Neues Album

Ute Lemper: Marlene und ich

Auf ihrem neuen Album verjazzt Ute Lemper Marlene-Dietrich-Klassiker. Dabei zeigt sie sich so wandlungsfähig wie eh und je.

Auf ihrem neuen Album verjazzt Ute Lemper Marlene-Dietrich-Klassiker.

Auf ihrem neuen Album verjazzt Ute Lemper Marlene-Dietrich-Klassiker.

Foto: Russ Rowland

„Lili Marleen“ ist einer dieser Ohrwürmer, die man eigentlich nicht mehr hören kann. Weil man sie allzu oft gehört hat. Vor allem seit Hanna Schygulla ihn in Fassbinders gleichnamigem Film wieder und wieder singen musste – und das ist ja auch schon wieder fast 40 Jahre her. Doch jetzt wagt sich Ute Lemper erneut an dieses Lied. Auch sie hat es schon oft gesungen. Und macht nun doch wieder etwas ganz Neues daraus.

Nichts mehr da vom trommelwirbelnd militanten Unterton, den sie früher darunterlegte. Jetzt erklingt der Evergreen jazzig-elegisch, mit vollen Streichern und einer daraus ausbrechenden Jazztrompete, die auch mal ein paar Takte von „Moon River“ andeutet. Dazu Ute Lemper mit verruchter, absichtlich gesenkter Stimme, als wolle sie das Timbre der späten Dietrich imitieren. Um zwischendrin mit ihrer eigentlichen Stimme „Sweet Dreams“ und „Marleen“ einzuwerfen. Am Ende singt sie quasi mit zwei Stimmen im Duett. Wobei „Marleen“ auf der zweiten Silbe so zerdehnt wird wie das französische „Marlène“, wie die Dietrich in ihrer Wahlheimat Paris genannt, ja verehrt wurde.

Erst Schatten, dann Schicksalsgenossin

„Lili Marleen“ ist eines von 20 berühmten Liedern, die die Dietrich einst gesungen hat und die nun die Lemper interpretiert auf ihrem neuen Album „Rendezvous With Marlene“, das am heutigen Freitag erscheint. Ein paar Evergreens wie „Sag mir, wo die Blumen sind“ oder „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“ erklingen dabei fast ganz klassisch. In das große Berlin-Chanson „Allein in einer großen Stadt“ rührt die Lemper dagegen zu dem melancholischen Pathos urplötzlich Tango-Rhythmen. Und der Hollaender-Song „Ich bin die fesche Lola“ wird derart verjazzt und umgekrempelt, dass man ihn erst mal nur am (englischen) Text erkennt, bis die Lemper plötzlich ins Original wechselt, zwei Lieder in einem singt und sie am Ende in Scat-Modulationen auflöst. Das ist Marlene und doch wieder nicht, ist Ute Lemper und eine sehr persönliche Hommage.

Die 56-Jährige kehrt damit auch zu ihren Wurzeln zurück. Denn Marlene Dietrich hat Ute Lemper ja gerade zu Beginn ihrer Karriere verfolgt. Als sie erste Erfolge im Ausland feierte und dafür als „Nationalheldin“ verehrt wurde, kam immer wieder der Vergleich mit dem Weltstar auf, mit der anderen kühlen Blonden mit langen Beinen. Die Lemper wurde gar als „Marlene aus Münster“ gepriesen. Das war ihr so peinlich, dass sie, als sie 1987 in Paris den Molière-Preis gewann, eine Postkarte an die Dietrich abschickte, in die Avenue de Montaigne 12, wohin sich der Alt-Star ab 1979 zurückgezogen hatte, um sich für die absurden Presse-Vergleiche zu entschuldigen.

Zum Dank wurde sie ein Jahr später von Marlene Dietrich höchstselbst angerufen – die einzige Art der Diva, noch mit der Welt zu kommunizieren. Ein Gespräch, das Ute Lemper in ihren Memoiren „Unzensiert“ – die sie bereits 1995 im Alter von 32 Jahren geschrieben hat – noch auf zwei Stunden taxiert hat, jetzt aber im CD-Booklet mit drei Stunden angibt. Dabei habe die Dietrich viel über ihr Leben, ihre Melancholie und ihr schwieriges Verhältnis zu Deutschland erzählt. Das sollte der Lemper bald ähnlich gehen.

