Klassik in Corona-Zeiten

Saisonstart der Berliner Philharmoniker: Maske bis zur Musik

Kirill Petrenko dirigiert zum Saisonauftakt die Berliner Philharmoniker, aber die Corona-Mindestabstände fordern ihren Tribut.

Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko unter Corona-Auflagen

Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko unter Corona-Auflagen

Foto: Stephan Rabold

Berlin. Ein paar Bravorufe, etwas Jubel. Und am Ende stehende Ovationen für Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker: Glück und Erleichterung ist nach diesem Saisonauftakt zu spüren. Glück und Erleichterung darüber, dass die Philharmoniker endlich zurückgekehrt sind in die Öffentlichkeit – nach der bisher längsten Spielpause in ihrer 138-jährigen Geschichte. Glück und Erleichterung, obwohl die Rahmenbedingungen für diesen Abend und die kommenden Wochen eher wenig einladend wirken.

Die Maske ist Pflicht, bis die Musik beginnt

Natürlich gilt Maskenpflicht für alle Besucher. Im Falle der Philharmonie sogar, bis die Musik beginnt. Und noch mehr: Durch Online-Kartenverkauf, farbig markierte Leitsysteme im Gebäude und gestaffelte Zeitfenster für den Einlass verhindern die Philharmoniker konsequent, dass sich auf dem Weg zum Saal zu viele Leute begegnen. Garderobe, Gastronomie, CD-Shop – alles geschlossen. Die Corona-Beschränkungen haben das Foyer leergefegt. „Bitte gehen Sie auf direktem Weg zu Ihrem zugewiesenen Zuschauerblock“ lautet die Anweisung für jeden Besucher.

Wo dieser Besucher dann aber genau sitzt, entscheidet sich erst direkt im Saal – abhängig davon, wie viele Gäste bereits platziert wurden. Und das hat natürlich mit dem Corona-Mindestabstand von eineinhalb Metern zu tun: Jede zweite Reihe muss freibleiben, jeweils zwei leere Plätze liegen zwischen jedem Zuhörer. Selbst Ehepaare sind von dieser Regel nicht befreit.

Kein Zweifel: Ein hoher organisatorischer Aufwand muss das im Vorfeld gewesen sein, verbunden mit großen finanziellen Verlusten für die Philharmoniker. Denn zum Auftaktkonzert dürfen lediglich 456 Zuhörer in den Großen Saal, ab September dann immerhin 636. Verglichen mit den eigentlich verfügbaren 2200 Plätzen sind das niederschmetternd geringe Zahlen. Und was noch dazukommt: Die Akustik des Saals ist eine ganz andere, wenn nur ein Viertel des Publikums oder noch weniger anwesend sein darf.

Wobei wir bei den musikalischen Widrigkeiten sind, mit denen die Philharmoniker an diesem Abend zu kämpfen haben. Einerseits ist da der beträchtliche Nachhall, verursacht durch die fehlenden Publikumsmassen. Anderseits müssen sich auch die Musiker an Abstandsregeln halten: anderthalb Meter zwischen jedem Streicher, zwei Meter sogar zwischen den Bläsern.

Dass dies Auswirkungen auf das Zusammenspiel haben muss, kann sich vermutlich jeder vorstellen. Die spannenden Fragen des Abends lauten nun: Wie sehr sind diese Auswirkungen bei den Philharmonikern zu hören? Und wie arrangieren sich die Philharmoniker mit dem ungewohnten Nachhall?

Am auffälligsten zunächst die kurzfristigen Repertoire-Änderungen: Ursprünglich hatte Kirill Petrenko vorgehabt, seine zweite Chefdirigenten-Saison mit Webern, Mendelssohn und Brahms einzuläuten. Geblieben davon ist im Auftaktkonzert nur Brahms‘ Sinfonie Nr. 4. Mendelssohns Sinfonie Nr. 1 haben die Philharmoniker dagegen ausgelagert. Sie wird Anfang der kommenden Woche in einem Zusatzkonzert zu hören sein, kombiniert mit Überraschungsgast Daniil Trifonov und Beethovens Klavierkonzert Nr. 3.

