Film

Clint Eastwood – Ein Monument seiner selbst

Kein Filmstar hat so viele Wandlungen durchgemacht wie Clint Eastwood. Am Sonntag wird der Schauspieler und Regisseur 90 Jahre alt.

Der Beginn einer Legende: Clint Eastwood als namenloser Fremder in Sergio Leones Italo-Western „Für ein paar Dollar mehr“ (1965).ddpinterTOPICS/mptv

Der Beginn einer Legende: Clint Eastwood als namenloser Fremder in Sergio Leones Italo-Western „Für ein paar Dollar mehr“ (1965).ddpinterTOPICS/mptv

Foto: ddp / ddp/interTOPICS/mptv

Wie viele Häutungen verträgt ein Leben? Man muss, das hat die Filmgeschichte nachdrücklich bewiesen, als Filmstar nicht zwingend ein großer Schauspieler sein. Es reicht schon, einen Typus zu kreieren, den man dann mit Facetten der eigenen Persona variiert. Viele sind so verfahren und haben damit durchaus achtbare Karrieren hingelegt. Weit schwieriger ist es, wenn man sein Stereotyp nicht mehr bedienen, mit dem Image brechen will. Niemand aber hat sich so oft und radikal gewandelt wie Clint Eastwood, der dabei trotzdem das Kunststück fertigbrachte, irgendwie derselbe zu bleiben. Heute ist er eine der letzten großen Legenden, der Hollywoods klassisches Erzählkino bedient. Kaum zu glauben, dass dieser Mann am morgigen Sonntag 90 Jahre alt wird. Ist er doch weit davon entfernt, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Noch immer dreht er unbeirrt mit der ihm eigenen Ruhe und Lässigkeit einen Film nach dem anderen.

Dabei schien dem Sohn eines Stahlarbeiters aus San Franciscos eine große Karriere anfangs nicht beschieden. War er doch mit seiner titanenhaften Körpergröße von 1,93 Meter viel zu für eine Branche, in der die meisten einen Kopf kürzer sind. Auch etwas zu ungelenk und eigentlich zu attraktiv, zu glatt. Weshalb er von seinen Anfängen als Sunnyboy in Western-Fernsehserien bald selbst gelangweilt war. Er musste erst in die Fremde ziehen und von einem europäischen Regisseur neu erfunden werden.

Zwei große Regisseure formten sein Image

Sergio Leone holte ihn für seinen ersten Italo-Western „Für eine Handvoll Dollar“ 1964 nach Europa. Er brauchte einen Amerikaner, um das amerikanischste aller Filmgenres gegen den Strich zu bürsten. Und kreierte eine Legende: den Fremden ohne Namen, ein wortkarger Kerl mit Hut und Poncho, der die Welt aus zusammengekniffenen Augen ansah, sich eher den Zigarillo verbiss, als etwas zu sagen, und den Colt sprechen ließ. Eine stoische Maske, bei der das glatte Gesicht unter einem Bart und viel Staub verschwand. Ein Anti-Held, war geboren.

Zu einem echten Star aber wurde Eastwood erst, als 1971, zurück in den USA, sein anderer großer Regisseur, Don Siegel, diese Figur erweiterte und in die amerikanische Gegenwart transponierte: von der weiten Prärie in die Wildnis der Großstadt. Für seinen zynischen Cop Harry Callahan tauschte Eastwood den Poncho gegen einen Anzug und den Zigarillo gegen eine Sonnenbrille. Wieder war er ein einsamer Wolf, scherte sich aber noch weniger um Moral. Erst schießen, dann fragen, war seine Devise. Mit dieser Law-and-Order-Manier und durchaus faschistoiden Zügen schockierte „Dirty Harry“ das liberale New Hollywood, das gerade das Kino neu erfand. Eastwood war plötzlich das überkommene, reaktionäre Feindbild, das mit insgesamt fünf „Dirty Harry“-Filmen bewusst gegen den Zeitgeist antrat. Und dessen wohl berühmtester Satz „Go ahead, make my day“ zum geflügelten Wort wurde, das nicht umsonst ein US-Präsident namens Ronald Reagan gern zitieren sollte.

Aber als man ihn noch als Mann auf der falschen Seite verdammte, begann Eastwood schon selbst, sich von diesem Mythos loszusagen und am Image des Machos mit seiner durchaus toxischer Männlichkeit zu kratzen. Anfangs beinahe unbemerkt, begann er erste Filme selbst zu inszenieren. Anfangs variierte er, um das Handwerk zu lernen, die Stoffe seiner Regisseure. Um schließlich auch mit anderen Themen zu überraschen – und mit einer Bandbreite, die viel größer war als in seinem Schauspiel. Er spielte immer brüchigere Helden. Zwangsweise musste er dabei wieder zum Western kommen und hat mit „Pale Rider – Der namenlose Reiter“ (1985) und vor allem „Erbarmungslos“ (1992) zwei der besten Spät-Western überhaupt gedreht, die ein Abgesang auf das Genre wurden. Und auf den Typus, den Eastwood dort bedient hat.