Und auch das hatte mit der Dietrich zu tun. 1992 kehrte Ute Lemper nach Deutschland zurück und spielte im Berliner Theater des Westens unter Peter Zadek in dem neuen Musical „Der blaue Engel“ nach dem Erfolgsfilm, mit dem die Dietrich zum Weltstar geworden war. Marlene Dietrich starb aber sechs Tage vor der Premiere. Das Publikum erwartete plötzlich eine Hommage an den echten Star und konnte mit der Nummernrevue nichts anfangen. Das wurde vor allem Ute Lemper angelastet. Die Kritiken waren vernichtend. Das traf die Sängerin so sehr, dass ihre Stimme versagte und Eva Mattes einspringen musste. Auch das wurde der Lemper vorgeworfen, man keifte, sie würde kneifen. Sie sah darin zeitweise eine wahre Hexenverfolgung. Wohl mit ein Grund dafür, warum sie Deutschland bald den Rücken kehrte und in die USA übersiedelte, wo sie mehr galt als im eigenen Land. Auch das eine Analogie zur Dietrich, die ihr erst ein Schatten und dann eine Schicksalsgenossin war.

Mit Marlene hat sich Ute Lemper freilich immer wieder auseinandergesetzt. Gerade in den 90er-Jahren, kurz nach Marlenes Tod. Auf ihren Alben „Illusions“ (1992) und „City of Strangers“ (1995) und dann auch bei „Blood and Feathers“ (2005) sang sie immer wieder Marlene-Songs. Bürstete sie aber schon damals gehörig gegen den Strich und machte ganz eigene, originelle Interpretationen daraus. Zum 100. Geburtstag der Dietrich, der in Berlin mit einer großen Show im Friedrichstadtpalast gefeiert wurde, war Ute Lemper dann aber wie selbstverständlich mit dabei.

Seither hat sich die Entertainerin immer wieder musikalisch neu orientiert und erfunden. Das frühe Musical-Fach hat sie dabei ganz abgelegt. Sie eroberte sich den Tango, wagte eigene Kompositionen – und pflegt jetzt vor allem den Jazz, wo sie nach eigenem Bekunden viel freier operieren kann als zu ihren frühen Zeiten beim angesehenen Decca-Label. Das hat ihr gern ins Konzept reingeredet, bei den dortigen Aufnahmen stand auch gern ein riesiges Orchester hinter ihr. Jetzt musiziert Ute Lemper eher intim mit ganz auf sie eingespielten Jazz-Musikern. Was die neuen Interpretationen viel persönlicher macht.

Gleich fünf Klassiker von Friedrich Hollaender sind dabei, aber auch Bob Dylans „Blowing In The Wind“ und „Que reste-t-il de nos amours“ von Charles Trenet. „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ beginnt als wildes Klezmer-Arrangement, in das dann sanfte Henry-Mancini-artige Streicher einsetzen. Und „In den Ruinen von Berlin“ erklingt wie ein zerstörter Traum, in den Fetzen der deutschen Nationalhymne eingestreut werden, aber auch der wehmütig gehauchte Seufzer „Berlin Berlin“. Dabei spielt Ute Lemper immer wieder mit ihrer Stimme, die sie mal künstlich auf das dunkle Timbre der späten Dietrich senkt, dann wieder in ihrer eigenen Höhe singt und bis in Scat-Höhen schraubt.

Dabei zeigt die Lemper sich so experimentierfreudig und wandlungsfähig wie eh und je. Ihr Album will sie als Hommage verstanden wissen, aber nicht als Imitation. Eine späte, nochmalige Verbeugung vor der Diva, die damals, bei ihrem historischen Anruf, von einem fernen Denkmal urplötzlich zu einem lebenden Menschen wurde. Dieser Tage wollte Ute Lemper für das neue Album eigentlich Konzerte geben in Mailand, Bergen, Dublin und Utrecht. Corona-bedingt musste das alles abgesagt werden. In Deutschland wäre sie nur in Hildesheim aufgetreten.

Hat sie denn auch noch einen Koffer in Berlin, wie in dem berühmten Hollaender-Couplet, das als Track 16 auf dem Album zu hören ist? In jener Stadt, in die sie noch zu Mauerzeiten gezogen ist und wo sie auch die Wiedervereinigung miterlebt hat? „Berlin, das ist einfach ein Stück meines Lebens“, hat sie gerade in einem Interview gesagt. Sie sei hier nicht nur „auf der Durchreise“, sie gebe hier auch viele Konzerte und erfahre dabei viel Liebe und Respekt.