Theater

„Komödie. Stadt. Strand“: Die Theatersaison wird angebadet

„Der Orient-Express“ rollt noch nicht an, das Schiller Theater aber schon: Martin Woelffer über die Wiedereröffnung seines Hauses.

Martin Woelffer im Zuschauersaal des Schiller Theaters. In zwei Wochen wird der Betrieb wieder aufgenommen – aber nur für wenige Zuschauer.

Martin Woelffer im Zuschauersaal des Schiller Theaters. In zwei Wochen wird der Betrieb wieder aufgenommen – aber nur für wenige Zuschauer.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Noch liegen im Schiller Theater keine Handtücher über den Sitzen. Die aber werden demnächst verteilt, wie beim Mallorca-Urlaub. Nur waren dann keine Frühaufsteher schneller, wegen der strengen Corona-Bestimmungen müssen viele Plätze frei bleiben. Eigentlich verfügt das Haus über 1060 Sitze, doch maximal 300 können verkauft werden, wenn am 12. August nach genau fünf Monaten Zwangspause der Spielbetrieb wieder aufgenommen wird.

Etwas Ironie kann angesichts der spärlichen Auslastung nicht schaden. Und so stellt man die ganze kommende Spielsaison unter das Motto „Komödie Stadt Strand“. Urlaub im Süden fiel für die meisten ja aus. Intendant Martin Woelffer wirbt für Urlaub vom Alltag in seinem Haus: „Aber sicher.“

Gar nicht spielen zu können – das gab es zuletzt im Krieg

Vorab gibt es bereits am Sonntag, den 9. August, von 16 bis 19 Uhr einen Aktionstag, der nicht von ungefähr an den Einzug der Komödie ins Schiller Theater im September 2018 erinnert. Wieder treten Stars des Haues wie Walter Plathe, Gayle Tufts, Marion Kracht oder die Familie Flöz auf – draußen, auf dem Vorplatz. Man kann auch schon mal in den Saal spicken und „Probesitzen“, wie die Aktion denn auch heißt. Im Strand-Jargon könnte man natürlich auch vom Anbaden der Theatersaison sprechen.

Probesitzen: Aber sicher: Das Programm zum Aktionstag

Wichtig ist vor allem, das es wieder losgeht, wie Martin Woelffer sagt. Mit dem wir jetzt, natürlich mit gebührendem Sicherheitsabstand, im noch leeren Saal sitzen. Am schlimmsten sei es gar nicht zu spielen. „Schon rein finanziell“, wie er meint, „aber auch vom Berufsethos her.“ Es kommt immer mal vor, dass sich ein Schauspieler ein Bein bricht oder eine Premiere verschoben werden muss. Aber gar nicht spielen – auf Monate? Das gab es zuletzt im Krieg.

Krisenerprobter als andere Theater

Die Ku’damm-Komödie hat es besonders schwer getroffen. Weil sie zuletzt eine Produktion einstudiert hat, die für das Haus eigentlich zu groß und zu teuer ist: Während andere Inszenierungen 400.000 bis 600.000 Euro kosten, verschlang „Mord im Orient-Express“ unter der Regie von Katharina Thalbach rund eine Million. Der Vorverkauf lief allerdings sehr gut.

Doch dann mussten, wenige Tage vor der Premiere, alle Theater schließen. Woelffer nimmt es mit Galgenhumor. Sein Theater ist ja krisenerprobter als alle anderen Häuser. Lange war die Zukunft der Ku’dammbühnen ungewiss, bis sie vor dem Abriss ihres alten Standorts ins Schiller Theater umzogen. „Die existenzielle Bedrohung kannten wir, im Gegensatz zu allen anderen.“

Das Nichtstun war im Rückblick das Furchtbarste, meint Woelffer. Wenn man mal eine schlechte Saison habe, könne man den Spielplan ändern oder die Marketingstrategie. Hier ging es aber nur darum, durchzuhalten. Und anfangs wusste man ja gar nicht, für wie lange. Das Publikum hat sich dabei glücklicherweise als sehr treu erwiesen. Etwa 90 Prozent aller Zuschauer, die bereits Karten gebucht hatten, wollten ihr Geld nicht zurück. Einige haben sogar aus Solidarität zusätzlich gespendet. Nur ganz wenige gaben die Tickets zurück: zumeist Touristen, die nicht wissen, ob sie wieder nach Berlin kommen werden.

Über manche Bestimmung ärgert sich Woelffer

Der „Orient-Express“ kann erst mal noch nicht abfahren, bei der Produktion stehen viel zu viele Menschen auf der Bühne. Am 12. August wird erst mal „Komplexe Väter“ mit Jochen Busse und Hugo Egon Balder wieder aufgenommen. Und natürlich sind die nächsten Monate erst mal ein Minusgeschäft. Aber wichtig, so Woelffer, ist das Signal, dass es jetzt wieder losgeht. Und dass man Erfahrungswerte sammelt.

Ganz fatal fand er es, als das Berliner Ensemble zu Beginn des Lockdowns den Großteil seiner Sitze abmontiert hat, um zu demonstrieren, wie künftige Vorführungen aussehen könnten. Da hat sich Woelffer nicht nur als Theaterleiter geärgert, sondern auch als Theatergänger: „So hat man doch wirklich gar keine Lust mehr.“ Dabei sind Theater, wie Kinos auch, ziemlich Corona-sicher, wie immer wieder postuliert wird. Weil die Gäste hier nur still sitzen und nach vorne schauen.

Ärgert sich Woelffer über die rigiden Sicherheitsbestimmungen in Kulturstätten, während es in Flugzeugen und selbst im öffentlichen Nahverkehr kaum Sicherheitsabstand gibt? Schon, gibt er zu. Er hatte anfangs vollstes Verständnis für den Lockdown, weil das Gesundheitssystem hätte zusammenbrechen können. Und er sei der Letzte, der wolle, dass Zuschauer sich im Theater anstecken. „Ich verstehe aber nicht, warum jetzt jedes Bundesland anders verfahren kann. Warum eine Vorschrift gilt und ein paar Kilometer weiter eine andere.“

Alle Hoffnung ruht auf Salzburg

Alle Theatermacher schauen deshalb erwartungsvoll nach Salzburg. Dort beginnen am Wochenende die Festspiele. In Österreich gilt ein Mindestabstand von nur einem Meter. Wenn da alles gut geht, könnte auch in Deutschland der Mindestabstand verringert werden. Auf nur einen Meter oder gar auf je einen freien Platz. Es wird aber noch lange dauern, bis wieder Normalität einkehrt.

Mit der Premiere vom „Orient-Express“ rechnet Woelffer frühestens im Januar. Und auch das muss klar sein: Ohne weitere öffentliche Zuschüsse kann der Betrieb auf lange Sicht nicht aufrechterhalten werden. Über weitere Worst-Case-Szenarien, etwa bei einer zweiten Welle, will er gar nicht nachdenken. „Wir haben schon den Worst Case – nicht spielen zu können. Ich will mir nicht vorstellen, was noch alles passieren kann. Man darf jetzt nicht in Pessimismus verfallen.“