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Bibiana Beglau: Trotz Gefahr Präsenz zeigen

Schauspielerin Bibiana Beglau spricht über Protest in Coronazeiten, den Deutschen Hörfilmpreis und Film als Bildungsauftrag.

Schauspielerin Bibiana Beglau, hier in ihrem Kiez am Kollwitzplatz, ist nominiert für den Deutschen Hörfilmpreis.

Schauspielerin Bibiana Beglau, hier in ihrem Kiez am Kollwitzplatz, ist nominiert für den Deutschen Hörfilmpreis.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Wie 15.000 andere Berliner besuchte Schauspielerin Bibiana Beglau am 6. Juni die „Black Lives Matter“-Demo am Alexanderplatz. Das sei wichtig, trotz Corona, sagt die 48-Jährige. Genau wie Filme mit Bildungsauftrag für noch mehr Diversität in der Gesellschaft und den erzählten Geschichten. Mit dem Film „Crescendo“ über ein israelisch-palästinensisches Jugendorchester ist sie in diesem Jahr für den Deutschen Hörfilmpreis nominiert und hält zudem eine Laudatio. Die Auszeichnung, die seit 2002 vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband vergeben wird, findet am 17. Juni online statt.

Der Deutsche Hörfilmpreis musste im März aufgrund der Corona-Pandemie ausfallen und wird nun am 17. Juni online verliehen. Das gleiche Schicksal ereilte in diesem Jahr den Deutschen Filmpreis. Sind solche digitalen Veranstaltungen eine Alternative oder für alle Beteiligten unbefriedigend?

Bibiana Beglau Ich habe mich nach dem Filmpreis ehrlich gefragt, ob man das nicht besser lösen kann. Die Veranstaltung, wie sie sonst ist, wurde dort in einen luftleeren Raum gehängt. Dabei hätte man doch die Chance gehabt, stattdessen einmal wirklich die Filme zu besprechen. Das wünsche ich mir für den Hörfilmpreis. Wo man sonst das Publikum hätschelt und unterhalten muss, hat man jetzt die Möglichkeit, Filmschaf­fende einzuladen und sie zu Wort kommen zu lassen. So könnte man zum Beispiel beim Hörfilmpreis erörtern, was denn überhaupt eine Audiodeskription genau ist und wie sie erarbeitet wird.

Beim Filmpreis hatten sich die Veranstalter für ein Live-Event entschieden …

Ich will jetzt nicht wirklich kritisieren, weil ich selber weiß, wie schwierig und ungewohnt neue Situationen sein können. Aber ich denke, wir Schauspieler ­haben uns da nicht mit Ruhm bekleckert. Wir haben viel zu viel von uns gesprochen und wie lustig und komisch wir sind. Aber ich finde, immer nur Faxen machen geht dann auch nicht. Vielleicht bin ich da zu streng. Ich finde, man hätte nicht so tun sollen, als ob es ein Publikum gibt und die Filme in den Mittelpunkt stellen sollen. Edin Hasanovic hat das als Moderator sehr gut gemacht und sich reingeschmissen und war doch fast chancenlos. Alles sollte irgendwie glamourös sein, war es dann aber nicht in dieser völlig neuen Situation. Als Gesellschaft, in der sonst alles kontrollierbar ist, sehen wir uns gerade Situationen gegenübergestellt, die eben nicht vorhersehbar sind. In der durch das Loslassen viel Änderung und Neuerfindung möglich wäre. Es könnte eine Chance von Weiterentwicklung sein.

Was macht denn einen guten Hörfilm aus, wenn man tatsächlich einmal den Gegenstand dieses Preises in den Mittelpunkt stellt?

Ich habe beim Schauen eines Films mal aus Versehen die Audiodeskription, ohne es zu merken, eingeschaltet und fand das „Stilmittel“ einen künstlerischen Hit in dem Sinne, wie meine Konzentration nochmal ganz anders gelenkt wird. Ich war hin und weg. Eine Audiodeskription ist dann herausragend, wenn sie es schafft, den Film im Kopf mit eigenen Bildern stattfinden zu lassen, Stimmungen, die wir sehen, in Worte zu fassen und eine Konzentration des Geschehens wiederzugeben.

Sie sind mit „Crescendo“ nominiert. Ein wichtiger Film für Sie?

