Theatertreffen

Keine Absicht, nur Tourette

Beim Theatertreffen verhandelt „Chinchilla Arschloch, waswas“ das Leiden an Tics. Es ist ein interessanter, oft komischer Abend.

Theater ist eigentlich nicht seins: Benjamin Jürgens berichtet von seinen Tics.  "Chinchilla Arschloch, waswas" beim Theatertreffen  

Theater ist eigentlich nicht seins: Benjamin Jürgens berichtet von seinen Tics.  "Chinchilla Arschloch, waswas" beim Theatertreffen  

Foto: © Robert Schittko

Berlin. Theater ist ihm eigentlich ein Graus. Benjamin Jürgens leidet am Tourette-Syndrom, unter Tics, die er nicht kontrollieren kann. Schon die Anfahrt ist eine Herausforderung, die Menschen im Foyer erst recht. Und einmal rutschte ihm in einer Vorführung mitten im Monolog „So ein Blödsinn“ raus, woraufhin der Schauspieler den Faden verlor und er den Saal verlassen musste.

Jetzt steht Jürgens selbst auf der Bühne, zusammen mit Christian Hempel und Bijan Kaffenberger, die wie er Tourette haben. Die alle ständig zucken und Geräusche oder Verbalentgleisungen von sich geben. „Keine Absicht – nur Tourette“, entschuldigt sich Hempel dann gern. Die Tics sind Reaktionen auf die Umwelt. Eine Interaktion also, wenn auch ungewollt. Viele verschanzen sich deshalb vor der Öffentlichkeit. Diese drei stellen sich ihr. Und verhandeln ihr Los auf der Bühne.

Gemeinsam mit der Musikerin Barbara Morgenstern und Helgard Haug von Rimini Protokoll haben sie den Abend „Chinchilla Arschloch, waswas. Nachrichten aus dem Zwischenhirn“ entwickelt. Einerseits ein typisches Stück von Rimini Protokoll, wo stets die Biographien der Akteure mitverarbeitet werden. Und doch ganz anders. Weil dieser Abend nicht steuerbar, nicht beliebig wiederholbar ist. Das Gegenteil von Theater also.

Das Theater wird immer mitverhandelt

Die drei Männer berichten von ihren Tics und wie Nachbarn ihnen deshalb mit dem Jugendamt drohten oder sogar eine einstweilige Verfügung gegen sie erwirken wollten. Sie liefern sich ironische Duelle, in dem verliert, wem zuerst ein Tic unterläuft. Sie demonstrieren aber auch, wie sie aus ihren Geräuschen Musik machen können und bei den Liedern, die Barbara Morgenstern für jeden von ihnen komponiert hat, zu schönem Gleichklang finden.

In „Chinchilla“ geht es nicht nur um Tourette. Auch das Theater wird hier immer mitverhandelt. Denn aus der Rolle zu fallen, das ist ja längst Teil der modernen Bühne. Aber wie viel hält das Theater, hält auch das Publikum aus, wenn das Aus-der-Rolle-fallen die einzige Rolle ist? Da werden auch Erwartungshaltungen und Publikumsreaktionen mitreflektiert. Und eine Angst, die auch andere kennen: die vor Kontrollverlust. Ein interessanter, oft überraschend komischer Abend, der den Zuschauer mit einer Nervenkrankheit konfrontiert, die man im Alltag gern ausblendet.

Corona-bedingt findet das Theatertreffen diesmal virtuell statt

Rimini Protokoll macht immer wieder mit höchst un- und außergewöhnlichen Programmen von sich reden. Diese Koproduktion mit dem Künstlerhaus Mousonturm und dem Schauspiel Frankfurt wurde nun als eine von zehn herausragenden Inszenierungen zum Theatertreffen eingeladen. Das findet diesmal corona-bedingt jedoch nur virtuell statt. Was insofern schade ist, als bei dieser Produktion jeder Abend anders verläuft und auch vom jeweiligen Publikum abhängt. Während man hier nur eine Aufzeichnung verfolgt, eine Konserve, bei der man nur Zuschauer zweiten Grades ist, also auch Zuschauer der Zuschauer. Aber immerhin: Auf diese Weise kann man den Abend überhaupt miterleben.

Der enthält viele Wahrheiten. Etwa wenn als Letzter Bijan Kaffenberger auftritt, zu Ruhm gekommen, weil er es trotz Tourette als SPD-Abgeordneter in den Hessischen Landtag geschafft hat. Er würde sich zwar wünschen, wenn mal über die Inhalte seiner Rede geschrieben würde und nicht nur, wie er sie gehalten hat. Aber er macht die Krankheit auch zum Politikum. Und lotet genussvoll aus, das die Politik derzeit von ganz anderen Entgleisungen heimgesucht wird. Von den enthemmten Sprüchen und der verrohenden Sprache der AfD, für die er ein ganz eigenes Wort gefunden hat: „Parlaments-Tourette“.​