Literatur

Das sind die neuen Romane für den Herbst

Krisen des Körpers, berührende Familiengeschichten und zeithistorische Panoramen: Unsere Leseempfehlungen für die kommenden Wochen.

Die in Dublin geborene Sally Rooney hat sich mit ihrem 2019 erschienenen Roman „Gespräche mit Freunden“ schon in das Herz der jüngeren Generation geschrieben.

Die in Dublin geborene Sally Rooney hat sich mit ihrem 2019 erschienenen Roman „Gespräche mit Freunden“ schon in das Herz der jüngeren Generation geschrieben.

Foto: pa / TT NEWS AGENCY

Das Überbietungsspiel, wer denn derzeit am meisten leidet unter den Pandemie-Vorkehrungen, wird in der Kulturszene nicht dargeboten. Was sollte das auch bringen? Klar ist aber, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat. In der Literaturbranche hat es das Gewicht all der einst mit allerlei Hoffnungen geschriebenen und eingekauften Titel, die das Coronavirus im Frühjahr versenkte. Die Titel aus dem Februar, März und April wurden zu wenig beachtet. Und jetzt kommen schon die neuen Titel: Denen wird das gleiche Schicksal wahrscheinlich erspart bleiben. Es finden seit einiger Zeit wieder Lesungen statt. Und der Buchmarkt, so meldete der Börsenverein zuletzt, erholt sich auch langsam. Heißt: Das Minus bei den Buchverkäufen ist ein wenig kleiner geworden im Sommer. Wir haben neun Empfehlungen aus dem zweiten Literatur-Halbjahr zusammengestellt.

Vatergeschichte Wie wuchs die Generation auf, die, noch vom Nationalsozialismus geprägt, ihre Kindheit zwischen Trümmern verbrachte? Der in Berlin lebende Autor Michael Kleeberg geht in Glücksritter (Galiani Berlin, 240 Seiten, 20 Euro) dieser Frage anhand der eigenen Familiengeschichte nach. Genauer: Am Beispiel seines 1931 in Frankfurt am Main geborenen Vaters. Auslöser der Recherche ist eine beunruhigende Mail des bereits 80-Jährigen, aus der hervorgeht, dass dieser einem Trickbetrüger aufgesessen ist. Der Sohn beginnt, die Lebensgeschichte dieses Mannes zu recherchieren – und entdeckt ihn neu. Wie auch schon in Kleebergs erfolgreichem Roman „Karlmann“ (2007) ist eine nebenbei erzählte, bundesrepublikanische Nachkriegsoziologie zu erwarten – allerdings erzählt anhand einer Lebensgeschichte, die den sich handelsüblichen Milieuzuschreibungen verweigert.

Tochtergeschichte Von Elena Ferrante, dank ihrer neapolita­nischen Saga eine der meistgelesenen Schriftstellerinnen der jüngeren Vergangenheit, erscheint an diesem Sonnabend ein neues Werk (nicht wie zuletzt ein älteres, erst jetzt übersetztes): „Das lügenhafte Leben der Erwachsenen“ (Suhrkamp, 415 Seiten, 24 Euro) spielt wieder in ihrer Heimatstadt Neapel. Im Zentrum steht die 13-jährige Giovanna, die zeitgleich in die Pubertät kommt und Merkwürdigkeiten im Leben ihrer Eltern zu entdecken beginnt – und nebenbei auch noch die dunkle, lasterhafte Seite ihrer Heimatstadt. „Ein grandioser, sehr schön dichter und komplexer Roman, den man Satz für Satz genießen sollte“, lobt die italienische Tageszeitung „La Stampa“.

Neues aus Norwegen Das heißt hier: Neues von Karl Ove Knausgård, dem mittlerweile in London lebenden Weltstar aus Norwegen, der sich einst in seinem „Min Kamp“-Zyklus literarisch auszog, um allen, die es wissen wollten, sein Seelenleben zu zeigen. Mit „Aus der Welt“ (Luchterhand, 928 Seiten, 26 Euro, erscheint am 19. Oktober) veröffentlicht Knausgårds deutscher Verlag, nun sein Debüt – es handelt von der Liebe eines Aushilfslehrers in Nordnorwegen zu seiner Schülerin. Der Knausgårdkenner denkt sofort an „Leben“, den vierten autobiografischen Band, in dem der junge Karl Ove Aushilfslehrer ist.

Altmeisterliches Wer die Vereinigten Staaten und ihre Geschichte besser verstehen möchte, ist schon seit Jahrzehnten bei Richard Ford an der richtigen Adresse. Seine Romane über den Sportreporter und späteren Immobilienmakler Frank Bascombe („Der Sportreporter“ 1986, „Unabhängigkeitstag“, 1995, „Die Lage des Landes“, 2006, und „Frank“, 2015) haben die Seelenlandschaft der USA gründlich kartographiert und zeigen Richard Fords Kunst, anhand persönlicher Biografien Zeitgeschichte festzuhalten. In diesem Jahr gibt es zwar keinen großen Roman, wohl aber einen Band mit Kurzgeschichten: In „Irische Passagiere“ (Hanser Berlin, 288 Seiten, 22 Euro). Wir begegnen Menschen, die eine falsche Ausfahrt im Leben genommen haben und plötzlich alles neu ordnen müssen.

