Konzerthaus-Intendant

„Das analoge Konzert ist nicht ersetzbar“

| Lesedauer: 7 Minuten
Volker Blech
Konzerthaus-Intendant Sebastian Nordmann auf der Freitreppe zum  Gendarmenmarkt.

Konzerthaus-Intendant Sebastian Nordmann auf der Freitreppe zum Gendarmenmarkt.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Zum Saisonende spielt das Konzerthausorchester auf dem Gendarmenmarkt. Intendant Sebastian Nordmann über Corona und Zukunftsmodelle.

Berlin.  Das Konzerthaus bleibt geschlossen, aber mit zwei Open-air-Konzerten auf dem Gendarmenmarkt wollen sich Chefdirigent Christoph Eschenbach und sein Konzerthausorchester von der Saison verabschieden. Im Beethoven-Jubiläumsjahr steht die fünfte Sinfonie am Sonnabend und Sonntag um 18 Uhr auf dem Programm. Jeweils 500 Besucher können dabei sein. Intendant Sebastian Nordmann spricht über die aktuellen Sicherheitsauflagen und über die Pläne zur Wiedereröffnung des Hauses.

Berliner Morgenpost: Herr Nordmann, Open-air-Konzerte auf dem Gendarmenmarkt ziehen in normalen Zeiten Tausende Besucher an. Wie haben Sie das geregelt?

Sebastian Nordmann Es war uns ein großes Anliegen, für das Berliner Publikum zu spielen. So können wir diese Saison live vor Publikum beenden. Die Schutzbestimmungen halten wir ein, maximal 500 Besucher dürfen dabei sein. Wir werden den Platz absperren und zur Orientierung Kreise aufmalen. Es wird Einlasskontrollen geben. Seine Karte kann man vorab kostenlos bestellen, muss aber Kontaktdaten hinterlassen. Die müssen wir zur Verfügung stellen, falls ein Corona-Fall auftaucht.

Für Orchestermusiker gelten ebenso strenge Auflagen. Wie sind die im Moment?

Die Gesundheitsämter kümmern sich vor allem um die Besucher, für Musiker gilt als Arbeitnehmer das Arbeitsschutzgesetz. Die Vorgaben haben sich in den letzten drei Monaten stark verändert. Am Anfang sollten Bläser fünfzehn Meter Abstand halten, sie galten als Virenschleudern. Gemeinsam mit der Charité haben wir eine Studie erstellt und auch Instrumentenbauer dazu geholt. Der Abstand ging dann auf zwei und drei Meter runter. Inzwischen wird diskutiert, ob man Plexiglasscheiben zwischen den Bläsern aufstellt und damit den Abstand noch einmal reduzieren kann. Wir sind jetzt auf eine Spielgröße gekommen, die 40 bis 50 Musiker auf der Bühne zulässt.

Überall in der Gesellschaft gibt es Meinungen für oder gegen Einschränkungen. Wie ist es unter Ihren Musikern?

Man lebt mit dem Orchester auf Tourneen eng zusammen und erlebt immer wieder, dass einige für etwas, andere dagegen sind. Aber in dieser Krisenzeit merkt man, dass Musiker und Musikerinnen nicht nur einen Beruf, sondern eine wirkliche Berufung haben. Alle drängt es auf die Bühne, sie sind dankbar und euphorisch spielen zu können.

Chefdirigent Christoph Eschenbach reist heute aus Paris an. Was werden Sie mit ihm zuerst besprechen?

Wir hatten lange Telefonate während dieser Corona-Phase. Ich kannte ihn vorher schon gut. Aber während der Krise waren die Gespräche mit ihm, der den Zweiten Weltkrieg überlebt hat, noch viel intensiver. In Paris hat er sehr viel Klavier gespielt und nur wenige Menschen gesehen. Die Schicksalssinfonie war ganz klar sein Wunsch. Wir freuen uns alle, ihn nach so langer Zeit in Berlin zu begrüßen. Es gibt viel zu besprechen: die Durchführung der Open-air-Konzerte sowie das Programm der neuen Saison, das wir jetzt anpassen müssen.

Eine digitale Euphorie gibt es in der Gesellschaft, was die Möglichkeiten fürs Homeoffice oder für Schulen betrifft. Was bringt es für den Kulturbetrieb?

