Bühne

René Polleschs „Melissa kriegt alles“ im Deutschen Theater

Der Teufel trägt Prawda: Das Deutsche Theater eröffnet seine Spielzeit mit einem neuen Streich von René Pollesch

Sowjetischer Chic: Kathrin Angerer, Martin Wuttke (hinten), Bernd Moss und Jeremy Mockridge (v.l.n.r.)

Sowjetischer Chic: Kathrin Angerer, Martin Wuttke (hinten), Bernd Moss und Jeremy Mockridge (v.l.n.r.)

Foto: ARNO DECLAIR / Arno Declair

In Woody Allens Film „Schmalspurganoven“ aus dem Jahr 2000 geht es um ein Ehepaar, das zusammen mit zwei Komplizen eine Bank ausrauben will. Der Plan ist, von einem benachbarten, als Plätzchenbäckerei getarnten Geschäft aus einen Tunnel in die Bank zu graben – und die Pointe besteht darin, dass der Einbruchsversuch katastrophal scheitert, das Plätzchengeschäft aber ein riesiger Erfolg wird und schließlich zum Plätzchenkonzern ausgebaut werden kann, der dann durch betrügerische Buchhalter zu Fall gebracht wird.

Im Exzess der Komplimente

Der Kapitalismus, das wäre eine Lesart dieser Geschichte, lässt sich nicht nach Belieben untergraben und anzapfen. Er ist unhintergehbar und gemeindet auch die Gegner ein, um sie dann nach seinen eigenen Gesetzen in den Ruin zu schicken. Und so ist es eigentlich nur folgerichtig, dass die Schmalspurganoven nun auch bei René Pollesch auftauchen, in dessen Stücken es immer auch um das Leben in scheinbar zementierten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen geht und um die Leitbilder und Zwänge, die sie mit sich bringen. Die sechs Schauspieler, die er diesmal auf die Bühne gestellt hat – Kathrin Angerer, Martin Wuttke, Franz Beil, Jeremy Mockridge, Bernd Moss und Katrin Wichmann – fallen natürlich erst einmal durch den sowjetischen Chic ins Auge, die sie vor einem mit Hammer und Sichel tapezierten Kasten (Bühnenbild: Nina von Mechow) zur Schau tragen. Kostümbildnerin Tabea Braun hat zum Beispiel Martin Wuttke ein hübsches Nachthemd mit aufgedrucktem Prawda-Layout auf den Leib geschneidert, zu dem er Vollbart, eine gleich mehrschwänzige Trappermütze, einen langen Mantel mit Lammfellkragen und gern auch Sonnenbrille trägt – ein bisschen sieht er aus wie der Dude im Film „The Big Lebowski“. Auch seine Mitspielerinnen und Mitspieler zitieren die sozialistischen Kleidercodes von Folklore über Uniform bis zur ironischen Brechung in der Popkultur – und dass sich hier alle den ganzen Abend begeistert zu ihrer Kleiderwahl gratulieren, ist nicht nur sehr lustig, es verweist auch auf das Vakuum eines Zeichensystems, das nur noch als Innenausstattungs- und Textildekor zu gebrauchen ist.

Riesen beobachten das Geschehen

Diese Sechs also, sie blicken wechselweise auch riesenhaft per Live-Video von der Wand im Hintergrund auf das Geschehen, wollen nun eine Bank ausrauben, und man verrät wohl nicht zu viel, wenn man sagt, dass es dazu nicht kommen wird. Lineare Geschichten anhand psychologisch schrittweise aufgefächerter Figuren zu erzählen – dieses altbekannte Modell des gepflegten Theaterabends war noch nie die Sache des Diskursregisseurs René Pollesch. Hier geht es nicht um Story, Plot und Katharsis, es geht um die Leitplanken unseres Denkens und um die Frage, wer sie wie formatiert hat – oder, anders gewendet, um Ängste und Wünsche, die wir hegen und die Frage, warum wir das eigentlich tun.

Und dazu passt nun einmal keine Kaminfeuer-Gemütlichkeit. Zu sehen ist eine Abfolge von Gedankenblitzen, Lesefrüchten, Anekdoten und Zitaten, die überwiegend klug, unterhaltsam, oft auch komisch geraten – besonders in der stets misslingenden Kommunikation der Akteure – und nur selten an diesem Abend das Ermüdende streifen. Das hängt zum einen mit ihrer Taktung zusammen, die dann doch wieder klassisch dramaturgischen Prinzipien zu gehorchen scheint. Zum anderen liegt es aber natürlich auch daran, was die Schauspieler daraus machen. Martin Wuttke macht es sich auf der Lehne des mit Teppichen belegten Sofas bequem, zieht an seiner Zigarette und erzählt, wie es seinerzeit im Intendanzzimmer der Helene Weigel am Berliner Ensemble zuging, „dann saß die Weigel auf dem Lehnstuhl und die saßen dicht gedrängt wie in Bayreuth auf den Bänken, dicht gedrängt saßen diese Typen da, das waren ja hauptsächlich Typen“. Er will noch von einem ominösem Schalter unter dem Tisch der Weigel erzählen, aber weil er diesen „Drücker“ nennt und sein Gesprächspartner „Drucker“ versteht, driftet das Gespräch gleich wieder woandershin.

„Versteht ihr, was ich meine?“

Es sind große Themen, die hier vorgetragen werden, und die gern eingewobenen Bescheidenheitsfloskeln à la „Ich hab ja auch keine Ahnung“ oder „Versteht ihr, was ich meine?“ tragen ihren Teil dazu bei, dass es hier nicht zugeht wie im akademischen Oberseminar. Die Rolle der Frau im Sozialismus, die Frage nach dem Verhältnis von Kritik und Widerspruch, das kommunistische Paradox, gleichzeitig eine neue Gesellschaft aufbauen und alles revolutionieren zu wollen – all das wird hier in schnell vergehenden anderthalb Stunden assoziativ verknüpft, musikalisch durchgesampelt und gleichermaßen ernst genommen wie veralbert. Der Applaus im coronabedingt dezimierten Publikum fällt ordentlich aus.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13A, Mitte. Spielzeiten und Tickets unter der Adresse deutschestheater.de.