Film

Vor Fassbinder haben die Deutschen noch immer Angst

Heute wäre Rainer Werner Fassbinder 75 geworden. Er prägte den deutschen Film wie kein Zweiter, hinterließ aber auch eine Leerstelle.

Regisseur ohne gleichen: Rainer Werner Fassbinder.

Regisseur ohne gleichen: Rainer Werner Fassbinder.

Foto: Keystone

Berlin.  Aufgedunsen, ungepflegt, ständig rasend, rauchend, schwitzend, saufend, koksend, delirierend: Ja, so kann man ihn sich vorstellen, den späten Rainer Werner Fassbinder. Und so spielt Oliver Masucci, der schon den Hitler-Wiedergänger in „Er ist wieder da“ gab, ihn mit verblüffender Ähnlichkeit in „Enfant terrible“, Oskar Roehlers neuem Film. Der will bewusst kein Biopic über Fassbinder sein, weil man dem großen Filmemacher mit einer klassischen Filmbiografie wohl kaum gerecht werden könnte. Es ist eher eine Fantasie über ihn. In der quasi der Fassbinder der letzten Tage in seinem Leopardenanzug aus „Kamikaze 1989“ durch Szenen seines Lebens stolpert, die absichtsvoll in künstlich auf Leinwände gemalten Kulissen spielen.

„Enfant terrible“ sollte eigentlich seit Donnerstag im Kino laufen. Pünktlich zu Fassbinders 75. Geburtstag, der am heutigen Sonntag gewesen wäre. Wegen der Corona-bedingt geschlossenen Kinos wurde der Start nun in den Herbst verlegt. „Berlin Alexanderplatz“, Burhan Qurbanis radikale Neuverfilmung, 40 Jahre nach Fassbinders spektakulärer Serie, sollte Mitte April starten. Sie läuft frühestens im Juli an. Zwei Kino-Ereignisse, die auf höchst unterschiedliche Weise an einen der größten, wenn nicht den größten deutschen Filmemacher erinnert hätten. Nun aber muss sein 75. ganz ohne solche Highlights auskommen. Und wird lediglich von dem traurigen Umstand flankiert, dass fünf Tage zuvor Irm Hermann, lange eine der engsten Weggefährtinnen Fassbinders, gestorben ist.

Rainer Werner Fassbinder: Bastard, Schmuddelkind und heiliges Monster

Aber vielleicht macht diese Leerstelle ja auch Sinn. Denn wenn man darüber nachdenkt, welches Erbe dieser Mann hinterlassen hat, muss man erstaunt feststellen: Es gibt diese unglaubliche Ansammlung von Werken und Meisterwerken. Es gibt aber keine Fassbinder-Schule. Es gibt auch kaum Fassbinder-Nachfolger. François Ozon vielleicht in Frankreich, Xavier Dolan in Kanada. In Deutschland höchstens der frühe Christoph Schlingensief und ein bisschen ­Oskar Roehler. Aber sonst? Fehlanzeige.

Rainer Werner Fassbinder, kurz RWF, ist und bleibt ein Unikum, eine Ausnahmeerscheinung. In nur 13 Jahren hat er 24 Theaterstücke geschrieben und 44 Filme gedreht. Bis zu seinem Tod 1982 mit nur 37 Jahren hat er gearbeitet wie ein Berserker, ein Besessener. Und das deutsche Kino zu einer kurzen Blüte gebracht. Schon danach aber ist die hiesige Branche wieder in erschreckend alte Muster zurückgefallen, kein Zufall wohl auch, dass die anderen Größen des Neuen Deutschen Films, Volker Schlöndorff, Wim Wenders, Werner Herzog, ihr Heil danach erst einmal im Ausland suchten.