Das Publikum konnte nicht zu uns kommen, also gingen wir digital auf sie zu. Wir haben einen Wochenplan aufgestellt, in dem es Live-Streamings gibt oder Musiker und Musikerinnen Anleitungen für Kinder geben, etwa, wie man in der Küche mit Töpfen Schlagzeug spielen kann. Social Media ist eine gute Möglichkeit für den Musiker, in einen Einzelkontakt zu einem Besucher zu treten. Normalerweise müssen sie am Applaus ermessen, wie sie gespielt haben. Jetzt ist das Feedback viel direkter. Wir werden das sicherlich weiterführen. Aber das analoge Konzerterlebnis ist nicht ersetzbar.

Welche Schritte planen Sie für die Wiedereröffnung des Konzerthauses?

Wir haben kürzlich bei unserem Gastkonzert in Dortmund erlebt, wie euphorisch und zugleich bedrückend es ist, unter Corona-Bedingungen ein Haus zu öffnen. Als Kirchgänger empfinde ich den Geruch von Weihwasser als sehr angenehm. Er löst bei mir eine bestimmte Stille und Entschleunigung aus. Wenn ich ins Konzerthaus komme, höre ich aufgeregtes Stimmengewirr, es herrscht eine Aufgeregtheit vor und nach dem Konzert. Jetzt hatte ich den Desinfektionsgeruch in der Nase, im fast leeren Konzertsaal entstand keine Einheit zwischen Bühne und Publikum. Der Applaus hatte etwas Befreiendes. Es wird schwierig werden, in dieser Situation Sternstunden herzustellen.

Welche Veränderungen erwarten Sie für die Zukunft?

Der nächste Schritt ist für uns, Ende August unsere Saisoneröffnung wieder hinzubekommen. Wie die aussieht, wissen wir noch nicht so genau. „Lost in Translation“ ist einer meiner Lieblingsfilme. Ich fühlte mich auch ein bisschen so: Das alte System ist aus den Angeln gehoben, aber das neue noch nicht sichtbar. Soll es künftig ein System sein, in dem die Menschen immer auf Abstand miteinander umgehen? Inzwischen sind wir alle zuversichtlicher, es gibt neue Modelle. Wir gehen in den September und Oktober mit einem Doppelspielplan. Die veröffentlichte Saisonbroschüre ist Variante A, Plan B liegt in der Schublade. Wir spielen im September und auch noch Oktober weniger Programme, die wir aber kurzfristig verdoppeln können. Wir haben die Mehrfachbespielungen im Haus deutlich reduziert. Das Programm wird im neuen Jahr dann wieder deutlich dichter.

Was bereitet Ihnen am meisten Sorge?

In Italien können wir gerade ein Opernsterben beobachten. Überall droht eine Kulturkrise aus der finanziellen Krise heraus. Ich hoffe, dass der Bund und die Länder wissen, dass die Kultur Deutschland ausmacht. Wir müssen diese Lobbydiskussion über die Nachhaltigkeit von Kultur, die auch das gemeinsame Europa ausmacht, führen. Ich will hoffen, dass in der Fläche demnächst nicht Theater geschlossen oder fusioniert werden, weil irgendwo Geld fehlt.

Wie hoch sind Ihre Verluste am Haus?

Enorm, wir hatten drei Monate lang keine Einnahmen durch Kartenverkauf und Vermietung. Wir sichern normalerweise 30 Prozent unseres Etats durch Eigenmittel ab. Der Verlust wird ein Betrag in Millionenhöhe sein. Aber wir wissen noch gar nicht, wie die zweite Hälfte des Jahres aussieht. Wir hatten gerade eine Umfrage unter Tausend Besuchern des Konzerthauses gemacht und dafür Abonnenten und Einzelbesucher angeschrieben. Wir haben gefragt, ob sie auch unter Corona-Bedingungen ins Konzerthaus kommen? 75 Prozent haben zugesagt, auch wenn der Saal nur mit Abstandsauflagen besetzt ist. Und bei den Abonnenten gab es im Vorverkauf bislang nur einen Rückgang von neun Prozent. Solche Zahlen helfen einem bei der Planung.