„Kaiser von Kalifornien“

Kopfgeldjäger, Kapitalismus-Kritik und kreischende Cowboys

Mit „Der Kaiser von Kalifornien“ beschert die Volksbühne ihren Zuschauern einen großartigen Theaterabend zu Amerikas Anfang und Ende.

"Der Kaiser von Kalifornien"  in der Volksbühne. 

"Der Kaiser von Kalifornien"  in der Volksbühne. 

Foto: Julian Röder

Nach einer halben Stunde wird die Bühne der Volksbühne dem Goldrausch geopfert. Mit einer Spitzhacke werden die weltbedeutenden Bretter aufgebrochen. Da muss es doch irgendwo sein, dieses Gold, von dem alle sagen, dass es Glück bedeutet. Sarah Franke spielt den Cowboy in einer gender-übergreifenden Brutalität, und schreit dabei ihre Wut über die Ungerechtigkeit der Welt hinaus.

Kapitalismus-Kritik, kreischende Frauen in Männerhosen und zwischendurch Kopfgeldjäger, die auf dänischen Sofalandschaften im Buch „Gewaltfreie Kommunikation für Dummies“ blättern – die erste Theaterpremiere an Berlins Traditions-Krawall-Theater ließ Erinnerungen an gute alte Volksbühnen-Momente aufleben, die seit dem unnötigen und ärgerlichen Politik-Putsch gegen den Intendanten Frank Castorf das Theater am Rosa-Luxemburg-Platz in einen Schlaf schickten. Dass die Uraufführung des 36 Jahre alten Regisseurs Alexander Eisenach am 19. März verschoben wurde, interessierte vor knapp einem halben Jahr schon niemanden mehr. Zuviel Mittelmaß hatte es bis dahin gegeben.

Am Donnerstag begann eine Aufführung, die in jeder Hinsicht besonders war. Wer genau hinschaut, konnte merken, dass zwischen den Schauspielern auf der Bühne bis zum Schlussapplaus nach zweieinhalb Stunden der 1,5-Meter-Abstand peinlich genau eingehalten wurde. Während des Stücks trugen sie einen Mund-Nasen-Bedeckung, die sich ohne Probleme in die Geschichte einbauen ließ. Schließlich behandelt das Stück „Der Kaiser von Kalifornien“ das Leben im Wilden Westen, wo Banditen sich das Gesicht oft dauerhaft bedeckten.

Als Vorlage diente lose der Luis-Trenker-Film gleichen Namens von 1936, der die Geschichte von einer Gruppe Schweizern erzählt, die in der Gegend um San Francisco eine Kolonie namens „New Helvetia“ gründen wollten. Johann August Sutter, ein durch Sklavenarbeit reicher Farmer, verliert sein Land, weil Goldgräber dort ihre Claims abstecken. Was Alexander Eisenach, der zuvor schon auffällig wirtschaftskritische Stücke am Berliner Ensemble inszenierte, in seinem Volksbühnen-Debüt daraus machte, ist die Geschichte vom Aufstieg und Fall des amerikanischen Traums.

Als Bühnenbild (Daniel Wollenzin) dient ihm dabei ein sich immer wieder symbolhaft drehendes Schaufelrad, das wahlweise Zahnrad der Zeit, Ausbeuter-Hamsterrad oder eine Jahrmarktsattraktion sein könnte. Mal wird es auf der Drehbühne umrahmt von Wachtürmen, mal von einer Kathedralen-Konstruktion, mal dreht es sich hinter einem Gemälde von einer Disney-Pocahontas. Vor diesem Hintergrund erzählt das großartige Ensemble in Szenen die Geschichte der Founding Fathers des heutigen Silicon Valley.

Soviel wird schnell klar: Es ist auf Gewalt gegründet und auf einer Entwertung des Menschen als Humankapital. Vom Kopfgeldjäger ist es kein weiter Weg zum Headhunter der Neuzeit. Fast tut einem der Ausbeuter Sutter leid, der die Zeichen der Zeit nicht hört und Stück für Stück demontiert wird – zuletzt fast buchstäblich als Statue „gecancelt“. Die Ideenfülle, die auf der Bühne aufgefahren wird, das Spielen mit Western-Bildern wie dem Square-Dance der Corona-Ärzte und dem Showdown, bei dem alle ihre Waffen auf alle Anwesenden richten – inklusive einer Live-Kamera, in denen vor allem die aus den „Fack ju Göthe“ -Filmen bekannte Jella Haase wunderbare Momente schafft: All das knüpft an Sehgewohnheiten des geübten Volksbühnen-Publikums an und macht schon jetzt Lust auf die Intendanz von René Pollesch, der im kommenden Jahr den Posten antreten wird.

Störend allein die manchmal zu aufdringlich schrammelnde Musik und allzu lang hingezogenen Kreisch-Monologe. An solchen Stellen setzten sich manche Leute im Publikum ihre Masken auf, damit man ihr Grinsen nicht sehen konnte – und zwei verließen sogar den ohnehin nur zu einem Drittel gefüllten Saal. Dafür störte kein Buhruf diese gelungene Premiere ohne Premierenfeier. Beim Hinausgehen wurde peinlich genau auf Abstand geachtet. Ist ja alles kein Spaß hier.