Corona-Krise

So war der erste Freiluftkino-Abend der Saison

Mit dem Freiluftkino Friedrichshain hat am Dienstag das erste Kino in Berlin seinen Betrieb wieder aufgenommen.

Ein Stück Normalität ist zurück: Besucher genießen den ersten Open-Air-Abend im Freiluftkino Friedrichshain.

Ein Stück Normalität ist zurück: Besucher genießen den ersten Open-Air-Abend im Freiluftkino Friedrichshain.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Serives

Berlin. Die meisten haben leuchtende Augen. Und das aus gutem Grund. Drei Monate lang waren die Berliner Kinos geschlossen, nun hat am Dienstagabend das Freiluftkino Friedrichshain als erstes den Betrieb wieder aufgenommen. Es ist die einzige Kulturveranstaltung an diesem Abend für die ganze 3,7-Millionen-Stadt, worauf Arne Höhne, einer der Betreiber des Open-Air-Kinos, seine Gästen vorab hinweist: „Ihr könnt sagen, ich war dabei.“ Und das ist ein sehr exklusives Vergnügen: Das Areal ist eigentlich für 1700 Gäste angelegt. Aber wegen der strengen Corona-Regeln dürfen vorerst gerade mal 200 Zuschauer kommen.

Die verlieren sich da natürlich ein wenig. Aber dafür geht es äußerst entspannt zu. Keine Schlangen vor dem Einlass, keine Schlangen vor dem Kiosk. Weiße Linien am Boden markieren, gut sichtbar auch im Dunkeln, die breiten Wege zwischen den Sitzreihen. Und nur jede dritte Reihe ist besetzt. Mit reichlich Platz zwischen den Sitzen. Und auch wenn dies eine Open-Air-Veranstaltung ist, muss bis zum Sitzplatz ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden.

Das scheint fast übertrieben: In angesagten Kiezen stehen derzeit bei Straßencafés und Restaurants Tische und Stühle so dicht an dicht, dass der Sicherheitsabstand von 1,50 Meter kaum gewährleistet ist. Da scheint man schon sehr lax mit den Verordnungen umzugehen. Die Kinobetreiber Arne Höhne und Louis Schneider von Piffl Medien haben sich aber, der Tatsache bewusst, dass sie unter besonderer Beobachtung stehen, ein Hygiene- und Sicherheitskonzept erarbeitet, das nicht kritisiert werden kann.

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Freiluftkinos in Berlin: Tickets vorab nur online buchbar

Tickets sind vorab nur online buchbar, dabei werden einem die Sicherheitsmaßnahmen und Verhaltensregeln gleich mitgegeben. „Abstand, Rücksicht, Kino: So funktioniert der Kinosommer“, so ist denn auch vor der Filmvorführung auf der Leinwand zu lesen. Und neben den Reihen achten Platzanweiser darauf, dass die Regeln auch wirklich eingehalten werden. Sie müssen aber nicht einschreiten, nicht mal ermahnen. Alle sind sehr besonnen. Und achten aufeinander. Und auf den Abstand zu den anderen.

Und alle freuen sich, dass mit dem ersten Kinoabend nach einem Vierteljahr wieder ein Stück Alltag und Lebensqualität zurückgekommen ist. Der erste Abend, an dem die französische Sozialkomödie „Der Glanz der Unsichtbaren“ gezeigt wird, war schon ausverkauft, bevor man die Veranstaltung überhaupt beworben hat. Am Freitagabend wurden die Daten erstmal nur hochgeladen, um zu sehen, ob der Upload mit dem Ticketlink auch funktioniert. Bis Sonntag waren dann bereits alle Plätze gebucht.

