Interview

Armin Rohde: "So können wir nicht mehr weitermachen"

| Lesedauer: 11 Minuten
Peter Zander
Schauspieler Armin Rohde: „Derzeit geht die Filmbranche in die Knie.“

Schauspieler Armin Rohde: „Derzeit geht die Filmbranche in die Knie.“

Foto: Joerg Krauthoefer

Schauspieler-Schwergewicht Armin Rohde über die Corona-Krise, Abnehmtouren zur Ablenkung und die Angst vor dem Ende der Kulturszene.

Berlin. Vor einem Monat, am 4. April, wurde Armin Rohde 65. Nun ist er dauerpräsent im Fernsehen. Erst vergangenen Freitag lief in der ARD „Werkstatthelden mit Herzen“, am Montag gibt es eine neue Folge seiner Erfolgsreihe „Nachtschicht“, die er bereits seit 2003 dreht, und Ende des Monats kommt dann auch die zweite Folge von „Der gute Bulle“ - seiner zweiten Krimireihe. Wir haben den Schauspieler, dem diese Omnipräsenz selbst nicht ganz geheuer ist, gesprochen.

Herr Rohde, zuerst die Frage, die man gerade jedem stellen muss: Geht es Ihnen gut? Sind Sie gesund?

Armin Rohde Danke der Nachfrage, mir geht es ausgezeichnet. Ich fühle mich agil wie ein Krokodil. Auch in meinem gesamten Umkreis kenne ich niemanden, der erkrankt ist. Familie, Freunde: Alle sind wohlauf.

Wie stark sind Sie von Corona betroffen? Sie sollten ja eigentlich zur Zeit drehen.

Eigentlich würde ich schon seit 14 Tagen „Nachtschicht“ haben. Und Mitte Juni sollte ich sechs Wochen auf Mauritius drehen. Wann das jetzt zustande kommt, ist zur Zeit offen. Aber ich habe gerade viel gearbeitet. Finanziell muss ich mir erst mal keine Gedanken machen. Ich kenne aber viele Kollegen, die stehen vor den Trümmern ihrer Existenz. Wie auch eine Unzahl Selbstständiger, kleine und mittlere Geschäfte.

Welche Strategien haben Sie gegen eine Corona-Depression?

Ich halte mich fit und mache gerade wieder eine meiner Abnehmtouren. Seit ich nicht mehr Theater spiele, ist das mit dem Gewichthalten ja ein stetiger Kampf geworden. Aber in diesen Zeiten ist das auch eine Art, sich abzulenken. Zehn Kilo sind schon runter.

Zehn Kilo? Wie schaffen Sie das?

Ich habe sechs Wochen lang nur Eiweißpulver mit maximal 800 Kalorien pro Tag zu mir genommen. Das ist hart, aber es hilft. Dann bewege ich mich viel und versuche, zwischen 9000 und 11.000 Schritte am Tag zu gehen. Nicht joggen, aber stramm gehen. Und ich habe schon vor Jahren angefangen, mir Trainingsgeräte anzuschaffen: ein Laufband, ein Fahrradergometer, Hanteln, ein Rudergerät, eine Yogamatte... Das sieht bei mir aus wie in einer gemütlichen Turnhalle. Als hätte ich das seit Jahren vorausgeahnt.

Apropos vorausgeahnt: Sie haben schon vor neun Jahren in Steven Soderberghs Film „Contagion“ neben Matt Damon und Kate Winslet mitgewirkt. Sie spielten den Chef der Weltgesundheitsorganisation und kämpften gegen ein Virus, das aus Asien kam und von einer Fledermaus stammt. Ich fand den Film damals schon gruselig...

… ich auch!

Aber jetzt ist er noch viel unheimlicher, wenn man sieht, was er alles schon vorweggenommen, vorhergesehen hat.

Na, immerhin brechen bei uns nicht Leute mit Schaum vor dem Mund auf der Straße zusammen und sind tot, wie das im Film der Fall war. Nach dem, was ich beobachte, muss es bei uns wohl nicht so krass werden, damit sich die meisten an Abstands- und Hygieneregeln halten. Aber inzwischen ist es ja auch mit der gezielten, nüchternen Aufklärung und Information schwieriger geworden, seit die klassischen Medien an Autorität und Einfluss verloren haben und sich jeder im Internet seine eigene Verschwörungstheorie zusammenbasteln kann. Auch Politiker und Wissenschaftler wissen noch nicht, was die beste Methode ist, um die Gefahr einzudämmen. Das verwirrt die Leute. Das menschliche Gehirn ist ja so beschaffen, dass es immer versucht, ein Bild zu vervollständigen. Deshalb sehen wir, wenn wir in eine Wolke schauen, gleich ein Gesicht oder ein Tier. Wir wollen immer ein Bild vervollständigen. Wie ein trockener Schwamm saugt das Gehirn willig jede Nachricht auf und baut das in seine Informationslücken ein. Und schon läuft der nächste Verschwörungstheoretiker herum.

