. Wir haben an gut 2000 Motiven gedreht. Viele öffentliche Plätze, aber auch in Häusern und Wohnungen. Ich bin ja hier aufgewachsen, aber so gut kannte ich Berlin nie. Jetzt kenne ich jedes Viertel, die unterschiedlichsten Lebensverhältnisse von prekär bis luxuriös. Ich habe auch mal angefangen, Fotos von den Drehorten zu machen. Leider habe ich es nicht durchgehalten. Schade eigentlich. Das hätte man auch mit all den Kollegen machen müssen. Da ist mir ja letztlich die ganze Branche begegnet.

Wir wollen nichts verraten. Aber in der letzten Folge wird der Kriminalist nicht erschossen, er schmeißt auch seine Dienstmarke nicht hin. Hält man sich da doch ein Hintertürchen offen, zurückkehren zu können?

Wir haben lange überlegt, wie das Ende aussehen könnte. Einen Ausstieg fanden wir schon gut, aber keiner hatte eine bahnbrechende Idee. Erschossen oder ersetzt werden – das hat man doch schon tausend Mal gesehen. Also wozu? Der Zuschauer weiß doch, dass es zu Ende geht. Ich bin ohnehin kein Liebhaber großer Abschiede. Auch wenn ich privat irgendwo bin, verschwinde ich gern irgendwann. Das passt schon zu mir.

Haben Sie Angst, nach 14 Jahren Krimi in einer Schublade zu stecken? Ihre Frau Andrea Sawatzki klagte ja auch, dass sie nach dem „Tatort“ kaum Rollenangebote bekam.

Das war auch eine Überlegung, aufzuhören. Ich habe aber während dieser Zeit immer auch zwei, drei andere Filme im Jahr gedreht. Klar, das kann schon passieren, dass Regisseure oder Produzenten jetzt erst mal nicht auf dich kommen. Ich habe da aber keine Angst. Wäre Corona nicht dazwischen gekommen, würde ich jetzt einen Kinofilm drehen. Und Andrea und ich haben mit einer Autorin ein Projekt entwickelt, das wir auch koproduzieren. Es ist also nicht so, dass ich in ein Loch falle. Aber klar, in dieser Branche muss man aktiv sein und immer wieder signalisieren, dass man noch auf der Suche und nicht saturiert ist.

Ihre Frau begann auch deshalb mit dem Schreiben, weil Angebote ausblieben. Sie haben klug schon vorher damit begonnen.

Bei Andrea spielte das sicher eine Rolle. Bei mir war es eher so, dass ich viele Jahre mit der Idee schwanger ging, ob ich ein Buch über meine Familiengeschichte schreiben soll oder nicht Als ich dann anfing, war das sicher ein Grund zu überlegen, ob man mal mit der Serie aufhört. Die zwei Berufe haben einen einzigen Berührungspunkt: sich in andere Figuren hineinzuversetzen. Sonst sind sie völlig unterschiedlich. Ich würde gern zweigleisig arbeiten. Aber du kannst kein Buch schreiben, wenn du 100 Tage im Jahr eine Serie drehst.

Mehr zum Thema: Christian Berkel zu seinem Romanerstling „Der Apfelbaum“

Ihr Romandebüt „Der Apfelbaum“ basierte auf der Geschichte Ihrer Eltern. „Ada“ handelt nun von deren Tochter – eine Schwester, die Sie nie hatten. Schreiben Sie sich damit in die Fiktion frei? Könnte ein nächstes Buch ganz fiktiv sein?

Ja, das war eine neue Herausforderung. Wobei ja prinzipiell die Frage ist, was schwieriger ist. Ich dachte bei „Der Apfelbaum“, es sei einfacher, über die eigene Familie zu schreiben. Ich habe völlig unterschätzt, wie schwer es war, Abstand zu kriegen, um es zu erzählen. Letztlich bleibt immer die Frage, wie autofiktional Literatur ist. Ganz egal, was du schreibst, es hat doch immer mit dir zu tun.

