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„Die schönsten Jahre eines Lebens“: Die Liebe in Gedanken

| Lesedauer: 4 Minuten
Anne (Anouk Aimée) besucht Jean-Louis (Jean-Louis Trintignant) im Altenheim. Er erkennt sie nicht wieder.

Anne (Anouk Aimée) besucht Jean-Louis (Jean-Louis Trintignant) im Altenheim. Er erkennt sie nicht wieder.

Foto: dpa

54 Jahre nach seinem Klassiker „Ein Mann und eine Frau“ legt Regisseur Claude Lelouch noch einmal nach: mit seinen Stars von einst.

Wissen Sie noch...? In einem Seniorenheim trainiert das Pflegepersonal das Gedächtnis seiner Insassen. Man nennt Daten und Namen, und die Menge muss reagieren. Einer von ihnen sitzt da, schaut weg und hat keine Antworten. Ein trauriges Bild. Der alte Mann kann sich nur an eins erinnern: seine große Liebe, die er früh verloren hat. Als sie ihm dann eines Tages plötzlich gegenüber sitzt, erinnert sie ihn zwar an die Geliebte von einst, er erkennt sie aber nicht wieder.

Der dritte Film des Erfolgs-Trios

Wissen Sie noch? Dieses Spiel spielt der Film „Die schönsten Jahre eines Lebens“ auch mit seinen Zuschauern. Diese Liebe von damals, wir kennen sie ja auch. Aber lange, lange ist das her: 1966 drehte Claude Lelouch mit äußerst schmalem Budget „Ein Mann und eine Frau“ mit ­Anouk Aimée als Filmcutterin Anne und Jean-Louis Trintignant als Rennfahrer Jean-Louis, die sich zufällig in Deauville kennen und lieben lernen. Und sich dann doch verlieren.

Ein kleiner Film mit großer Wirkung. In Cannes gewann er die Goldene Palme, danach auch zwei Oscars, er wurde ein Klassiker der Nouvelle Vague und ist bis heute in guter Erinnerung. Nicht zuletzt durch die Filmmusik von Francis Lai, die noch berühmter ist als der Film: die unvergessliche Melodie mit dem „Dabadabada“.

Running Gag mit Polizisten

Soll man alte Erinnerungen wieder heraufbeschwören oder besser nicht? Auch das verhandelt der Film. 1986 hat Lelouch mit seinen Darstellern eine Fortsetzung gedreht, „Ein Mann und eine Frau – 20 Jahre danach“. Ein Film, der schon einmal die Erinnerung aufarbeitete, aber eine eher schwache Produktion, die nie an das Original herankam.

Das aber hielt den Regisseur nicht davon ab, 2019 im stolzen Alter von 81 noch einen dritten Teil zu realisieren. Kein Film im strengen Sinn, eher ein Bilderreigen mit Rahmenhandlung. Aber wieder mit Aimée, 86, und Trintignant, 89. Auch dieser Film feierte im vergangenen Jahr in Cannes Premiere. Und rührte die Zuschauer.

Der Rennfahrer von einst sitzt jetzt immobil im Rollstuhl. Stets abgerückt von allen. Trintignant stattet diesen Jean-Louis mit dem störrischen Trotz seiner anderen Altersrollen aus. Aimée, immer noch atemberaubend schön, steht dagegen als Anne noch mitten im Leben. Als Jean-Louis’ Sohn mit seinem Vater nicht weiter weiß und sie bittet, ihn Vater zu besuchen, lässt sie sich nur zögernd darauf ein.

Da sitzen sie sich dann gegenüber. Und ein Lächeln strahlt über das Gesicht des Alten. Aber er erweist sich als genau der Schürzenheld, weshalb Anne ihn einst verlassen hat. Nun blickt er traurig auf seine alte, verlorene Liebe. Und sie traurig auf ihren alten, verlorenen Liebhaber. Sie wagen kleine Fluchten, auch nach Deauville, woran er sich nicht erinnern kann. Sie werden dabei, ein Running Gag, immer wieder von der Polizei angehalten. Mal weil er zu schnell, aber auch, weil sie zu langsam fährt.

Nostalgiereise zum Schwärmen

Vor allem aber werden sie von ihren Erinnerungen überholt, denen die Realität nicht standhält. Auch Lelouch weidet sich dabei in zahlreichen Rückblenden aus seinem Klassiker. Nur Francis Lai lebt nicht mehr und konnte dafür keine neuen, adäquaten Melodien komponieren. So bleibt der Film vor allem eine Nostalgiereise. Mit der bitteren Erkenntnis von Jean-Louis: „Alle Geschichten haben ein böses Ende. Nur im Kino haben sie ein Happy End.“ Nein, auch dort nicht immer. Zumindest nicht so, wie man denkt.

Drama Frankreich 2019, 92 min., von Claude Lelouch, mit Anouk Aimée, Jean-Louis Trintignant , Monica Bellucci