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Netflix-Serie „Hollywood“: Der Traum vom besseren Amerika

Die Netflix-Serie „Hollywood“ stellt Skandale und Abgründe der Traumfabrik nach – und bietet zugleich eine Utopie.

Ich will hier rein: Jack Costello (David Corenswet) träumt von einer Filmkarriere. Noch lungert er vor den Toren des Studios herum.Netflixpa/Everett Collection

Ich will hier rein: Jack Costello (David Corenswet) träumt von einer Filmkarriere. Noch lungert er vor den Toren des Studios herum.Netflixpa/Everett Collection

Foto: ©PA/Netflix / picture alliance / Everett Collection

Netflix ist der große Konkurrent von Hollywood. Ein Streamingdienst, der dem klassischen Kino das Publikum abziehen will. Und von der Corona-Krise und den damit einhergehenden Kino-Schließungen derzeit am meisten profitiert. Nun aber startet Netflix mitten in der Auszeit der Kinos eine Serie, die mitten in deren ureigenem Terrain spielt, in der Traumfabrik zu ihrer goldensten Zeit. Und dabei doch die ganze Verlogenheit der Branche aufdeckt: „Hollywood“ von Ryan Murphy und Ian Brennan, die seit „Glee“ erfolgreich eine Serie nach der anderen gemeinsam produzieren. Murphy sieht seinen jüngsten Siebenteiler als Liebesbrief an Hollywood. Netflix dürfte ihn eher als Rote Karte verstehen, aber zugleich als Möglichkeit, sich als die bessere Traumfabrik darzustellen.

Am Anfang der Karriere steht eine dubiose Tankstelle

Die Serie spielt Mitte der 40er-Jahre, wo sechs junge Menschen, vier Männer und zwei Frauen, davon träumen, im Filmbusiness Fuß zu fassen. Und dazu gleich im Vorspann das berühmte Hollywood Sign, die riesigen Buchstaben auf den Hollywood Hills, erklimmen. Doch aller Anfang ist schwer. Und der führt nicht nur über die Besetzungscouch, die in diesem Fall sogar gleich ein Schlafzimmer hinter dem Schreibtisch der Macht ist. Sondern auch in eine dubiose Tankstelle, in der ein gewiefter Chef Zapfboys nicht nur fürs Volltanken und Ölwechseln einstellt, sondern sie unter dem Codewort „Dreamland“ an betuchte Kunden ausleiht für zusätzliche Dienste, die natürlich allesamt physischer, ergo sexueller Natur sind. Einer der jungen naiven Träumer, Jack Costello (David Corenswet), der Schauspieler werden will, ist anfangs geschockt, dass er auf diese Art seinen Lebensunterhalt verdienen und seine schwangere Frau versorgen soll. Doch Tankstellenbesitzer Ernie West (Dylan McDermott) kontert lässig, dass er nichts anderes biete als „die Vision eines neuen Amerika“, in dem alles erlaubt ist.

Das klingt nach Lust und Laster, nach grellen Skandalen und tiefsten Abgründen, wie man das aus Kenneth Angers notorisch reißerischem Enthüllungsklatschbuch „Hollywood Babylon“ kennt. Die größtenteils fiktiven Hauptfiguren (gespielt von noch eher unbekannten Darstellern aus früheren Murphy-Serien) treffen dabei immer wieder auf so historische wie sinnenfrohe Persönlichkeiten wie Vivien Leigh, Tallulah Bankhead oder George Cukor. Und auch die vermeintlich völlig überdrehte Idee mit der Tankstelle ist nicht gänzlich aus der Luft gegriffen: Sie basiert locker auf der Vita von Scotty Bowers, der seinerzeit tatsächlich derartige Liebesdienste im großen Stil offerierte und sie 2012 in seiner späten Autobiografie „Full Service“ genüsslich preisgab.

„Hollywood“ wurde als „Sexgarage“ von Netflix bezeichnet

Die „Hollywood“-Serie wurde deshalb etwas vorschnell schon als die „Sexgarage“ von Netflix bezeichnet. Nichts wäre unzutreffender, zumal sie dafür doch auch recht brav, ja fast prüde inszeniert ist. Vom US-Bezahlsender HBO ist man da ganz andere Freizügigkeiten gewohnt. Aber so wie die vermeintliche Tankstelle für ganz andere Zwecke eingerichtet ist, so ist auch die Serie nicht das, was der Auftakt suggeriert.