„Erbarmungslos“ gewann 1993 vier Oscars, Eastwood war damals 61. Damit hätte man würdig in Rente gehen und sich noch mit ein paar Gastrollen begnügen können. Aber Eastwood spielte sich jetzt erst richtig frei. Machte Filme, in denen er immer zu spät kam: zu spät im Job als alternder Bodyguard in „In the Line of Fire“ (1993), zu spät für die Liebe, in der Altersromanze „Die Brücken am Fluss“ (1995), zu spät als Raumfahrer in „Space Cowboys“ (2000). Und zu spät immer wieder, um sein Leben noch mal umzukrempeln.

Das aber tat Eastwood als Regisseur. Und probierte sich in immer neuen Genres. Er überraschte mit einem Jazzfilm wie „Birdie“ über Charlie Parker, überraschte auch als Komponist minimalistischer Scores in seinen eigenen Filmen. Und triumphierte mit Werken wie „Million Dollar Baby“ (2004), das sich von einem Boxdrama unvermutet zum Plädoyer für Sterbehilfe wandelte. Oder das Filmdoppel „Flags Of Our Fa-thers“ und „Letters From Iwo Jima“ (2006): zwei Antikriegsfilme, die ihren Namen wirklich verdienen, die dasselbe Trauma von zwei Seiten, der amerikanischen und der japanischen, spiegeln, wobei der Regisseur Schlachtszenen bewusst ausließ und sich dafür auf die Verwüstungen in den Seelen konzentrierte.

Eastwood hatte damit eine Reife und Größe erreicht, die ihm auch die Verehrung seiner einstigen Gegner einbrachte. Kein Schauspieler mehr, der auch mal Regie macht, sondern eher andersrum. Wobei Eastwood, ein Star ganz ohne Allüren, sich auch den Ruf einbrachte, einer der effizientesten Filmemacher zu sein, weil er seine Budgets stets unterschreitet, viele Szenen oft nur einmal dreht – und am Set ein ruhiger Filmemacher ist, mit dem jeder Kollege gern arbeitet. Auch jede Kollegin: weil es in seinen Filme immer sehr starke und präsente Frauenfiguren gibt.

Aber da ist dann wieder der Ultrakonservative, der ein Machwerk wie „American Sniper“ (2014) drehte, für viele ein Rückfall in alte „Dirty Harry“-Zeiten, der Wahlkampf für Donald Trump machte und bei einem peinlichen Wahlauftritt mit einem leeren Stuhl Fremdscham selbst beim größten Fan auslöste. Eastwood, doch ein Reaktionär? In seiner Zeit als Bürgermeister im kalifornischen Carmel hat er moderat agiert, zählt sich aber zu den Libertariern, die eine Grundskepsis gegenüber dem Staat und seinen Organen haben. Das passt zu fast allen Figuren, die Eastwood selbst gespielt hat. Von Trump hat er sich zwischenzeitlich distanziert. Und mit seinem jüngsten, mittlerweile 38. Regie-Werk, „Der Fall Richard Jewell“, der just zum Corona-Lockdown in die Kinos kommen sollte, hat er seinen bislang politischsten Film gemacht, der auch einem Trump nicht schmecken kann.

Ein ewiges Abarbeiten am „American Icon“

Immer wieder also ist Eastwood für Überraschungen gut, auch wenn er es seinen Fans nicht immer leicht macht. Dabei arbeitet er sich eigentlich über sechs Dekaden immer wieder am selben Thema ab. Eine, so der Filmhistoriker Georg Seeßlen, „kontinuierliche Arbeit der Konstruktion, Dekonstruktion und Rekonstruktion des American Icon“. Längst ist er selbst eine solche Ikone, wirkt sein Gesicht wie in Stein gemeißelt. Noch treffender hat es der britische „Guardian“ formuliert: Eastwood sei sein eigenes Mount Rushmore. Ein Monument seiner selbst, das doch nie zu Stein erstarrt, sondern immerzu Denkmäler ins Wanken bringen kann.

Trotz seines hohen Alters denkt Eastwood nicht daran aufzuhören. Das Drehen scheint ihm Lebenselixier. Wie er seinen 90. begehen will, darüber gibt sich der Jubilar so wortkarg wie seine frühen Antihelden. Er hasse seinen Geburtstag, verriet seine ebenfalls als Schauspielerin tätige Tochter Alison Eastwood. Und auch von Ruhestand wolle er nichts wissen. Er wolle nur arbeiten und sein Leben genießen.