Filmfestival

Löwe mit Maulschutz: Das Filmfestival von Venedig beginnt

Am 2. September beginnen trotz Corona die Filmfestspiele in Venedig. So bereiten sich drei Berliner Filmemacher auf das Festival vor.

Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen werden am Lido die letzten Vorbereitungen für das 77. Filmfestival getroffen.

Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen werden am Lido die letzten Vorbereitungen für das 77. Filmfestival getroffen.

Foto: Domenico Stinellis / dpa

Auf dem Lido von Venedig wird gerade der rote Teppich entrollt und davor werden die Säulen mit den berühmten Löwen postiert. Alles wie immer, eigentlich. Und doch ganz anders. Am 2. September beginnen die 77. Filmfestspiele von Venedig. Und doch werden sie diesmal ganz im Zeichen von Corona stehen.

Die Berlinale hat noch Glück gehabt. Sie konnte im Februar gerade noch so zu Ende gebracht werden, als die Infektionszahlen bereits stiegen. Kurz darauf machte der Lockdown sämtliche Veranstaltungen auf Monate unmöglich. Cannes hat es dann voll erwischt. Zum ersten Mal in seiner Geschichte fand das Festival nicht statt und konnte sein Programm nur als eine Art Ehrenliste präsentieren. Das Festival von Locarno gab es kürzlich nur virtuell. Venedig aber ist nun das erste Festival, das wieder ganz regulär stattfinden soll. Mit Premieren, Gästen und rotem Teppich. Aber auch mit großen Einschränkungen.

Das Programm wurde merklich abgespeckt. Viele Hollywood-Stars werden nur auf der Leinwand, nicht aber auf dem Teppich zu sehen sein. Viele trauen sich noch nicht, andere, wie das rumänische Jurymitglied Cristi Puiu, dürfen nicht ausreisen. Es gibt aber auch keine Zaungäste, die ihnen zujubeln könnten. Überall herrschen strikte Hygienevorschriften, auf dem gesamten Festivalgelände herrscht Maskenpflicht, im Kino auch während der Vorführung. Und die Säle werden nur halb besetzt, Wiederholungen fürs Publikum sind ganz gestrichen. Eigentlich hätte man den Löwen auf den Säulen, die das Festival symbolisieren, mit Maulkorb versehen müssen.

Dem „Tsunami der Pandemie“ trotzen

Ähnlich wie schon bei den Salzburger Festspielen blickt die ganze Kulturbranche nun sehr aufmerksam nach Venedig, um zu studieren, ob und wie das Konzept funktioniert. Und ob solche Großveranstaltungen in Zeiten von Corona überhaupt Sinn – und Lust – machen. Das Festival wird sich auf Absagen noch in letzter Minute einstellen müssen, und einige spektakuläre Filme fehlen. Dennoch will Festivaldirektor Alberto Barbera ein deutliches Signal setzen, dass sich das Kino nicht, wie er das nennt, „vom Tsunami der Pandemie“ überwältigen lässt.

Einige namhafte Gäste wird es aber doch geben. Oliver Stone reist an, ebenso Pedro Almodóvar, der dafür gerade sein jüngstes Werk „Human Voice“ beendet hat - mit Tilda Swinton, die wiederum den Ehrenlöwen fürs Lebenswerk erhält. Und Jurypräsidentin Cate Blanchett soll nicht nur für Glamour sorgen, sondern auch ein Zeichen für mehr Gleichberechtigung setzen.

Vor zwei Jahren hatte die Schauspielerin in Cannes noch einen Protestzug der Frauen angeführt, um die Ungleichheit in der Filmbranche anzumahnen. Auch Venedig war in den letzten Jahren stark in die Kritik geraten, weil 2019 nur zwei Regisseurinnen im Wettbewerb vertreten waren, 2018 und 2017 sogar nur je eine. In diesem Jahr stammen nun gleich acht der 18-Wettbewerbsfilme von Frauen.

Starker Frauenanteil im Wettbewerb

Zu den Festivalgästen zählen auch drei Deutsche: Regisseur Christian Petzold, der hier neben Blanchett, Ludivine Sagnier und Matt Dillon, der anstelle von Puiu kommt, in der Jury sitzen und über die Preise bestimmen wird. Regisseurin Julia von Heinz, die im Wettbewerb mit ihrem kämpferischen Film „Und morgen die ganze Welt“ ins Rennen um den Goldenen Löwen geht. Und Schauspieler Timo Jacobs, der in dem italienischen Film „Assandira“ von Salvatore Mereu mitspielt, der außer Konkurrenz läuft.

