Deutsche Oper

"Rheingold"-Premiere: Göttertreffen auf dem Parkdeck

Die Götter ziehen am Ende zurück ins Opernhaus: Mit der Premiere von „Rheingold“ eröffnet die Deutsche Oper wieder ihren Spielbetrieb.

Die Deutsche Oper Berlin zeigt „Das Rheingold auf dem Parkdeck“ in der Regie von Neil Barry Moss.

Die Deutsche Oper Berlin zeigt „Das Rheingold auf dem Parkdeck“ in der Regie von Neil Barry Moss.

Foto: Bernd Uhlig

Berlin. In Berlin wird wieder live Oper gespielt. Die erste Selbstbeobachtung bei der Premiere von „Rheingold auf dem Parkdeck“ der Deutschen Oper ist: Wie hat man das in den letzten Monaten doch vermisst! Wagner klingt selbst Open air einfach anders als digital. Gute Opernsänger sind eine Spezies, die allein, wenn sie auf dem öden-grauen Parkdeck durch die Stuhlreihen am Publikum entlang schreiten, eine Imagination der Gegenwelt Theater entstehen lassen können. Man schmunzelt über gelungene, auch witzige Details einer Inszenierung, die auf dem TV-Bildschirm so überhaupt nicht zu erkennen wären. Das Überraschendste an dieser Parkdeck-Produktion bleibt, dass es Neil Barry Moss tatsächlich in nur zehn Tagen Vorbereitungszeit gelungen ist, eine eigenständige, in sich schlüssige Regie herzustellen.

Das Programmheftchen nennt es vorsichtig eine halbszenische Produktion. Mag sein, dass sich Neil Barry Moss, der zugleich der Kostümbildner ist, spontan im Fundus bedienen musste. Hauptsache es passt den Sängern. Die Kostüme zwischen 1980er-Jahre-Schick, Prinzessinnenkleidern, Brustpanzern und Probenklamotten passen auf den ersten Blick kaum zum hehren Vorabend „Das Rheingold“, mit der die Operntetralogie „Der Ring des Nibelungen“ eröffnet wird. Wagners Götter treffen normalerweise anders aufeinander. Der Regisseur hat aus der Not eine Tugend gemacht und das Ganze zur Probe umgedeutet. Göttervater Wotan sitzt auf dem Regiestuhl, Loge ist sein umtriebiger, gescheuchter Assistent, die Riesen, die als Erbauer der neuen Götterburg ihren Lohn einfordern, erinnern im Anzug an Geschäftsleute. Das vom Nibelung Alberich im Rhein gefundene Gold, aus dem der mächtige Ring geschmiedet wird, ist hier nichts anderes als die Wagner-Partitur.

Am Ende kehren die Götter in ihr Opernhaus zurück

Aus Südafrika stammt der Regisseur, der über Verona und Hannover kommend seit dieser Spielzeit als Spielleiter an der Deutschen Oper seine Erfahrungen sammelt. Neil Barry Moss wirft einen Blick über das übliche Bühnenformat hinaus. Das Publikum sitzt dort, wo normalerweise die Autos in Reih und Glied parken. Auf der Rückwand gibt es eine überdachte Galerie, wo Generalmusikdirektor Donald Runnicles mit seinen Musikern untergebracht ist. Dazwischen ist eine verwinkelte Plattform mit Treppen aufgebaut. Zwischen alledem bewegen sich die Sänger, zwischendurch singen sie aus den Fenstern der umliegenden Gebäude. Und Moss hat sogar eine klare Botschaft gefunden: Wenn die Götter am Ende ihre Burg Walhall betreten, gehen sie zurück in das Opernhaus.