In der zweiten Folge geht es plötzlich um die – echte – Anna May Wong, die erste Chinesin, die ein Star in Hollywood wurde und der doch die großen Hauptrollen immer versagt blieben. Folge zwei handelt außerdem von der schwarzen Novizin Camille (Laura Harrier), die ebenfalls Schauspielerin werden will, aber nur die ewigen Dienerinnenrollen bekommt, die nicht nur schlimmste Klischees sind, sondern eigentlich Sklavendienste. Ein weiterer Schwarzer, Archie (Jeremy Pope), konnte ein Drehbuch an ein Studio verkaufen, aber nur, weil keiner seine Hautfarbe kennt. Er verliebt sich auch noch in einen Weißen (Jake Picking), der ebenfalls zum Star aufgebaut werden soll und einen Künstlernamen erhält, der nicht ganz unbekannt ist. Und der seine sexuellen Vorlieben gefälligst kaschieren soll. Plötzlich geht es um ganz andere, viel tiefere Abgründe der vermeintlichen Traumfabrik, die sich als rassistisch, frauenfeindlich, homophob erweist. Und sogar als antisemitisch, auch wenn sämtliche Studios von jüdischen Moguln beherrscht werden.

Alle Fäden und Handlungsstränge laufen in dem fiktiven Studio Ace Pictures (dessen Portal aber doch auffallend an das Paramount-Studio erinnert) zusammen: der halbasiatische Jungregisseur (Darren Criss), der sein Filmprojekt nicht realisieren kann. Der schwarze Autor mit seinem Script über Peg Entwistle, jenem berühmten weißen Starlet, das sich 1932, weil ihre Träume sich nicht erfüllten, vom Hollywood Sign in den Tod gestürzt hat. Die zwei Aktricen und zwei Akteure, die dabei mitspielen wollen und sich gegenseitig ausstechen müssen. Bis hin zur Gattin des Studiobosses (Broadway-Star Patty Lupone in einer großartigen Altersrolle), die es ebenfalls leid ist, immer nur gute Miene zu den Seitensprüngen ihres Mannes zu machen.

Die Filmgeschichte wird gleich mehrfach umgeschrieben

Allesamt Außenseiter also, denen immer wieder gesagt wird, dass sie es in Hollywood nie nach oben schaffen werden. Und die doch gemeinsam eine Phalanx bilden, um gegen die ewigen Vorurteile anzugehen. Und einen Film durchsetzen wollen, der Hollywoods wahres Gesicht entblößen soll - und der gegen interne wie externe Kräfte durchgeboxt werden muss: von Hollywoods Selbstzensurbehörde bis hin zum Ku-Klux-Klan.

Dabei schreiben die Serienmacher die Filmgeschichte gleich mehrfach um. Bis hin zur 20. Oscar-Verleihung 1948, in der manche Preise ganz anders vergeben werden, als das in den Annalen steht. Quentin Tarantinos kleine Geschichtsklitterung in „Once Upon A Time... In Hollywood“ ist gar nichts dagegen. Der Siebenteiler ist eine einzige Überwindungs- und Korrekturfantasie, die nicht nur das Hollywood zeigt, wie es einst war, sondern vor allem, wie es hätte sein können und sollen, wenn man nur junge, aufgeschlossene Kräfte gelassen und nicht ins System gepresst hätte.

Und da sind wir wieder bei der Tankstelle. Denn was deren Chef anfangs anpreist, tut die Serie im großen Stil auch: Sie bietet die Vision eines neuen, eines besseren Amerika. Das man gleichfalls „Dreamland“ nennen könnte. Wo Minderheiten jeglicher Art nicht länger unterdrückt werden und es völlig egal ist, wer welche Hautfarbe, welches Geschlecht oder welche sexuelle Orientierung hat. Wo niemand mehr auf alte, erzreaktionäre Männer hört, die die Gesellschaft nur spalten und für ihre Zwecke missbrauchen. Mithin die Verwirklichung des ur-amerikanischen Traums. Und das glatte Gegenteil zu jener Nation, die derzeit von Donald Trump eher entzweit denn regiert wird. Man hätte die Serie auch schlicht „America“ nennen können.

Auch wenn Murphy seine Serie als Hommage an die gute alte Traumfabrik sieht, ist „Hollywood“ für das verantwortliche Studio Netflix natürlich auch Werbung in eigener Sache. Nach dem Motto: Seht her, wie feige und mutlos Hollywood einst agiert hat. Schaut, was wir heute alles möglich machen, welchen Talenten wir die Chance bieten, neue, kühne Formate zu entwickeln. Was schon seit Jahrzehnten möglich sein sollte. Ob altehrwürdiges Filmstudio oder aufstrebender Streamingdienst, an diese eine Botschaft immerhin glauben alle noch: dass Filme etwas bewegen und verändern können und dass die Gesellschaft eine bessere werden könnte. Eine Utopie, an die auch wir gerne glauben mögen.

„Hollywood“: Serie in sieben Folgen auf Netflix.