Pressegespräch

Corona-Schutz: So wollen die Philharmoniker wieder auftreten

Intendantin Andrea Zietzschmann erklärt, wie das Orchester auf die Bühne zurückkehrt. Es soll mehr Konzerte für weniger Publikum geben.

Intendantin Andrea Zietzschmann wirbt für den Neustart der Philharmoniker und für die hauseigene Maske für alle vergesslichen Besucher.

Intendantin Andrea Zietzschmann wirbt für den Neustart der Philharmoniker und für die hauseigene Maske für alle vergesslichen Besucher.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Die Philharmoniker haben ihren Vorverkauf begonnen und verkünden den Neuanfang. Zunächst einmal ist es ein Stühlerücken. Das beginnt beim Eröffnungskonzert am 28. August, bei dem Chefdirigent Kirill Petrenko am Pult steht. Ursprünglich waren Webern, Mendelssohn und Brahms geplant. Jetzt steht Schönbergs „Verklärte Nacht“ auf dem Programm, Brahms’ Vierte Symphonie ist geblieben. Allerdings werden statt 16 ersten Geigen, wie Intendantin Andrea Zietzschmann sagt, nur 13 spielen. Die Abstandsregeln und die pausenlosen Konzerte fordern ihren Preis. In fast jedem Konzert sind jetzt andere Werke kombiniert – mit Ausnahme von Daniel Barenboims Konzerten vom 22. bis 24. Oktober, in denen nach wie vor Smetanas „Mein Vaterland“ aufgeführt wird.

67 Musiker finden nach aktuell geltenden Abstandsregeln maximal Platz auf der großen Bühne, und im Kammermusiksaal sind es 25. Aber während Andrea Zietzschmanns Pressegespräch in der Philharmonie am Montag hat Charité-Epidemiologe Stefan Willich zeitgleich zwei neue Stellungnahmen in die Öffentlichkeit gebracht. Demnach können sowohl die Besucher im Saal als auch die Musiker auf der Bühne wieder dichter zusammenrücken. Für die Streicher empfiehlt Willich, der selber auch Dirigent ist und einige Jahre lang Rektor der Berliner Musikhochschule Hanns Eisler war, einen Stuhlabstand von einem Meter, für die Bläser 1,5 Meter. Der Plexiglasschutz vor den Blechbläsern sei nicht mehr notwendig.

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Sollten die Politik und die Betriebsärzte der Empfehlung folgen, beginnt in der Philharmonie wieder das Stühlerücken. Natürlich hofft man auf weitere Lockerungen. Wobei die umsichtige Intendantin auch ein großer Maskenfan ist und am Montag gleich einen Philharmoniker-eigenen blauen Mund-Nasen-Schutz präsentiert. Den können Besucher kaufen, falls sie ihren vergessen haben. In der Philharmonie gilt Maskenpflicht bis hin zum Sitzplatz. Danach entscheidet jeder selbst.

„Es war die längste Spielpause der Berliner Philharmoniker in ihrer Geschichte“, sagt die Intendantin rückblickend, „selbst in den beiden Weltkriegen hatte das Orchester größtenteils durchgespielt.“ Mit Blick nach vorne meint sie, auch in der neuen Spielzeit werde nichts normal sein. Das vorliegende Programm sei die vierte oder fünfte Fassung, weil sich dauernd die Auflagen geändert hätten. „Wir haben in den letzten Monaten um einen attraktiven und sicheren Neustart gekämpft.“ Vorgestellt wird allerdings nur ein Konzertplan von Ende August bis Ende Oktober, „um flexibel reagieren zu können“.

Das Auffälligste am Neueinstieg ist, dass die Philharmoniker zwölf zusätzliche Konzerte im Plan haben, einzelne Programme werden sogar an einem Tag wiederholt. Die Formel lautet: Mehr Konzerte bei weniger Publikum. Denn noch gelten die strengen Auflagen, worum es im Gespräch überwiegend am Montag geht. Im August dürfen 456 Leute in den großen Saal, aber im September 636. Für den Kammermusiksaal sind
313 Besucher zugelassen. Weil sich das überhaupt nicht rechnet, sind Konzerte in den großen Saal verlegt worden.

Die Abonnenten sind nochzögerlich beim Vorverkauf

Dass mehr Konzerte des Spitzenorchesters möglich sind, hängt auch damit zusammen, dass nach zwei Auftritten im Großen Festspielhaus in Salzburg das Luzern-Gastspiel nicht stattfindet. Davon könnte das Berliner Publikum profitieren. Aber ganz so einfach ist es offenbar nicht. Das Programm war bereits in der vergangenen Woche vorgestellt worden, die Abonnenten hatten ein Vorkaufsrecht. Bislang sind von 23.000 verfügbaren Karten erst ein Drittel verkauft. Das reifere Klassikpublikum bleibt offenbar noch vorsichtig. Die Intendantin meint achselzuckend, dass man nach der Corona-Krise vielleicht ein jüngeres Publikum habe als vorher.

Bis dahin kann es für die erfolgsverwöhnten Philharmoniker mit ihrem 2200-Plätze-Saal ein Problem werden. Die Einnahmen aus Kartenverkäufen, die lukrativen Gastspiele und die Vermietungen fließen normalerweise in den vergleichsweise hohen Eigenanteil der Institution. In diesem Jahr werde sich das Minus der Philharmoniker auf zehn Millionen Euro belaufen, sagte Andrea Zietzschmann am Montag. Von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) habe sie die Zusage, dass der Bund entsprechend dem Subventionsanteil ein Drittel der Einnahmeverluste decken werde. Auch vom Berliner Senat gebe es positive Signale. Zudem fehle die Rückrechnung aus der Kurzarbeit, in der sich Musiker wie Mitarbeiter befinden.

Exklusiv bleibt das künstlerische Angebot zum Neuanfang. Neben Petrenko und Barenboim dirigieren Marek Janowski, Daniel Harding, Francois-Xavier Roth und Marc Minkowski, der junge Lahav Shani gibt sein Debüt. Bedrückend bleiben die Rahmenbedingungen: keine Gastronomie, kein Programmheft, keine Einführungen.