Schauspielerin

Wie Gertrud Eysoldt die Freizügigkeit nach Berlin brachte

Sie verschrieb sich ihren Rollen mit Haut und Haar: Vor 150 Jahren wurde die berühmte Schauspielerin geboren

Die deutsche Schauspielerin Gertrud Eysoldt (1870-1955).

Die deutsche Schauspielerin Gertrud Eysoldt (1870-1955).

Foto: picture alliance / IMAGNO/Archiv Setzer-Tschiedel

Zu Gertrud Eysoldts 150. Geburtstag nach denjenigen Dingen zu suchen, welche die Größe dieser kleinen, agilen Schauspielerin ausmachten – dies gleicht archäologischer Tätigkeit. Um noch schnell Filmstar zu werden, war Eysoldt im Jahr 1870 im sächsischen Pirna eindeutig einige Jahrzehnte zu früh geboren. Die Entwicklung des Stummfilms in der Weimarer Republik zumindest beobachtete sie mit Interesse und wachem Geist. Aber auch in dieser Zeit war Gertrud Eysoldt bereits in ihren Fünfzigern. In der jungen Welthauptstadt des Films lag es mehr als nahe, die Darstellerin aus Max Reinhardts revolutionärem Traumtheater für einige dämonische oder schrullige Charaktere der expressionistischen Stummfilme zu buchen, was ab und zu geschah. In den Roaring Twenties brannten Gertrud Eysoldt andere Dinge unter den Nägeln. Zwei Jahre lang war sie Direktorin des Kleinen Schauspielhauses in Charlottenburg. Hier wurde 1920 eine Aufführung des sexuell freizügigen Stücks „Reigen“ von Artur Schnitzler verboten. Eysoldt widersetzte sich dem Verbot und gewann einen Prozess gegen den Preußischen Staat, der sie fast ins Gefängnis gebracht hätte.

Fortschrittliche Sexualmoral und das Eintreten fürs Frauenrechte: Nicht alles, was über die Schauspielerin erzählt wird, lässt sich sofort belegen – der familiäre Nährboden für solche Kämpfe war aber durchaus vorhanden. Eysoldts Schwester Anna war um 1890 eine der ersten deutschen Medizinstudentinnen. Als Schauspielerin verkörperte Gertrud Eysoldt selbst nicht mehr den Typus der romantischen Heroine des 19. Jahrhunderts. Sie war vom Racheweib bis zum Kobold genauso wandlungsfähig wie ihr Regisseur Max Reinhardt, der bekanntlich als Twen am Deutschen Theater Berlin mit Vorliebe Greise spielte.

Von obsessiven Gewaltfantasien beherrscht

Was die Schauspielerin Gertrud Eysoldt im Reinhardt-Theater kurz nach 1900 für künstlerische Wirkungen zu erzielen vermochte, ist heute nicht mehr abrufbar – höchstens über einen Umweg in die Oper. Von 1906 bis 1909 komponierte Richard Strauss seinen blutigen Psycho-Einakter „Elektra“, für viele Kenner ist es seine modernste Oper. Gemeinsam mit einem kakophonischen Orchester in Rekordgröße wühlt sich ein hochdramatischer Sopran durch die Psyche einer Frau, die von obsessiven Gewaltfantasien beherrscht wird. Das Orchester schreit, klirrt und kratzt dazu, um dann wieder mit maximalem Pathos die Zerschundene im dreckigen Gewand dunkel zu umkränzen. Strauss nutzte als Vorlage die Antiken-Adapion des Dichters Hugo von Hofmannsthal. Für Hofmannsthal seinerseits war das brutale, nihilistische Kammerspiel viel weniger von Euripides und dem lichten Griechenbild des Klassizismus inspiriert als von Gertrud Eysoldt. Er trag sie sofort zu einem Geschäftsfrühstück, nachdem er sie an Reinhardts „Kleinem Theater“ Unter den Linden einmal gesehen hatte. Nach Fertigstellung von Hofmannsthals „Elektra“ brauchte Max Reinhardt fast nur Eysoldt für die Uraufführung – nach ihr brauchte das Stück die Opernfassung mit rund 150 Mitwirkenden, um bis heute zu überleben.

Hofmannsthal schrieb die „Elektra“ für Eysoldt: Die schlaflose Nacht der Schauspielerin, nachdem sie das Skript las, ist in Form von Briefen an den Dichter ebenfalls Theatergeschichte geworden: „Warum rufen Sie mich da in meinen bängsten Tiefen! Wie ein Feind.“ Ihre Weltklasse im damaligen Theaterberlin bestand darin, sich mit mehr als Haut und Haar an eine Rolle zu verschreiben – durchaus mutig im Fall einer psychisch kranken Figur. Aber: „Das Herz meiner Künstlerschaft ist Mut.“

„Der Stil der malenden Schauspielkunst“

Das Ergebnis wirkte prägend auf Theaterkritiker des Kaiserreichs wie Alfred Kerr. Für ihn verkörperte die Schauspielerin als Elektra „ein Ding, nicht einen Fall“. Sie sei, so Kerr, „eine Fledermaus der Rache: Sie ist mit Raubtieraugen Hüterin des Mordes, wird zum Ornament, zu einer Impression, zu einem Symbol, sie gibt den Stil der malenden Schauspielkunst.“

Kein Wunder, dass eine solche Darstellung sich auch in der Vorstellungswelt eines Komponisten wie Strauss sofort in Klang, in vibrierende Luft wandelte. Eysoldt stand hier 1901 gemeinsam mit Hofmannsthal und Reinhardt an der Schwelle zur modernen Darstellung: Sie war nicht mehr die alte Hoftheaterheldin, die Monologe in eine Pappkulisse stellte. Eysoldt war Bestandteil eines Regie-Gesamtkonzepts aus Licht, Bewegung, Spiel, ein „Ding“ im Raum eben – ebenso als Puck in Shakespeares „Sommernachtstraum“. Sie entzog den Puck dem Ballettknaben-Klischee und gab erstmals in der Theatergeschichte den lustig-bedrohlichen Gnom. Max Reinhardt gab ihr in insgesamt vier Inszenierungen der nächsten Jahrzehnte dazu den Dreck und das echte Gestrüpp des Waldes mit auf die Bühne, statt Pappmachée.

Durch die Ära des Stummfilms weht Gertrud Eysoldt nur noch als Hauch, freilich als Hauch größter Theaterkunst – und da beginnt die Archäologie. Als alte durchtriebene Fee huscht sie etwa durch den zehnminütigen Kinder-Märchenfilm „Der verlorene Schuh“ von 1923. Man muss genau hinschauen, dann erblickt man ein märchenhaft kostümiertes Hutzelweib. Man nimmt ihm trotz der paar Sekunden Auftritt in seiner expressionistischen Gestik sofort ab, dass es das gesamte Schloss in Zauberbann genommen hat.