Staatskapelle

Die Idee von Klang und Wahrhaftigkeit

Die Staatskapelle hat zu ihrem 450-jährigem Bestehen eine CD veröffentlicht. Solo-Klarinettist Matthias Glander erklärt die Aufnahmen.

Die Mitglieder der Staatskapelle Berlin auf dem Bebelplatz vor der Staatsoper Unter den Linden.

Die Mitglieder der Staatskapelle Berlin auf dem Bebelplatz vor der Staatsoper Unter den Linden.

Foto: Peter Adamik

Das älteste erhaltene Dokument ist eine Kapellordnung, die regeln sollte, dass sich die Musiker anständig und gottesfürchtig benehmen. Das war 1570, die Hohenzollern hatten eine kleine Kurbrandenburgische Hofkantorei gegründet. Das Ensemble wurde 1742 im neu erbauten Opernhaus Unter den Linden als Königlich Preußische Hofkapelle angesiedelt, wo bis heute die von Daniel Barenboim geleitete Staatskapelle Berlin residiert. Zu ihrem 450-jährigen Bestehen haben die Musiker eine CD-Box (Deutsche Grammophon, 41,99 Euro) herausgebracht, die das Who is Who der großen Dirigenten eines Jahrhunderts und ein Stück Musikgeschichte ist.

„Es sind einige Aufnahmen darauf, die noch nie veröffentlicht worden sind“, sagt Solo-Klarinettist Matthias Glander, der als Musiker an der Seite des Dramaturgen Detlev Giese die Auswahl getroffen hat. „Für mich waren die Aufnahmen mit Leo Blech eine große Überraschung. Er hat sich wie Richard Strauss gleich am Anfang für das neue Medium interessiert. Die ,Figaro‘-Aufnahme überwältigt mit einer schwindelerregenden Brillanz.“ Leo Blechs Einspielung der „Figaro“-Ouvertüre stammt aus dem Jahr 1916 und ist die älteste Aufnahme in der Box. Sie ist auch deshalb etwas Besonderes, weil sie als einzige der Auswahl noch zu Hofopernzeiten entstand.

Die dritte der insgesamt 15 CDs ist Otto Klemperer gewidmet, der 1927 als Direktor und musikalischer Leiter die Krolloper übernahm. „Die Krolloper war ein unglaublich modernes Projekt. Ich glaube, die Nachfrage nach Oper war damals so groß, dass die Preußische Staatsoper allein neben dem Opernhaus in Charlottenburg und deren Zweitspielstätte Theater des Westens gar nicht ausgereicht hat“, sagt Glander: „In der Krolloper waren die Inszenierungen, die vom Bauhaus inspiriert waren, etwas Besonderes. Zeitgenössische Künstler haben die Bühnenbilder gemacht. Aber das Projekt scheiterte, weil es den konservativen Kräften zu modern war. Bereits 1931 ist die Oper geschlossen worden.“

Ein wunderbares Möbelstück mit etwas Staub darauf

Das Gebäude, das gegenüber des Reichstags stand, existiert nicht mehr. Aber die Musik hat die Zeiten überstanden. „Otto Klemperer hat sich sehr für die modernen Komponisten wie Janácek und Hindemith eingesetzt. Wir haben von ihm eine kostbare Aufnahme von Kurt Weills Kleiner Dreigroschenmusik ausgewählt.“

Wer die CD-Box mit all den Stardirigenten ihrer Generationen und den unterschiedlichsten Werken durchhört, wird feststellen, dass sich der typische Klang der Staatskapelle über die mehr als hundert Jahre bewahrt hat. „Wenn man Beethovens dritte Sinfonie oder eine der ersten Stereoaufnahmen von Bruckners Achter mit Herbert von Karajan hört, das ist der österreichisch-deutsche Interpretationsstil, der sich über Otmar Suitner bis hin zu Daniel Barenboim fortgesetzt hat. Jeder Dirigent macht es auf seine Weise ein bisschen anders, aber es kommt aus der gleichen Idee von Klang, Intensität und Wahrhaftigkeit.“ Wie bei der Dresdner Staatskapelle oder den Wiener Philharmonikern sei es immer ein eigenständiger Klang geblieben. Barenboim habe anfangs den Klang seiner Staatskapelle, so Glander, beschrieben als ein wunderbares Möbelstück aus alter Zeit, auf das sich etwas Staub gelegt hatte und nur ein wenig geputzt werden musste.

Erich Kleiber ist die vierte CD gewidmet. Über den Dirigenten, der 1923 als Generalmusikdirektor ans Opernhaus berufen wurde, redet Glander besonders gerne. Er hält ihn rückblickend für einen Glücksfall. Die von Kleiber geleitete Uraufführung von Alban Bergs „Wozzeck“ war 1925 ein Paukenschlag in der Kulturgeschichte der Weimarer Republik. Dadurch sei die Staatsoper nach diesem ganzen „Hofopernmief“, so Glander, mit einem Schlag zur modernsten Oper der Welt geworden. Kleiber hat noch im November 1934, trotz aller Anfeindungen durch die Nazis, Bergs „Lulu-Suite“ uraufgeführt. Dem Erfolg folgten Hetztiraden, 1935 emigrierte er.

Für Glander bleibt Kleiber die tragischste Figur unter den Chefs der Staatskapelle. „Erich Kleiber kam nach dem Krieg aus Buenos Aires zurück und sagte, er würde die Staatsoper übernehmen, wenn das Haus wieder aufgebaut wird wie es war. Aber er haderte mit der politischen Entwicklung und damit, dass die DDR die historische Widmung ,Fridericus Rex Apollini et Musis“ am Portikus entfernen ließ. Er hat dann die Wiedereröffnung nicht mehr dirigiert, obwohl er einige Proben noch geleitet hatte.“ Franz Konwitschny sprang ein, Kleiber starb ein Jahr später in Zürich.

Musiker hören ihre eigene Aufnahmen anders als Liebhaber klassischer Musik, einfach, weil in den Orchestern auch Erinnerungen tradiert werden. „Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich Wilhelm Furtwänglers Aufnahme von Wagners ,Tristan und Isolde‘ von 1947 höre“, sagt Glander: „Der Dirigent war gerade entnazifiziert worden und ans Pult zurückgekehrt, die Staatsoper und die Staatskapelle zu dieser Zeit im Admiralspalast untergebracht. Die Liveaufnahme ist an Lebendigkeit, an dramatischer Kraft kaum zu übertreffen.“ Glander glaubt, dass die Musiker nach dem Krieg so glücklich waren, wieder spielen zu können. Das sei zu hören.

Pierre Boulez dirigierte bei Mahler die Pausenzeichen mit

Auf der elften CD findet sich Mahlers sechste Symphonie unter Leitung ihres Ehrendirigenten Pierre Boulez. Glander erinnert sich an eine Geschichte rund um die Aufführungen. „Wenn man sich den letzten Takt der ,Sechsten’ anschaut, da gibt es noch einen Pizzicato-Akkord, aber der Takt ist noch nicht zu Ende, sondern er schließt mit mehreren Pausenzeichen.“ Boulez habe nach dem Akkord immer die Arme fallen lassen und das Publikum wusste nicht genau, ob es schon klatschen dürfe. „Wir sind also zum Maestro hingegangen. Er meinte, für ihn sei die Musik nach dem Akkord vorbei. Aber bei der nächsten Aufführung hat er die Arme oben behalten, innerlich zu Ende gezählt und sie langsam heruntergenommen. Das Publikum hat getobt. Zum Dirigieren gehört auch eine gewisse Performance.“ Das lässt sich auch auf der CD-Box mithören.