Staatsoper

Matthias Schulz: „Das Publikum ist die große Unbekannte“

Keine großen Opern mit Chor, dafür mehr Konzerte: Intendant Matthias Schulz legt einen alternativen Spielplan für die Staatsoper vor

Strauss „Ariadne auf Naxos" an der Staatsoper Unter den Linden.

Strauss „Ariadne auf Naxos" an der Staatsoper Unter den Linden.

Foto: Monika Rittershaus

Berlin.  Das Programm zum Saisonauftakt ist kräftig abgespeckt worden. Die Staatsoper Unter den Linden hat wegen der Corona-Auflagen jetzt einen vorsichtigen Alternativspielplan vorgelegt. „Der Chor ist noch gar nicht eingeplant, das Orchester spielt mit rund einem Drittel weniger. Die Technik kann noch ein Stück weit auf Kurzarbeit bleiben“, fasst es Intendant Matthias Schulz kurz zusammen. „Wir haben das Gewicht auf das unfassbare Jubiläum 450 Jahre Staatskapelle gelegt, dementsprechend gibt es in der ersten Septemberhälfte mehr Konzerte.“

Am 11. September findet das von Generalmusikdirektor Daniel Barenboim dirigierte Festkonzert statt. Auf dem Programm stehen Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Richard Strauss, Pierre Boulez und Ludwig van Beethoven. Außerdem kommt Jörg Widmanns „450 Takte“, ein Auftragswerk, zur Uraufführung. Aber auch zum Saisonauftakt soll es Beethoven geben. „Der Beethoven-Zyklus musste bei den Festtagen wegen der Corona-Krise abgesagt werden“, sagt Schulz: „Wir wollen ihn im Herbst in Paris, Wien und Athen aufführen. Auch in Vorbereitung auf diese Reise wird er zu Beginn des Staatskapellen-Jubiläums präsentiert, was auch in Berlin ein Paukenschlag sein wird.“ Die neun Beethoven-Sinfonien dirigiert Barenboim in den Konzerten vom 31. August (Saisonauftakt) bis zum 4. September.

Festhalten will die Staatsoper an ihrem großen Open-air-Konzert auf dem Bebelplatz, das alljährlich Zehntausende Besucher anzieht. Genaueres will man erst nach der Sommerpause vorstellen. „Bei der ,Staatsoper für alle‘ am 6. September soll neben dem Klavierkonzert mit Lang Lang die Neunte von Beethoven aufgeführt werden“, sagt der Intendant. Das würde auch bedeuten, dass im Finalsatz die „Ode an die Freude“ gesungen wird. „Derzeit halten wir an der Idee fest, dass der Chor beim Open air auf dem Bebelplatz dabei ist. Es bleibt eine Frage der Positionierung des Chors. Aber es gehört zur Corona-Zeit, dass man sehr flexibel reagieren muss.“

Mit drei Großopern zu starten, wäre verantwortungslos

Das erste Abonnementkonzert der Staatskapelle soll am 26. und 27. September unter Leitung Barenboims stattfinden. Stargeigerin Anne-Sophie Mutter spielt Beethovens Violinkonzert zuerst in der Staatsoper Unter den Linden und tags darauf in der Philharmonie. Darüber hinaus sind Werke von Pierre Boulez angekündigt. Allerdings beginnt der Vorverkauf dafür wegen noch laufender Abstimmungen mit der Philharmonie erst am 20. August. Die Berliner Opern- und Konzerthäuser müssen sich noch sortieren.

Für die Staatsoper ist ein künstlerischer Verlust bereits deutlich benennbar. „Wir hätten die drei großen Choropern ‚Trovatore‘, ,Lustige Weiber‘ und ,Holländer‘ aufgeführt, aber in denen muss auf engstem Raum agiert werden, und auch der Chor ist richtig szenisch eingesetzt“, sagt der Intendant: „Mit drei solchen Großopern zu starten, das wäre verantwortungslos gewesen.“

Als erste Opernproduktion der neuen Spielzeit steht Richard Strauss‘ „Ariadne auf Naxos“ am 13., 15., 25. und 27. September auf dem Programm. Zuletzt war die Inszenierung von Hans Neuenfels Anfang 2018 an der Staatsoper zu erleben. Der Komponist Strauss war selber 20 Jahre als Hofkapellmeister und Generalmusikdirektor an der Berliner Hofoper beschäftigt. Im September werden die Solisten aus dem Ensemble heraus besetzt: Anna Samuil singt die Titelpartie, Andreas Schager den Bacchus, Marina Prudenskaya den Komponisten und Roman Trekel den Musiklehrer. Am Pult wird Staatskapellmeister Thomas Guggeis stehen. „Mit ,Ariadne auf Naxos‘ haben wir auch eine Oper mit kleinem Orchester und ohne Chor gewählt“, sagt Matthias Schulz. „Wir wollen eine Art En-suite-Situation herstellen, damit die Technik nicht so oft hin- und herbauen muss wie im normalen Opernbetrieb.“

Auch im Zuschauerraum, in den normalerweise 1356 Besucher passen, werden die Auswirkungen der Corona-Auflagen unübersehbar sein. „Je nachdem, wie viele Pärchen oder Dreiergruppen man unterbringen kann, gehen wir von 370 bis 380 Plätzen aus. Das ist eine kleine und auch traurige Zahl. Das Live-Erlebnis Oper hängt entscheidend vom Publikum ab, wenn sich die Spannung von der Bühne in den Zuschauersaal und zurück überträgt. Den Zustand wünscht sich jeder Künstler und jeder Intendant.“ Der Vorverkauf wird diesmal anders organisiert. Besucher können jetzt verbindlich reservieren. „Wir werden dann im August die Reservierungen in Kaufkarten umwandeln.“

Wegen der Corona-bedingten Absagen musste das Opernhaus bereits verkaufte Karten-Einnahmen für mehr als drei Millionen Euro zurückerstatten. Insgesamt erwartet man in der abgelaufenen Spielzeit mehr als 5,7 Millionen Euro durch Einnahmeverluste. Wegen der Sitzplatzreduzierung und des Vorstellungsausfalls wird für August und September ein Verlust von mehr als 1,4 Millionen Euro prognostiziert.

370 Besucher pro Abend sind über Monate hinweg zu wenig

„Die ganz große Unbekannte ist das Publikum. Wenn es in der Corona-Krise sehr vorsichtig bleibt, wird es für uns ein Problem“, sagt Schulz. „Die Frage ist, ob man mit größeren Sicherheitsbemühungen mehr Publikum einlassen kann? Wir können nicht mit 370 Besuchern über viele Monate hinweg spielen. Wir hoffen natürlich, relativ schnell wieder in einen regulären Betrieb zu kommen. Aber wir gehen davon aus, dass wir die kommende Spielzeit über flexibel sein müssen.“

Traditionell findet die erste Staatsopern-Premiere am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, statt. Luca Francesconis Oper „Quartett“ nach dem gleichnamigen Schauspiel von Heiner Müller ist dafür bereits angekündigt worden. „,Quartett‘ ist ein sehr gut passendes Stück, weil man nur zwei Hauptakteure und wenige Statisten hat. Fürs Orchester sind nur 25 Personen gefordert. Ich glaube, die Eröffnungspremiere wird wie geplant stattfinden.“