Irrsinnig intensive Schaffenszeit

Und bis heute ist es so, dass Fassbinder im Ausland viel mehr Anerkennung, Liebe und Rezeption erfährt als in der eigenen Heimat. Die Hassliebe zu dem Land, sie bleibt auch postum erstaunlich konstant. Die Deutschen haben noch immer Angst vor ihm. Vielleicht, weil Fassbinder sich in seiner so kurzen, aber irrsinnig intensiven Schaffenszeit wie kein Zweiter an der Bundesrepublik abgearbeitet hat, mit all ihren Brüchen, ihrer Verlogenheit und ihrer historischen Schuld. Und dies nicht etwa als Bildungsbürger, wie die anderen Filmautoren, sondern als einer, der aus prekären Verhältnissen, aus der Gosse kam. „Das größte Genie des deutschen Films“, schreibt der Filmhistoriker Georg Seeßlen, „war zugleich sein Schmuddelkind.“ Bastard und heiliges Monster in einem.

Jetzt, da der 75. ansteht, ist Fassbinder bereits länger tot, als er gelebt hatte. Dass er so früh gestorben ist, ist Teil des Mythos. Wen die Götter lieben, schrieb schon Plautus, der stirbt jung. Aber könnte man sich das überhaupt vorstellen: Fassbinder mit 75? Wäre er heute noch am Leben, er würde sicher Serien drehen und für Streamingplattformen arbeiten – weil Filmverleiher sich gar nicht mehr trauen würden, seine Werke zu produzieren. Das muss derzeit ja selbst ein Martin Scorsese erfahren.

Nicht zu schade für Fernsehaufträge

Und Fassbinder war, wie eine neue Publikation, die immerhin zu seinem Geburtstag erscheint, feststellt, ein transmedialer Künstler (Rainer Werner Fassbinder Transmedial, Schüren Verlag). Er arbeitete am Theater, fürs Kino und auch fürs Fernsehen – worüber damals die meisten Kollegen noch die Nase rümpften. Fassbinder wusste die unterschiedlichen Medien und Formate auch stilsicher mit jeweils anderen Mitteln zu bedienen. Und wusste obendrein, wie man sich selbst inszeniert. Was alles zum Berufsfeld heute zwingend dazugehört. Aber würde ein Fassbinder 2020 auch noch drehen können? Wäre, die Frage muss man schon stellen dürfen, die MeToo-Debatte spurlos vorbeigegangen an dem Mann, der zwar genialisch, aber eben auch despotisch war und seine ihm hörige Crew legendär quälte?

Völlig ausgebrannt

Das sind natürlich müßige Überlegungen. Wäre Fassbinder nicht in jener Nacht am 10. Juni 1982 an einer tödlichen Mischung aus Kokain, Schlaftabletten und Alkohol allein in seiner Münchner Wohnung zusammengebrochen, er wäre wohl dennoch nicht viel älter geworden. Man muss dabei gar nicht erst an die ersten Aids-Toten in jenem Jahr denken. Fassbinder, der nie alt werden wollte, hatte sich völlig ausgebrannt, selbst ausgebeutet nach seinem Spruch „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“. Dass sein Körper überhaupt so lange durchgehalten hat, ist ein Wunder. Er habe sich zugrunde gerichtet, meint der Filmhistoriker Rolf Giesen in der neuen Buchpublikation. Die Kritiker hätten über seinen letzten Film „Querelle“, an dessen Endproduktion Fassbinder gerade saß, schon die Messer gewetzt. „Er ist ihnen vorher quasi vorgestorben.“

Wie aber wird seiner nun gedacht? Zu seinem 70. Geburtstag vor fünf Jahren, gab es eine große Ausstellung im Martin Gropius Bau, einen Dokumentarfilm über RWF, ein besonderer Gedenkabend von Hanna Schygulla im Haus der Festspiele und andere Veranstaltungen. Vor einem Jahr ist die Fassbinder Foundation, lange geleitet von Juliane Lorenz, der Cutterin seiner späten Jahre und streitbaren Erbin seines Nachlasses, in das neu gegründete Fassbinder Center in Frankfurt übergegangen. Zum 75. selbst erscheint nun ein schmales Buch. Auf Oskar Roehlers Film muss man noch warten. Und im Fernsehprogramm muss man lange suchen, bis man auf ein paar Fassbinder-Filme zum Gedenktag stößt. Man findet sie auf Tele 5. Und, das scheint fast ironisch, bei Sky Nostalgie.