Interview

Als Christo beim Reichstag mit einer Niederlage rechnete

Der Künstler sprach in einem seiner letzten Interviews über das Projekt und was aus seinem Werk werden soll.

New York. Die Bilder des verhüllten Reichstags in Berlin gingen im Juni 1995 – vor genau einem Vierteljahrhundert – um die Welt und brannten sich auch in das kollektive Gedächtnis der Deutschen ein. Wenige Jahre nach dem Fall der Mauer hatten der in Bulgarien geborene Künstler Christo und seine Frau Jeanne-Claude mit dem Kunstprojekt eine Art Neuanfang für das wiedervereinte Deutschland symbolisiert. Unter anderem darüber und über seinen anstehenden 85. Geburtstag am 13. Juni sprach der Aktionskünstler Christo noch Mitte April in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur in New York. Das im folgenden dokumentierte Gespräch, bei dem der Künstler konzentriert, fröhlich und voller Energie wirkte, gehört nun zu Christos letzten Interviews. Am Sonntag starb er im Alter von 84 Jahren in New York.

Dieses Interview sollte eigentlich bei Ihnen im Studio stattfinden, Christo. Sie haben immer wieder gesagt, dass Sie keine Telefoninterviews mögen. Aber die Corona-Pandemie zwingt uns dazu. Deswegen auch das Wichtigste zuerst: Wie geht es Ihnen?

Christo Ja, danke, das verstehe ich. Mir geht es gut. Ich arbeite in meinem Studio.

Sie werden am 13. Juni 85 Jahre alt, ihre 2009 gestorbene Frau Jeanne-Claude wäre an diesem Tag ebenfalls 85 geworden. Was sind Ihre Pläne?

Jeanne-Claude und ich haben unsere Geburtstage nie gefeiert. Unsere Partys waren immer unsere Projekte. Unsere Geburtstage haben wir dagegen immer sehr privat verbracht, ich kann mich noch nicht einmal daran erinnern. Natürlich ist es gut, dass ich 85 Jahre überlebt habe. Aber das ist auch der Grund, warum ich nie Retrospektiven mochte: Ich schaue nicht gern zurück. Das braucht so viel Anstrengung. Ich habe immer gesagt, die Menschen sollen Retrospektiven über mein Werk machen, wenn ich tot bin. Dann haben sie alle Zeit, und ich bin nicht mehr da. Es geht für mich darum, gesund zu sein und neue Werke zu schaffen.

Eines Ihrer berühmtesten Kunstprojekte war die Verhüllung des Reichstags in Berlin, die im Juni genau 25 Jahre her ist. Was bedeutet dieses Projekt heute rückblickend für Sie?

Ich hatte schon seit den 60er-Jahren daran gearbeitet. Wie mit allen unseren Projekten war die größte Herausforderung daran, die Erlaubnis zu bekommen. Da kann man nicht einfach nur einen Brief schreiben, da muss man sich wahnsinnig engagieren. Die Erlaubnis für die Verhüllung des Reichstags musste vom Bundestagspräsidenten kommen. Wir haben uns unglaublich angestrengt – und wir haben sechs Bundestagspräsidenten verschlissen. An einem guten Tag im Jahr 1988 ist dann Rita Süssmuth zur Bundestagspräsidentin gewählt worden. Sie hat Jeanne-Claude und mich in ihr Haus nach Bonn eingeladen, um mit uns zu reden. Ich sage immer, wenn Rita Süssmuth nicht gewählt worden wäre, hätte das Reichstags-Projekt nicht stattgefunden. Sie hat darauf bestanden, dass das Projekt im Bundestags diskutiert und darüber abgestimmt wird. Jeanne-Claude und ich haben dann unzählige Stunden damit verbracht, Bundestagsabgeordnete zu besuchen, uns vorzustellen, ihnen das Projekt zu erklären und sie darum zu bitten, für uns zu stimmen. Manchmal mussten wir sogar mit ihrer Wählerschaft reden – in Kindergärten oder Schulen zum Beispiel. Danach hat Rita Süssmuth dann ihre Stimmen in der Union gezählt und hat uns gesagt, dass wir keine Mehrheit haben, dass wir verlieren werden. Ich war am Boden zerstört. Jeanne-Claude war schon wieder zurück in New York, und ich war völlig neben mir, aber sie haben mich gebeten, dass ich nach der Abstimmung eine Pressekonferenz geben soll. Während der Debatte saß ich mit einem Übersetzer auf den Besucherplätzen. Und dann haben wir die Abstimmung doch gewonnen – mit 69 Stimmen mehr. Das war unglaublich und völlig unerwartet, enorm.

Warum sollte es gerade der Reichstag in Berlin sein?

Ich bin nicht deutsch. Ich bin aus dem Sowjet-Block geflohen. Dort gab es so viel Verfolgung, es war so schrecklich, ich rede da nicht gern darüber. Ich war seit 1956 nicht mehr in Bulgarien, ich bin nie wieder zurückgegangen. Nie wieder. Für mich war das unmenschlich, wie die Menschen im sowjetischen Block behandelt worden sind. Dann habe ich in Paris gelebt, staatenlos, und habe mir gedacht, ich muss etwas machen, was meine Angst zeigt. Und der einzige Ort der Welt, an dem sich der Osten und der Westen auf dramatische Art und Weise getroffen haben, war Berlin. Und deswegen wollte ich den Reichstag verhüllen, das einzige Gebäude, das unter der Aufsicht von allen Beteiligten war. Wir hatten auch schon vor dem Fall der Mauer mit den Sowjets darüber verhandelt, aber da gab es immer Probleme.

Welches Ihrer Projekte ist für Sie das wichtigste?

Wie auch Jeanne-Claude das immer gesagt hat: Es gibt Bilder unseres Lebens und die haben alle die gleiche Bedeutung. Aber natürlich sind viele Projekte nie realisiert worden und die haben dann nicht dieselbe Bedeutung für uns.

Sehen Sie einen Nachfolger?

Nein. Wenn es mich nicht mehr gibt, dann sollte niemand diese Projekte umsetzen. Die Projekte sollten verwirklicht werden, solange ich noch am Leben bin.

Gibt es denn ein bestimmtes Projekt, dass Sie unbedingt noch verwirklicht sehen wollen?

Wir arbeiten schon seit vielen Jahren an „Mastaba“, einer Skulptur aus Ölfässern in Abu Dhabi. Aber wir arbeiten immer an mehreren Projekten gleichzeitig, nicht immer nur an einem, denn wir wissen nie, ob es auch wirklich stattfinden kann. dpa