Berliner Theatertreffen

„Kränkungen der Menschheit“: Hier wird zurückgeschaut

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Zander
Wie im Affenhaus: Ein Forscher (Vincent Redetzki, M.) zwischen lauter Primaten in der Theaterperformance „Die Kränkungen der Menschheit“.  

Wie im Affenhaus: Ein Forscher (Vincent Redetzki, M.) zwischen lauter Primaten in der Theaterperformance „Die Kränkungen der Menschheit“.  

Foto: © Gabriela Neeb

„Kränkungen der Menschheit“ analysiert Grundfeste der Bühnenrezeption – und verliert sich in bemühten Assoziationen.

Berlin. Am Anfang wähnt man sich im Bikini-Haus, am Café vor dem Affenberg: Auf der Bühne tummeln sich Menschen in hautfarbener Unterwäsche wie Affen. Sie tummeln sich auf allen Vieren, sie fressen und schmatzen, lausen und kratzen sich. Und stoßen dabei tierische Schreie aus. Das Paradies der Unschuld, mag man denken. Aber in der Mitte steht ein steril-aseptischer, kühl beleuchteter Glaswürfel, der im günstigsten Fall an einen Zoo gemahnt, im schlimmsten an ein Labor für Tierversuche. Bald kommt auch ein Mann (Vincent Redetzki) im weißen Kittel hinzu, der die Affen füttert. Und die wilde Horde lenkt.

Plötzlich treten Menschen in Alltagskleidung ein, hocken sich in den Glaswürfel. Und schauen ins Publikum. Ein Bruch mit den Konventionen. Ob nun vierte Wand oder offener Raum, der Grundvertrag mit dem Theater besteht doch darin, dass etwas dargeboten wird und die Zuschauer – nun ja: zuschauen eben. Hier aber wird radikal zurückgeguckt. Und kommentiert. Was aber auch keine „Publikumsbeschimpfung“ à la Peter Handke wird.

Die Damen und Herren sind vielmehr Museumsbesucher und erschöpfen sich in Betrachtungen von Bildern, die wir nicht sehen können: erst das berühmte Gemälde „Affen als Kunstrichter“ von Gabriel Cornelius von Max, ein Querverweis auf die Primaten zuvor. Dann ein Filmstill aus Araya Rasdjarmrearnsooks Videoarbeit „Two Planets Series Van Gogh’s The Midday Sleep and the Thai Farmers“, wo Bäuerinnen vor einem Gemälde hocken und das Scharnier bilden zu den Museumsbesuchern auf der Bühne, die ihre Eindrücke mit pseudointellektueller Besserwisserei kommentierten.

Die Affen werden nach und nach verdrängt, ab und an hört man noch einen Schrei. Aber dann wird der Glaskäfig an die Wand gefahren. Und plötzlich brechen 27 Frauen die streng-starre Anordnung auf: fröhlich schwatzend laufen Schwarze, Indigene und Kopftuchträgerinnen bunt gekleidet kreuz und quer über die Bühne. Während die Museumsgäste sich im Publikum verteilen.

„Kränkungen der Menschheit“ heißt die Performance, die Anta Helena Recke in den Münchner Kammerspielen inszeniert hat – in Koproduktion mit dem Hamburger Kampnagel, dem Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm und dem Berliner HAU-Hebbel am Ufer. Und die nun im Rahmen des Theatertreffens in Berlin zu sehen ist. Wenn auch, corona-bedingt, nur virtuell, als Aufzeichnung im Internet. Eine wilde, 70-minütige szenische Versuchsanordnung, die das Theater in seinen Grundfesten untersucht: als Schaubude. Eine Performance, die unser Rezeptionsverhalten analysiert und unseren eigenen Blick auf die Dinge reflektiert. Aber noch viel weiter greift.

Das Spiel mit echtem Publikum muss derzeit ausbleiben

In seiner Schrift „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“ Sigmund Freud vor ziemlich genau 100 Jahren drei Kränkungen des menschlichen Narzissmus’ beschrieben, die ganze Weltbilder ins Wanken brachten und die Vormachtstellung des scheinbaren Höhepunkts der Schöpfung schmerzlich infrage stellten: Das erste war die kopernikanische Wende, als die Menschheit erkennen musste, dass nicht die Sonne um sie, sondern sie um die Sonne kreist. Das zweite war Darwins Evolutionstheorie, die der Menschheit nachwies, dass sie den Tieren nicht überlegen war, sondern von ihnen abstammte. Die letzte Kränkung fügte Freud selbst der Menschheit zu, indem er ihr zeigte, dass sie nicht selbstbewusst handelte, sondern von einem Unterbewusstsein gelenkt wird, das sie nicht steuern kann. Dem fügt Anta Helena Recke nun quasi eine vierte Kränkung hinzu: die Erkenntnis nämlich, dass die Menschheit nicht nur der privilegierte, weiße Cis-Mann ist.

Das sind kühne Assoziationen und Denkanstöße, die sich indes aus dem sperrigen Bühnengeschehen nicht zwingend erschließen und die man weitgehend aus dem Programmheft ziehen muss. So kurz und spielerisch die Performance auch ist, verliert sie sich doch in Beliebigkeit und weckt noch ein ganz anderes Rezeptions- und Schauverhalten, das sicher nicht intendiert war: das der Langeweile. Das Spiel mit dem echten Publikum muss wegen der derzeitigen Theaterschließung ausbleiben. Das virtuelle Theatertreffen greift deshalb auf eine Aufzeichnung zurück, in der die Kamera auch aufs Publikum schwenkt, wenn sich die Schauspieler darin verteilen. Dabei ist zu erkennen, dass durchaus nicht alle Zuschauer dem Geschehen amüsiert und aufmerksam folgen. Gerunzelte Stirnen zeugen eher von Unverständnis. Ist das philosophische Weltergründung – oder doch nur Affentheater?

Theatertreffen virtuell unter:

https://www.berlinerfestspiele.de