Und einen besseren Start hätten sich die Betreiber gar nicht wünschen können: Ist dieser Dienstag doch der bislang wärmste Tag des Jahres. Einige kommen denn auch mutig in Shirt und Shorts, andere haben zur Sicherheit noch einen Anorak mit. Einige haben Decken mitgebracht und machen es sich auf dem Hügel hinter den Bänken bequem. Die anderen setzen sich ganz vorn an die Tische und packen ihre Picknickkörbe aus. Der Duft von frischem Popcorn weht einem um die Nase. Manche Pärchen, die sehnsüchtig darauf gewartet haben, mal wieder ins Kino zu gehen, halten sich ergriffen im Arm. Und freuen sich über den Sonnenuntergang des ersten schönen Sommertags. Wir haben jedoch den typischen Anfangsfehler zur Saison gemacht. Und nicht ans Mückenspray gedacht. Mücken aber kennen kein Corona. Die ersten Stecher schwirren schon herum.

Berliner Freiluftkinos mit genug Bein- und Sitzfreiheit

Das ist aber der einzige, zu vernachlässigende Malus des Abends. Und wird vielfach aufgewogen. Weil man sich hier wirklich sehr privilegiert fühlen darf. Mit genug Bein- und Sitzfreiheit. Man kann auch mal mit seiner Begleitung plauschen, ohne dabei den Nachbarn zu stören. Wobei man selbst dies und das Rascheln im Popcorn-Eimer – Dinge, die einen eingefleischten Cineasten sonst nur stören – fast ein bisschen vermisst.

Kim und Jan aus Reihe 10 sind eigentlich gar nicht so passionierte Kinogänger und eher aus Zufall auf die Veranstaltung gestoßen: „Aber es ist schön hier. Und es ist gut organisiert. Man hat ein gutes Gefühl dabei.“ Mulmig muss einem dabei wirklich nicht sein. Swantje aus Reihe 7 genießt den Luxus mit dem vielen Platz. „Als Konsument ist das natürlich super. Auch wenn das für die Betreiber schmerzhaft sein muss, dass sie so wenige reinlassen können.“

Arne Höhne und Louis Schneider aber wollten unbedingt die Saison eröffnen. Ihr Hygienekonzept haben sie schon vor Wochen entwickelt, um den Senat in Zugzwang zu bringen. Als der am vergangenen Donnerstag etliche Corona-Lockerungen beschlossen hat, mussten sie dann auch liefern: „Wenn wir öffnen können, öffnen wir.“ Am Pfingstwochenende war noch mal Knüppelarbeit angesagt, um das in so kurzer Zeit zu bewerkstelligen. Am Ende haben sie dann vor Glück geweint, wie sie jetzt auch ihren ersten Gästen gestehen. Die danken es ihnen mit warmem Applaus.

Mit dem Freiluftkino Friedrichshain ging es Dienstag los, Mittwoch zog das Freiluftkino Kreuzberg nach, am heutigen Donnerstag wird das Pendant in Rehberge mit dem Oscar-Gewinner „Parasite“ eröffnet. Am Sonnabend folgen dann das Freiluftkino im Naturtheater Friedrichshagen mit „Rammstein: Paris“, die Insel im Cassiopeia mit „Die Känguru-Chroniken“, das Freiluftkino Hasenheide mit „Litte Women“, das Pompeji ebenfalls mit „Parasite“ und das Hofkino mit „Rocketman“. Das Kino kommt also zurück, wenn auch peu à peu.

Indoorkinos dürfen in Berlin erst ab 30. Juni öffnen, Open Air aber schon jetzt aber mit nur 200 Zuschauern pro Abend, ab 16. Juni kann schon mit 500, ab 1. Juli mit 999. Richtig voll und lukrativ freilich ist es auch dann noch nicht. Das ist der einzige Wermutstropfen am ersten Abend, als das Freiluftkino Friedrichshain einen eigenen Werbeclip zeigt: Da sind die Mengen zu sehen, die sonst hier sitzen. Aber der Anfang ist gemacht. Bevor der Hauptfilm startet, springt Arne Höhne noch mal kurz vor die Leinwand, um ein Foto von seinen Zuschauern zu machen. Dieses seltsam leere und doch aufmunternde Bild, dass es endlich losgeht – es muss festgehalten werden.

Alle Berliner Open-Air-Kinos im Überblick unter openair-kino.net