Vom Verliebtsein Die 1991 in Dublin geborene Sally Rooney hat sich mit ihrem 2019 erschienenen Roman „Gespräche mit Freunden“ aus dem Stand in das Herz der jüngeren Generation geschrieben – das Buch wurde in zehn Sprachen übersetzt und für zahlreiche Preise nominiert. Nach der Geschichte zweier Dubliner Studentinnen, die sich in ein rund zehn Jahre älteres Ehepaar verlieben, lernen wir nun den allseits beliebten Connell und die Außenseiterin Marianne kennen, die in einer westirischen Kleinstadt aufwachsen und sich heillos ineinander verstricken. Ältere Leser werden in „Normale Menschen“ (Luchterhand, 320 Seiten, 20 Euro) viel Erhellendes darüber entdecken, welchen Begriff die um 2000 geborene Generation von einer Liebesbeziehung hat.

Vom Körper Seit 2011 erzählt der Schauspieler Joachim Meyerhoff unter dem Titel „Alle Toten fliegen hoch“ seine Biografie – von seinem Schüleraustausch in Wyoming (USA), von seiner Kindheit auf einem Psychiatriegelände in Norddeutschland, von den Erlebnissen auf der Schauspielschule und vom Leben in der Provinz – aberwitzig, atemlos und vollgestopft mit skurrilen Begegnungen. In „Hamster im hinteren Stromgebiet“ (Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 24 Euro) wird es nun lebensbedrohlich. Derselbe Mann, der auf der Bühne an den Rand der körperlichen Belastungsgrenze geht, liegt nach einem Schlaganfall auf der Intensivstation eines Krankenhauses – angeschlossen an Schläuche und Apparate, zur Passivität verdammt. Er erfährt neu, wer ihm wirklich nahe steht, und er lernt seltsame und großartige Menschen kennen. Wie immer bei Meyerhoff ist das tragikomisch, schnell und rasend unterhaltsam.

Im Gefängnis Was in Frankreich mit dem Prix Goncourt prämiert wird und Platz 1 der Bestsellerliste erreicht, sollte auch in Deutschland sein Publikum finden. Der ehemalige Sportreporter und US-Korrespondent Jean-Paul Dubois, Jahrgang 1950, erzählt die Geschichte eines Mannes, der in einem Gefängnis von Montréal einsitzt. „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“ (dtv, 256 Seiten, 22 Euro) handelt davon, wie schnell das Leben aus den Fugen geraten kann: Nachdem Paul Hansen als Hausmeister 25 Jahre lang eine exklusive Wohnanlage in Kanada betreut hatte, verlor er plötzlich die Kontrolle über sich – und hat nun, in Gegenwart eines nur scheinbar bärbeißigen Zellengenossen, viel Zeit zur Rückschau. Ein lebenskluger, komischer Roman, der mit dramaturgischem Geschick die erzählerischen Ebenen wechselt.

Brüchiges Idyll Für uns vollständig digitalisierte Menschen wirken die 1970er-Jahre geradezu exotisch – eine Zeit, die den Fernsehapparat als Fenster zur Welt nutzte und in der die Menschen nicht erreichbar waren, sobald sie das Haus verließen. Der vielfach preisgekrönte, vom Niederrhein stammende Schriftsteller Christoph Peters erzählt in seinem „Dorfroman“ (Luchterhand, 416 Seiten, 22 Euro) vom in seiner Heimatregion gelegenen Dorf Hülkendonck, das zutiefst katholisch geprägt ist und wie in der Zeit gestrandet scheint – bis eines Tages die Pläne zum Bau eines Atomkraftwerks bekannt werden und für harte Konflikte innerhalb der Bevölkerung sorgen. Was vielen noch als Streit um den „schnellen Brüter“ in Erinnerung ist, nutzt Peters für ein großes, historisches Sittengemälde, in dem viel spannende Zeitgeschichte zum Vorschein kommt.

Hamburger Straßenschlachten Der Roman „Sicherheitszone“ von Katrin Seddig (Rowohlt, 449 Seiten, 24 Euro) spielt im Sommer 2017, als beim G-20-Gipfel Straßenschlachten geschlagen wurden. Seddig lässt den gesellschaftlichen Konflikt im Kleinen eskalieren. Nämlich bei den Koschmieders in Hamburg-Marienthal. Der Sohn Polizist, die Tochter linksorientiert, auch die Eltern machen Bekanntschaft mit dem politischen Kampf. Die G-20-Krawalle als Familienroman: Genau so kann man das erzählen.