Es ist eine frohe Botschaft, aber der ganzen Produktion haftet viel Bedrückendes an. Denn in der Realität ist das große Opernhaus auch weiterhin geschlossen. Auf dem Parkdeck, gleich neben dem Regiestuhl, steht eine Wagner-Büste, die zu Beginn einen Mundschutz trägt. Die Plätze des Publikums sind streng nach den Corona-Vorgaben ausgerichtet. Es sind zwar vollständige Stuhlreihen aufgestellt, aber jeweils drei Plätze zwischendurch abgeklebt. Es vermittelt eine Gefühl von Sicherheit, aber es ist nicht gerade anheimelt. 175 Plätze sollen bei der Premiere am Freitag besetzt gewesen sein, das wird jetzt auf 200 gesteigert. Die Karten waren innerhalb von zwölf Minuten ausverkauft. Aber das Nachfragen dürfte sich lohnen, wenn weitere Lockerungen verkündet werden. Eigentlich könnten doppelt so viel Besucher Platz finden.

„Danke!“ steht in großen Buchstaben im Programmheftchen. Die Künstler freuen sich darüber, überhaupt wieder etwas aufführen zu können. Ursprünglich sollte am 12. Juni die große „Rheingold“-Premiere auf der Hauptbühne stattfinden. Das wäre ein international beachtetes Ereignis gewesen. Wagners „Ring des Nibelungen“ ist ein Aushängeschild für jedes große Opernhaus. Jahrzehntelang hatte die Deutsche Oper Götz Friedrichs grandiose „Ring“-Inszenierung mit dem legendären Zeittunnel gezeigt. Der in Berlin lebende Regisseur Stefan Herheim soll dem Haus jetzt eine neue Ausdeutung liefern, aber sein „Rheingold“ fiel Corona zum Opfer. Ende September soll bereits „Die Walküre“ folgen. Die Operntetralogie hat einen schweren Start in Charlottenburg.

Fast alle Sänger gehören zum Ensemble der Deutschen Oper

Über die gute und in sich ausgewogene Sängerbesetzung auf dem Parkdeck kann man nur staunen. Solche Stimmen hört man normalerweise nicht bei kleinen Open-air-Produktionen. Tatsächlich handelt es sich dabei um die Besetzung für die große Hausproduktion. Es zeigt beiläufig, wie wichtig die Deutsche Oper die Pflege ihres Sängerensembles nimmt. Ein Blick in die Biografien zeigt, dass fast alle dem Ensemble angehören oder Stipendiat und ständiger Gast sind. Und alle sind mit Leidenschaft dabei, vielleicht auch, weil ihr „Ring“-Regisseur Herheim mit im Publikum sitzt und alles aufmerksam verfolgt. Derek Welton zeigt als Regisseur Wotan mit seiner baritonalen Coolness, dass er auf dem Weg zu einem führenden Wagner-Sänger ist. Ebenso eindrucksvoll präsentieren sich Annika Schlicht als Fricka und Judit Kutasi bei ihrem Auftritt als Erda. Die drei Rheintöchter (Elena Tsallagova, Irene Roberts und Karis Tucker) bringen viel stimmliche Frische ein. Thomas Blondelle singt sich bestens in seine Rolle als Spielmacher ein.

Die 22 Orchestermusiker haben es eindeutig schwerer bei diesem Wagner im Taschenformat, normalerweise sitzen 100 Musiker im Orchestergraben und können für einen satten Orchestersound sorgen. Donald Runnicles hat fürs Parkdeck eine Kammerfassung für reisende Opernkompagnien von Jonathan Dove ausgewählt. Aus den ursprünglich zweieinhalb Stunden Musik wurde eine Dreiviertelstunde herausgekürzt. Es tut der Oper aber nicht gut. Wagner-Kenner Runnicles lässt sein solistisch besetztes Parkdeck-Orchester die Klänge aufschichten und die Sängersolisten hofieren. Das Gefühl eines vibrierenden Gesamtkunstwerkes stellt sich nur bedingt ein. Vielleicht bedarf es dazu doch noch einiger Proben und Aufführungen mehr. Das Premierenpublikum applaudierte dankbar.