Staatskapellen-Jubiläum

Nur einer durfte den König kritisieren

Claudia Stein spielt beim Staatskapellen-Jubiläum ein Flötenkonzert von Friedrich II. und erinnert an dessen Hofkomponisten Quantz.

Claudia Stein ist Solo-Flötistin der Staatskapelle Berlin, die im September ihr 450-jähriges Bestehen feiert.

Claudia Stein ist Solo-Flötistin der Staatskapelle Berlin, die im September ihr 450-jähriges Bestehen feiert.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Berlin.  Die Querflöte spielt in der 450-jährigen Geschichte der Kapelle eine besondere Rolle. Insofern mag es nur auf den ersten Blick ins Programm der Festwoche verwundern, dass Solo-Flötistin Claudia Stein am 12. September den „Tag der Staatskapelle“ mit einem Flötenkonzert des Preußenkönigs eröffnet. „Für uns ist Friedrich II. eine sehr wichtige Persönlichkeit“, sagt die Flötistin: „Als Kronprinz hatte er schon in seiner Rheinsberger Zeit großartige Musiker verpflichtet und somit die unter dem Soldatenkönig zusammen geschrumpfte Militärkapelle gerettet. Er ist damit im Grunde der Gründer der Staatskapelle, wie wir sie heute kennen. Als König ließ er sofort das Opernhaus Unter den Linden bauen. Dieses wurde 1742 eröffnet, und die Kapelle zog dort ein.“

Im großen Saal der Staatsoper findet jetzt auch das Konzert statt. „Ich finde es total faszinierend, dass wir früher einen Flöte spielenden König hatten, der so eng mit der Kapelle verbunden war.“ Die Musikerin merkt schon, dass es in ihrer Begeisterung etwas monarchistisch klingt und lacht es gleich wieder weg. Aber der Widerspruch, dass Friedrich II. ein machthungriger Kriegsherr und zugleich ein sensibler Flötenspieler gewesen sein muss, ist für viele kaum aufzulösen. Claudia Stein sieht ihn natürlich zuerst künstlerisch. „Friedrich muss die langsamen Adagio-Sätze sehr berührend gespielt haben“, sagt sie und beruft sich auf Überlieferung durch Zeitzeugen. „Viele Sonaten sind in der historischen Aufführungspraxis mit den Verzierungen und Ornamenten sehr anspruchsvoll“, fügt sie hinzu: „Man muss sie wirklich üben.“

Selbst auf den Feldzügen hatte der König seine Flöte bei sich

Vier Konzerte und mehr als 120 Sonaten hatte Friedrich II. komponiert. Seine Musik sei sehr abwechslungsreich, betont Claudia Stein. „Das Hauptwerk sind die Flötensonaten, welche er ausnahmslos zu seinem eigenen Vergnügen geschrieben hat. Er spielte selten im großen Kreis, sondern immer in seinem kleinen Musikzirkel, zu dem man nur schwer Zutritt bekam. Er musizierte nicht, um sich zu präsentieren, sondern weil es ihm Freude gemacht hat. Er spielte täglich auf der Flöte, selbst auf den Feldzügen hatte er seine Flöte bei sich. Quantz begleitete ihn manchmal, um ihn auch im Feld zu unterrichten.“

Johann Joachim Quantz war 1741 als Flötist, Lehrer und Komponist aus Sachsen an den Hof nach Berlin und Potsdam gekommen und dort bis zu seinem Tod 1773 geblieben. Er war einer der wichtigsten Künstler seiner Zeit und prägte die damalige Hofkapelle. „Er hatte eine herausragende Stellung bei Hofe“, sagt Claudia Stein und erinnert sich daran, wie sie von der Witwe eines früheren Kollegen Noten und ein Buch bekam, das ein sie überraschendes Dokument enthielt. „Es gibt eine mit Schreibmaschine verfasste Liste, auf der – mit Quantz beginnend – nahezu lückenlos alle Flötisten, die jemals in der Staatskapelle gespielt haben, aufgeführt sind“, sagt sie: „Das war das erste Mal, dass mir bewusst wurde, dass ich in der Nachfolge von Quantz spiele.“

Die Damen sitzen, die Herren müssen ehrfürchtig stehen

Von Adolph von Menzel ist uns das berühmte Gemälde „Flötenkonzert Friedrichs des Großen in Sanssouci“ von 1850/52 hinterlassen. Im Zentrum des fiktiven Abendkonzerts steht der Flöte spielende König. Aber ein genauerer Blick lohnt. Die Damen sitzen, die Herren müssen ehrfürchtig stehen. Am Cembalo spielt der etwas blasiert wirkende Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel. Hofkapellmeister Carl Heinrich Graun, mit dessen Oper „Cesare e Cleopatra“ die Hofoper 1742 eröffnet wurde, steht hinter den Prinzessinnen. Rechts außen lehnt sich Quantz an ein Gemälde, er wirkt väterlich, irgendwie versonnen, aber nicht wirklich ehrfürchtig.

„Quantz muss eine besondere Persönlichkeit gewesen sein, ihm war es als einzigem erlaubt, den König zu kritisieren“, sagt Claudia Stein. „Er hat die Hofkonzerte geleitet und unterrichtet. Er schrieb Bücher über Pädagogik und gründete eine musikpädagogische Linie. Eine Art Schule -- die Flötisten der Kapelle wurden nach einem bestimmten System ausgebildet. Vorher waren die meisten Stadtmusikanten oder Autodidakten, die sich vieles abgeguckt und selber beigebracht haben. Musikschulen oder ähnliches gab es ja noch nicht.“

In der neuen Hofoper begann auch das Doppelleben der Kapelle, die von nun an Oper und Konzerte spielt. „Das Reizvolle ist, dass man beides macht“, sagt die Solo-Flötistin. „Konzerte zu spielen ist toll, Oper aber auch. Das Interessanteste an unserem Beruf ist, dass man jeden Abend etwas anderes spielen kann.“

Die aus Dresden kommende Musikerin, die von Daniel Barenboim in die Staatskapelle verpflichtet worden war, spricht lieber über die Musik, die sie gerade umtreibt, dagegen weniger über Privates wie ihr Dasein als Mutter von drei schulpflichtigen Kindern in Corona-Zeiten. Im Gespräch zückt Claudia Stein ihre zum Staatskapellen-Jubiläum bei Naxos erschienene CD mit Flötensonaten des großen Friedrich.

Alte Musik lässt sich gut auf neuen Instrumenten spielen

„Ich möchte zeigen, dass man alte Musik auch auf neuen Instrumenten spielen kann“, sagt sie. „Ich finde: Wir leben in der heutigen Zeit, und die Instrumente haben sich aus gutem Grund weiter entwickelt. Mozart wäre von den heutigen modernen Flöten begeistert gewesen.“ In ihrer eigenen Suche, Altes und Neues verbinden zu wollen, möchte sie auch den großen Bogen zum 450-jährigen Bestehen schlagen. „Wir sind stolz darauf, dass die Staatskapelle auf so eine Tradition zurückblicken kann. Uns verbindet eine sehr klare gemeinsame Klangvorstellung und eine bestimmte Idee, zusammen zu musizieren.“