Ich habe mit dem Regisseur Dror Zahavi schon vorher zusammengearbeitet. Ich mag es, dass er seine Schauspieler nicht so sehr von der Leine lässt und sagt: Mach einfach mal so irgendwie ... Er weiß genau, wie er eine Figur haben möchte und wozu sie dient. Als Schauspieler hat man auf diese Weise die Möglichkeit, mehr zu sein als das, was man nur in seinem eigenen Kopf hat. Man kommt aus seiner Gemütlichkeit oder Eitelkeit heraus. Ich finde es immer gut, künstlerisch einem Fremdbild zu folgen. Denn das, was man schon hat, hat man ja sowieso. Als Schauspieler bekommt man somit noch etwas hinzu. Dror ist außerdem ein sehr feiner Erzähler. Er regt zum Nachdenken an, ohne dabei den erhobenen Zeigefinger zu gebrauchen. Ich finde es wichtig, immer wieder Geschichten von dem Wunsch einer friedlicheren, gerechteren Welt zu erzählen. Die Utopie von Frieden und Idealismus. So wie wenn Mitten in der Coronakrise 15.000 Menschen als Zeichen für ihre Solidarität für ihre Mitbürger auf den Alexanderplatz kommen. Es war ein eher mulmiges Gefühl in Coronazeiten, in denen man eine Maske tragen und Abstand halten muss, eventuell sogar sich oder andere einer Gefahr auszusetzen, so ist es doch wichtig, Präsenz zu zeigen. Und deshalb sind solche Filme eben auch wichtig.

Wie steht der deutsche Film da, wenn es um Inklusion geht? Nicht nur von Blinden und Sehbehinderten, sondern beispielsweise auch in der Sichtbarkeit von Frauen, LGBT, Menschen verschiedener Hautfarben …

Selbstverständlich sollte auf diesen Gebieten noch weit mehr passieren. Da ist noch ganz viel Luft nach oben. Aber ich glaube, der deutsche Film ist gerade sehr gut aufgestellt. Vor allem auch durch neue Möglichkeiten wie die neuen Streamingdienste. Dort ist Geld vorhanden, und es entstehen wunderbare Filme und Serien wie zum Beispiel die Mini-Serie „Unorthodox“ von Maria Schrader. In Berlin wird viel gedreht, ich denke, es ist eine hoffnungsvolle Zeit, um Filme zu machen. Zudem wird uns durch diesen Virus sehr deutlich vor Augen geführt, wie viele Menschen an der Herstellung von Filmen beteiligt sind. Manchmal denke ich: Halb Berlin ist plötzlich arbeitslos.

Wie sind Sie denn durch die Zeit gekommen?

Ich hätte eigentlich im März drehen sollen und im Mai bei den Salzburger Festspielen angefangen zu proben. Aber alles wurde verschoben. Ich bin aufs Land gefahren und habe angefangen, eine Datscha zu renovieren. Irgendwas fällt einem ja immer ein. Seitdem das fertig ist, lese ich. Ich lese tagein, tagaus. Und am Abend schaue ich ein bis zwei Filme.

Merken Sie durch die Krise eine erhöhte Wertschätzung für Filmschaffende? Ohne deren Arbeit hätte die Coronazeit für viele Menschen immerhin sehr trist ausgesehen.

Vielleicht gibt es in der Kulturpolitik endlich ein Aufwachen. Viele von uns Schauspielern, Tänzern, Sängern sind Freischaffende, arbeiten auf Lohnsteuerkarte, können somit nicht in die Künstlersozialkasse und fallen somit durch das Netz der Hilfspakete. Kulturinstitutionen, die nicht staatlich gefördert sind, werden in solch einer Krise als erste auf der Strecke bleiben, wenn sie nicht unterstützt werden. Mir macht Sorge, dass die Vielfalt auf der Strecke bleiben könnte. Und das macht mir Angst. Berlin, das ist zwar das Chaos der Vergnügungssüchtigen, doch gleichzeitig haben wir als Kulturschaffende auch einen Bildungsauftrag, und wenn wir aufhören, in Bildung zu investieren, haben wir echt ein Problem.

Welcher Film hat Sie zuletzt auf dieser Ebene abgeholt?

Ich habe gerade die Komödie „Dolemite Is My Name“ auf Netflix gesehen. Der Film erzählt von der schwarzen Comedy- und Rap-Legende Rudy Ray Moore, der schon immer ins Showbusiness wollte. Ich habe mir danach Videos von seinen Originalaufnahmen gekauft und mich totgelacht. Vor ihm gab es quasi keine schwarze Filmkultur. Ich habe das Gefühl, in dieser Hinsicht ist der US-amerikanische Film tatsächlich weiter. Da gibt es auf der Leinwand ein Gemisch aus so vielen Hautfarben und Kulturen, die mir selbstverständlicher erscheinen, als das bei uns der Fall ist. Ich hoffe, das kriegen wir bald besser hin.