Regisseurin

Doris Dörrie zum 65. - Zwischen den Stühlen

Doris Dörrie hat sich immer wieder neu erfunden: mit Filmen und zuletzt mit Opern-Inszenierungen. Am kommenden Dienstag wird sie 65.

Doris Dörrie hält ihrer Wahlheimat München die Treue. Seit vielen Jahren hat sie aber auch eine Zweitwohnung in Berlin.

Doris Dörrie hält ihrer Wahlheimat München die Treue. Seit vielen Jahren hat sie aber auch eine Zweitwohnung in Berlin.

Foto: Reto Klar

Berlin. In Schubladen hat sie sich nie stecken lassen. Im Gegenteil: Mit Lust hat sie immer wieder Neues ausprobiert. Und das von Anfang an. Berühmt wurde Doris Dörrie gleich mit ihrem zweiten Kinofilm „Männer“, wo sie sich über Rollen- und Geschlechterverhalten lustig machte. Damit hat sie, just in einer Zeit, als auch Ina Deter davon sang, dass das Land neue Männer brauche, einen Zeitnerv getroffen. Und war damit 1985, mit gerade mal 30 Jahren, plötzlich die deutsche Filmhoffnung.

Frauen auf dem Regiestuhl, das gab es bis dahin eigentlich nur im Autorenfilm, nicht aber im Mainstreamkino. „Der Spiegel“ hievte sie damals aufs Titelblatt als „Die Männer-Frau“. Der Film war so erfolgreich, dass die Beziehungskomödie über ein Jahrzehnt hinweg das deutsche Kino prägen und bald auch lähmen sollte. Und natürlich wurde Doris Dörrie ständig bekniet, doch bitte eine Fortsetzung zu drehen. Dafür bekniet man sie heute noch.

Stattdessen hat sich die Filmemacherin immer wieder neu erfunden. Hat ein ganz eigenes Gespür für das Menschlich-Allzumenschliche entwickelt, das sie stets humor-, aber auch liebevoll behandelt. Früh hat sie auch weit über den Tellerrand geschaut und sich von anderen Kulturen inspirieren lassen. Erst in den frühen Lehrjahren in den USA, dann vor allem durch ihre Begegnung mit Asien. Gleich mit ihrem Kinodebüt „Mitten ins Herz“ wurde sie aufs Filmfestival von Tokio eingeladen. In dem fremden Land fühlte sie sich völlig verloren, hat sich dem aber lustvoll ausgesetzt. Ein Erweckungserlebnis: Das Fremdsein, erkannte sie, schärft den Blick.

Graben, kratzen, schürfen – das ist ihr Mantra

Früh hat sie auch zu schreiben begonnen. Nicht nur Drehbücher, auch Romane und Erzählungen. Keiner wandelt so stetig und selbstsicher in diesen so grundverschiedenen Bereichen wie sie. Und 2001 hat die Wahl-Münchnerin auch noch ihren späten Einstand als Opernregisseurin gegeben, an der Berliner Staatsoper mit „Così fan tutte“ unter Barenboim. Dabei war Oper für sie nach eigenem Bekunden damals noch exotischer, als nach Japan zu reisen. Aber auch dieses fremde Terrain hat sie sich lustvoll erobert. Längst ist es ihr drittes Standbein. Ihr angestammter Platz, wenn es denn überhaupt einen gibt, ist der zwischen allen Stühlen. Am kommenden Dienstag wird Doris Dörrie 65 Jahre alt. Früher war das mal ein Alter, in dem man ans Aufhören dachte. Bei Doris Dörrie wäre das undenkbar.

Ein tiefer Einschnitt war allerdings 1996 der Tod ihres Mannes, Kameramann Helge Weindler, mitten in den Dreharbeiten zu „Bin ich schön?“. Danach glaubte die Dörrie, nie wieder einen Film drehen zu können. Sie hatte aber den Auftrag, für die Dokumentarfilmreihe „Denk ich an Deutschland“ einen Beitrag zu drehen. Werner Penzel, ein Freund und Dokumentarfilmer, traf sich jeden Tag mit ihr, um gemeinsam mit einer Videokamera einfach drauflos zu drehen. Für sie wurde das ein weiteres Schlüsselerlebnis: dass man nicht mit einem Konzept durch die Welt rennen muss, sondern dass die Welt auch zu einem kommen kann. Letztlich ja ein buddhistischer Gedanke.

Seither dreht Doris Dörrie nur noch mit kleiner Digitalkamera. Und mit kleinstem Stab. Was ihr viel mehr Spontaneität ermöglicht. Und wodurch sie auch, wenn sie fast unbemerkt und guerilla-artig arbeitet, weit mehr Realität einfangen kann. Da wurden ihre Filme noch persönlicher: „Erleuchtung garantiert“ etwa, in der sie ihre Faszination für den Buddhismus zugleich idealisiert und ironisiert. „Kirschblüten – Hanami“, die große Tragikomödie zwischen deutscher Spießigkeit und japanischer Beseelung. „Grüße aus Fukushima“, den sie in der strahlenverseuchten Stadt drehte. Und vergangenes Jahr brachte sie dann doch noch ihre erste Fortsetzung heraus. Aber eben nicht „Männer 2“, sondern „Kirschblüten Dämonen“.

Ein Wesenszug, der Dörrie ebenfalls auszeichnet, ist, dass sie ihre eigenen Erfahrungen gern austauscht und weitergibt. Seit 2007 lehrt sie als Professorin für Angewandte Dramaturgie und Stoffentwicklung an der Hochschule für Film und Fernsehen in München, wo sie einst selbst studierte. Um gemeinsam zu brainstormen, logierte sie sich mit ihren Studenten schon mal, weil die sich nichts anderes leisten können, in ein spanisches Billighotel ein. Woraus sie dann auch selbst geschöpft hat: mit „Alles inklusive“, erst als Roman, dann auch als Film.

Zuletzt hat Doris Dörrie kürzlich ihr Buch „Leben Schreiben Atmen“ veröffentlicht, wo sie nicht nur ihre Studenten, sondern auch Fans und Laien in ihre Kunst einweiht. Keine Anleitung, vielmehr eine Einladung zum Schreiben, worin sie alle Leser ermuntert, sich selbst und die Welt besser kennen zu lernen, indem man bewusst beobachtet und dass dann zu Papier bringt. So ist sie immer verfahren. Deshalb war ihr die frühe Popularität auch so suspekt: Wer ein Star ist, wird nur noch beobachtet und kann nicht mehr selbst beobachten. Das aber ist ihr Mantra: Hinschauen. Und, wie es im Buch heißt: Graben, kratzen, schürfen. Manchmal, gibt sie zu, findet sich dabei nur ein vergammeltes Chicken-Nugget. Manchmal aber auch ein Goldnugget.