Wir haben sie alle vor dem Abflug noch kurz gesprochen. Wie ist das, in diesem Jahr unter diesen Vorbedingungen nach Venedig zu reisen? Julia von Heinz freut sich vor allem, weil „Und morgen die ganze Welt“ ein sehr persönlicher Film ist. Und es zunächst nicht so aussah, als ob er in diesem Corona-Jahr überhaupt das Licht der Welt erblicken würde. Die 44-Jährige freut sich vor allem, in diesem Jahr vertreten zu sein, in dem erstmals so viele Filmemacherinnen eingeladen wurden. „Die Biennale 2020“, tröstet sie sich, „ist in jeder Hinsicht ein sehr besonderer Jahrgang.“

Auch Timo Jacobs freut sich „wie ein Kind“ auf das Festival. „Es ist natürlich ein bisschen Abenteuer“, gibt er zu. „Aber wenn man die Regeln kennt, ist das okay.“ Und die will er strikt einhalten. Er hat auch extra Puffer für die Rückreise eingeplant. Falls Flüge und Züge ausfallen sollten und er mit einem Mietauto zurückfahren muss.

Denn eigentlich dreht der Kreuzberger gerade in Dresden. Er ist unglaublich dankbar, dass ihm die Produktionsfirma für das Festival frei gab. Und sieht eine hohe Verantwortung darin, kein Risiko einzugehen. Denn einen möglichen Ausfall würde keine Versicherung bezahlen.

„Kino ist der sicherste Ort der Welt“

Christian Petzold war zuletzt 2008 mit „Jerichow“ am Lido im Wettbewerb, Venedig war aber sein allererstes internationales Festival überhaupt: Hier hat er 2000 „Die innere Sicherheit“ vorgestellt. Kurz nach der Berlinale-Premiere seines jüngsten Films „Undine“ ist Petzold im März an Corona erkrankt. Es hat ihn schlimm erwischt, wie er zugibt, aber danach tröstete er sich damit, immun zu sein. Er konnte jeden ohne schlechtes Gewissen in den Arm nehmen.

Damit dürfte es jetzt indes vorbei sein. Inzwischen haben sich erste Patienten ja erneut angesteckt. Aber: „Kino ist der sicherste Ort der Welt“, sagt der 59-Jährige mit Nachdruck. Nachweislich habe sich auf der Berlinale kein Einziger mit dem Covid-19-Virus angesteckt, obschon es Besucher aus Bergamo, Barcelona und selbst Wuhan gab und die Infektionszahlen in Berlin bereits angestiegen sind.

Als einer, der Corona schon erlebt hat, wird Petzold keine Risiken eingehen. In dieser Hinsicht werde man vom Festival aber bestens umsorgt. Das bestätigt auch Julia von Heinz: Es gebe strenge Auflagen, die einem bereits mitgeteilt wurden und an die sie sich nur zu gern halten werde, damit alles sicher abläuft. Denn die Regisseurin fühlt „nichts als Dankbarkeit gegenüber der Biennale, die mit so viel Aufwand dieses Ereignis möglich macht.“

Auch Jacobs ist erst mal mal guter Dinge, dass man überhaupt wieder auf ein Festival gehen kann. „Die Menschen haben sich doch inzwischen an die Regeln gewöhnt“, meint der 36-Jährige. Klar gebe es „immer ein paar Spinner, die da durchdrehen.“ Aber selbst für Corona-Leugner hat er ein bisschen Verständnis: „Weil es halt auch verrückt macht, wenn du das so lange Zeit durchhalten musst.“

Ein Gefühl, das jeder spürt: Endlich nicht mehr allein

Im Kino waren alle drei schon wieder, seit die Lichtspielhäuser nach den ersten Lockerungen ihre Türen wieder geöffnet haben. Für alle drei ist das ein Stück Normalität, das damit zurückgekommen ist. Und wiewohl die Kinosäle wegen der Sicherheitsabstände deutlich leerer sind als sonst, spürt man, so Timo Jacobs, „nach all den Wochen der Isolation die Sehnsucht, endlich wieder etwas gemeinsam zu erleben“.

Als Christian Petzold das erste Mal mit seiner Frau wieder ins Kino kam, in einen dreistündigen Film, saß da nur ein einziger Zuschauer im Saal. Und der habe erleichtert gerufen: „Gott sein Dank, ich bin nicht alleine.“ Das, findet Petzold, „ist doch das Gefühl, das wir derzeit alle haben.“

Die Vorstellung, dass man am Lido auch während der Vorstellung Maske tragen muss, findet er allerdings schwierig. Aber auch dem begegnet er mit Ironie: „Es gibt ja dieses berühmte Foto vom ersten 3-D-Kino in den 50er-Jahren, wo alle im Saal eine 3-D-Brille tragen. Dem müsste man jetzt ein Foto entgegen halten, wie wir alle mit Maske dort sitzen.“ Er steigert das noch: „Man stelle sich nur vor, da liefe auch noch ein 3D-Film. Dann würden wir alle Brille und Maske tragen!“ Nein, das mag man sich dann doch lieber nicht vorstellen.