Kultur

Das Barberini in Potsdam: Vermummt im Museum

Als erstes großes Haus öffnet das Museum Barberini in Potsdam wieder seine Pforten. So leer hat man es allerdings noch nie genießen dürfen.

Das Museum Barberini zeigt derzeit eine große Monet-Ausstellung.

Das Museum Barberini zeigt derzeit eine große Monet-Ausstellung.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. Ein wenig seltsam ist es ja schon, wenn man vermummt ins Museum geht. Als wolle man ein Kunstwerk rauben und nicht nur ein paar Blicke darauf erhaschen. Aber nach fast acht Wochen ohne Kultur ist es wie eine Erlösung, mal wieder ein Museum betreten zu dürfen. Und die Besucher, die sich gleich Mittwochmorgen vor dem Museum Barberini in Potsdam anstellen, um als Erste hineinzugelangen, setzen denn auch artig den Mund-Nasen-Schutz auf und warten geduldig, bis sie eintreten dürfen.

Das Barberini ist das erste große Haus, nicht nur deutschlandweit, sondern international, das seine Pforten wieder öffnet. Sie ersten Berliner Häuser ziehen von Montag an nach. Und es zeigt mit „Monet. Orte“ nicht nur ein Juwel: die bisher größte Ausstellung, die es je in Deutschland zu Claude Monet gab. Es bedient auch das Fernweh, das wegen Reiseverbot und geschlossenen Grenzen derzeit anders nicht zu befriedigen ist. Zeigt es doch Landschaftsbilder, die der französische Impressionist (1840-1926) nicht nur auf seinen Landsitzen, sondern auch auf seinen vielen Reisen immer wieder und immer in anderen Lichtstimmungen gemalt hat: also nicht nur die berühmten Seerosen, sondern auch die raue Atlantikküste, Venedig und London im Nebel und Winterimpressionen an der Seine.

Manche Besucher tragen künstlerischen Mundschutz

Eine Reise an Sehnsuchtsorte, impressionistisch dahingetupft, alle in separaten Sälen. Und wie dankbar, wie freudig nehmen die Museumsbesucher das auf, die teils mit Mundschutz aus der Apotheke kommen, teils aber auch mit künstlerisch-kreativen Mustern.

Und was besonders staunenswert ist, das ist die Ruhe, die fast andächtige Stille. Das kennt man nicht vom Barberini, hier strömen sonst Massen, die sich in den Sälen stauen und gegenseitig den Blick nehmen. Nun aber dürfen maximal 25 Besucher in einen Saal. Oft finden sich in einem Raum mehr Gemälde als Zuschauer. Das gibt es im Barberini sonst nie. In kürzester Zeit ist das vor drei Jahren eröffnete Haus zu einem Hotspot geworden, mit spektakulären Ausstellungen, aber auch mit Besuchermengen, die kaum in die engen Räume passen. Welch Privileg also, wenn man hier jetzt ein Gemälde ganz allein auf sich wirken lassen kann!

Die Ausstellung, am 22. Februar eröffnet, war keine drei Wochen zu sehen, bis das Museum seine Pforten schloss, schon zwei Tage vor dem Shutdown. Pro Tag wurden bis zu 3500 Besucher gezählt, jetzt sind maximal 800 erlaubt. Das ist natürlich eine Einnahmeeinbuße. Aber das Museum ist eins der ersten, das wiedereröffnet. Direktorin Ortrud Westheider erfüllt das mit Stolz. „Aber alle Augen schauen auf uns“, weiß sie, „es liegt auch eine sehr große Last auf unseren Schultern.“ Drei Wochen haben sie an ihrem Corona-Konzept getüftelt. Die Wiedereröffnung fühlte sich wie eine Premiere an.

Verlängerung bis zum 19. Juli

Und in kürzester Zeit ist es auch gelungen, ein wahres Wunder, die Schau zu verlängern. Ursprünglich sollte sie am 1. Juni enden, jetzt ist sie bis 19. Juli zu sehen. Normalerweise würden solche Verhandlungen allein wegen der Versicherungen lang und bürokratisch verlaufen. Aber alle Leihgeber aus Frankreich, Japan und den USA haben gerade ähnliche Probleme – und schnell zugesagt: „Ein großartiger Akt der Solidarität“, so Westheider.

Der Preis für das exklusive Barberini-Erlebnis: Man muss nicht nur am Eingang, sondern teils auch vor den Sälen warten, bis man eintreten kann. Man kann auch nicht selbst entscheiden, was man zuerst sehen will, sondern muss dem Parcours folgen. Große Punkte auf dem Boden geben den Abstand zu anderen Gästen vor, und immer wieder finden sich Hinweisschilder mit Hygiene-Regeln und Spender mit Desinfektionsmittel. Ganz durchdacht ist das Konzept noch nicht. Die schwere Drehtür am Eingang dreht sich nicht automatisch,. Auch das Personal am Eingang ist teils sehr angespannt – und empfängt nicht jeden freundlich. Die Wärter weisen auch nicht jeden zurecht, der anderen Gästen zu nahe kommt. Dafür wird der Journalist in der Mitte des Rundgangs belehrt, dass er hier nicht mit Kugelschreiber schreiben darf. Stattdessen wird ihm ein Bleistift aufgenötigt, der ohne Handschuh übergeben wird.

Besucher freuen sich über die Leere

Doch die meisten Angestellten sind sehr freundlich. Auch sie sind froh, dass sie mal nicht Massen bewältigen müssen. „Das freut auch viele Besucher“, sagt eine Wärterin, die ihren Namen nicht nennen will. „Viele fragen sogar: Können Sie das nicht nach Corona beibehalten?“ Zu den ersten Besuchern gehört auch eine Rentnerin aus Potsdam, die ihren Namen ebenfalls nicht verraten will, aber schwärmt: „Ich liebe Monet, ich liebe dieses Museum.“ Die Ausstellung hat sie schon vor der Schließung gesehen. Jetzt wollte sie sie gleich noch mal sehen, „bevor der Run wieder los geht und halb Berlin hier einfällt.“ Auch Familie Riedel hat sich aus Brandenburg und Berlin in Potsdam verabredet, um wieder Kunst genießen zu dürfen. „Kultur gehört zum Leben“, sagt der Vater. Und die erwachsene Tochter bekräftigt: „Das war, wie ins normale Leben zurückzufinden.“ Ins Barberini zu kommen ist freilich noch schwieriger als sonst. Die ersten Slots waren im Nu vergriffen. Erst ab Montag können wieder online Tickets gekauft werden.