Schlimmer erwischt hat es leider Weberns Passacaglia op. 1. Wegen der Corona-Abstandsregeln ist sie nicht aufführbar – weil dort mehr Bläser beteiligt sind, als auf dem Podium Platz finden würden. Ein echter Verlust, denn Weberns Passacaglia op. 1 hätte optimal zu Brahms‘ Sinfonie Nr. 4 gepasst. Nicht nur, weil Brahms im Finale ebenfalls mit einer geschichtsträchtigen Passacaglia aufwartet, jenem altehrwürdigen Tanz in Variationsform über festgelegtem Bass-Modell. Nein, Webern treibt zugleich auch ein wesentliches Brahms-Prinzip der Vierten Sinfonie auf die Spitze: die Technik der „durchbrochenen Arbeit“, das Verteilen von Melodietönen auf mehrere Instrumente.

Doch wie auch immer – stattdessen gibt es nun Arnold Schönbergs Frühwerk „Verklärte Nacht“ zu Beginn, in der Streichorchester-Fassung von 1943. Ein spätromantisches Werk, das Brahms‘ klassizistisches Formdenken mit Richard Wagners Leitmotivik vermählt. Kirill Petrenko macht es sehr geschickt: Schlank und elegant lässt er die Philharmoniker spielen, mit abgeklärter Leidenschaft und angenehmem Spielfluss – wohlwissend, dass der Nachhall seinen Beitrag leisten wird. Und dieser Beitrag lässt nicht lange auf sich warten: Die Mittelstimmen verschwimmen auf altmodisch-sakrale Weise und sorgen für üppige Bäuche. Die hohen Streicher rekeln sich in atmosphärischem Wohlklang. Es ist ein Schönberg ohne Wucht und Risiko. Ohne jenes packende innere Drama, das Richard Dehmels Textvorlage eigentlich nahelegt: ein Liebespaar am Scheideweg; die Beichte der Frau, dass sie von einem anderen Mann schwanger ist; das Ringen um die gemeinsame Zukunft.

Im Publikum herrschen Beklommenheit und Mitgefühl

Doch unter den gegenwärtigen Corona-Beschränkungen ist Petrenkos musikalische Zurückhaltung vermutlich die beste Entscheidung. Eine Zurückhaltung, die auch Brahms‘ Sinfonie Nr. 4 gut bekommt. Zumindest dem ersten Satz, den Petrenko so sonnig und melodienselig auffasst, dass man sich ein ums andere Mal an Antonín Dvořák erinnert fühlt. Das Melancholische scheinen sich die Philharmoniker eher für den langsamen Satz aufzusparen. Ab dem Scherzo wechseln sie dann umso plötzlicher ins schicksalshaft Herbe.

Dies ist auch der Moment, in dem Brahms’ Sinfonie in zwei ungleiche Hälften zerfällt – zuerst Idylle und Beschaulichkeit, danach geballte Faust und grimmiger Totentanz. Und während der erste Satz im Zusammenspiel noch ziemlich passabel gelingt, leidet man im Andante moderato mit den Philharmonikern regelrecht mit: Nicht nur räumlich sondern auch musikalisch wirken die Bläser hier sehr weit von den Streichern entfernt. Auch wenn die Philharmoniker dies mit Emphase und viel Herzblut auszugleichen versuchen – es bleibt ein Versuch.

Im Publikum wiederum herrschen Beklommenheit und Mitgefühl. Denn es ist deutlich zu spüren: Besonders im langsamen Tempo fordern die Corona-Mindestabstände gnadenlos ihren Tribut. Insofern schwingen nicht nur Glück und Erleichterung bei den stehenden Ovationen am Ende des Auftaktkonzerts der Philharmoniker mit. Sondern auch Solidarität mit einem Orchester in großen Schwierigkeiten.