Wie dürfen wir uns den Sawatzki-Berkel-Haushalt vorstellen? Sie waren zwei TV-Kommissare, jetzt sind Sie zwei Autoren.

Das ging bislang immer ganz gut. Weil einer immer gearbeitet und der andere sich um Familie und Haushalt gekümmert hat. Jetzt sind die Kinder größer. Und wir haben erstmals beide gleichzeitig geschrieben. Das geht nicht im selben Raum. Aber wir haben manchmal Wand an Wand geschrieben. Schon da musste ich Ohropax nehmen. Ich kann nicht denken, wenn jemand anderer tippt. Da fragt man sich ja auch ständig, warum tippt sie und du nicht, fällt dir nichts ein?

Kam Ihnen der Corona-Lockdown da, bei all dem Schlimmen, was damit verbunden war, vielleicht gar nicht ganz ungelegen? Weil Sie in Ruhe schreiben konnten?

Ja und nein. Anfangs fand ich das ganz schwer. Weil man ständig alle Nachrichten verfolgt hat und ständig an diesem blöden Handy hing. Das Handy ist aber Gift fürs Schreiben. Das dauerte, bis ich einen Weg gefunden habe, wieder in die Konzentration zu kommen. Aber dann hatte das den großen Vorteil, dass man sich nicht entschuldigen musste, wenn man sich nicht meldet. Weil ja alle sich in der Zeit etwas zurückgezogen haben.

Gibt es Zeiten, wo man besonders gut schreiben und besonders gut spielen kann?

Ja. Und es sind keinesfalls dieselben. Beim Drehen bin ich absolut kein Frühaufsteher. Ich hasse es, morgens um sechs aufstehen zu müssen. Ich kann auch um neun Uhr morgens noch nicht richtig spielen. Dieser Motor läuft um die Zeit nicht. Beim Schreiben dagegen habe ich festgestellt, um 6.30 Uhr anzufangen ist optimal. Aufstehen, Zähne putzen, einen Espresso trinken und dann erst mal vier Stunden schreiben.

Bei Erscheinen des „Apfelbaums“ hatten wir schon darüber gesprochen, ob das nicht ein Stoff ist, den man verfilmen müsste. Ist das inzwischen konkreter geworden?

Ja. Es ist eine Miniserie mit sechs Folgen à 45 Minuten geplant. Das Drehbuch schreibt Bernd Lange. Ich habe zwar fünf Jahre an der DFFB studiert, und Drehbuch war mein Fach. Aber ich habe den Roman geschrieben, das zu adaptieren, muss jemand anderes machen. Ich soll aber als Erzähler fungieren. Falls wir nicht irgendwann feststellen, dass das nicht passen sollte. Dann wäre ich der letzte, der sich dem verweigern würde.

Schon vor zwei Jahren haben wir darüber gesprochen, wie Antisemitismus und Rechtsextremismus immer mehr zunehmen. Sie engagieren sich seit Jahren dagegen, werden auch selbst diffamiert. Nach dem Anschlag in Halle hat das noch mal ganz andere Dimensionen angenommen. Fühlt man sich als Jude in Deutschland eigentlich noch sicher?

Es gibt sicher andere, die stärker im jüdischen Gemeindeleben verankert sind und das intensiver erleben. Wahrscheinlich geht es mir wie vielen anderen: Man hat einen gewissen Verdrängungsmechanismus - solange man nicht unmittelbar selbst bedroht sind. Aber diese unsichtbare Angst, die da wächst, bezieht sich nicht nur auf Antisemitismus. Das ist Rassismus, Fremdenhass, ein Rechtsruck, der auch nicht nur in Deutschland stattfindet, der in anderen Ländern teils noch viel schlimmer ist und sich durch die gesamte westliche Welt zieht. Das finde ich erschütternd und auch wirklich bedrohlich. Aber ich sehe auch viele, die sich dagegen positionieren. Und da sind wir auch alle gefordert. Das kann man nicht einfach an die Politik delegieren. Das ist unsere Gesellschaft. Wenn wir Demokratie haben wollen, dann müssen wir sie auch gemeinsam verteidigen.