Die Bundesländer reagieren auf die Pandemie gerade mit sehr unterschiedlichen Lockerungsmodellen. Verwirrt das unser Hirn noch mehr?

Möglicherweise, aber nicht alles, was ich nicht sofort begreife, ist deshalb schon sinnlos. Ich finde, dass sich der deutsche Föderalismus gerade wirklich bewährt. Momentan läuft ein riesiges weltweites Sozialexperiment, das beispiellos ist in der Menschheitsgeschichte. Niemand weiß, was dabei herauskommt. Durch unseren Mangel an vergleichbaren Erfahrungen kann man sich eigentlich nur vortasten und schauen, was am Ende am vernünftigsten ist. Ich finde, wir sollten alle sehr dankbar sein, dass wir in Deutschland leben. Wir gehen mit dem Virus, nach allem, was ich lese und höre, weltweit noch mit am besten um.

Und Sie sind auch ein Gesicht geworden für den Appell „Bleib zuhause!“.

Wohl wahr. Als der Anruf vom Gesundheitsministerium kam, habe ich sofort zugesagt. Ich dachte allerdings, dass sei eine Onlineaktion für ein paar Tage. Ich wusste nicht, dass dabei auch eine Plakatwelle mit meinem Gesicht anrollt. Jetzt bin ich der Mahner der Nation.

Und halten Sie sich selbst streng daran? Oder fällt Ihnen manchmal die Decke auf den Kopf?

Nö. Ich hab’s noch nie gemocht, wenn die Leute mir zu eng auf die Pelle rücken. Ich bin da eher wie ein Shaolinmönch. Zwischen meinen Filmen ziehe ich mich gern zurück. Ich hab’ auch immer ‘was zu tun. Langeweile ist mir unbekannt. Ich bin ja ein besessener Fotograf, habe Tausende von Fotos und komme endlich mal dazu, die alle zu sichten, zu bearbeiten und zu katalogisieren. Damit ich die endlich mal ausstellen kann. Nachdem ich ja jetzt, wo ich 65 geworden bin, als Shooting Star der Szene gelte. Shooting Star, in meinem reifen Alter. Das hätte mir mal mit 19 passieren sollen!

Sie waren gerade am Freitag im Fernsehen mit dem Film „Werkstatthelden mit Herz“ zu sehen, am Montag kommt eine neue Folge „Nachtschicht“, am 25. Mai dann sieht man Sie in„Der gute Bulle“. Haben wir in diesen Corona-Tagen gerade Armin-Rohde-Festspiele?

(lacht) Es kommt mir fast so vor. Obwohl die über einen Zeitraum von zwei Jahren entstanden sind. Gerade wird auch alles Mögliche wiederholt: „Hotzenplotz“, „Blücherbande“, „Rossini“... Es ist fast schon ein bisschen unheimlich, wie oft ich den Leuten derzeit ins Wohnzimmer flimmere. Vielleicht feiert man damit irgendwie noch ein bisschen meinen 65., wer weiß?

Andere haben maximal eine Krimireihe. Sie haben mit „Nachtschicht“ und „Der gute Bulle“ gleich zwei. Kommen Sie da eigentlich manchmal selber durcheinander?

Das ist ‘ne sehr gute Frage. Denn bei beiden ist ja Lars Becker der Autor und Regisseur. Und der Hauptdarsteller ist auch der gleiche. Anfangs haben wir uns schon gefragt, wie kriegen wir denn da eine Trennschärfe rein? Ich meine schon, dass das unterschiedliche Charaktere sind. Sie auch?

In „Der gute Bulle“ sind Sie das Sorgenkind, der verbrannte Polizist, während Sie bei „Nachtschicht“ der einzige Vernünftige im ganzen Revier scheinen, der nicht ständig mit sich selbst beschäftigt ist.

Das stimmt. Darauf bin ich noch nicht gekommen. Darf ich das benutzen, wenn ich das nächste Mal gefragt werde?

Aber gern. Wo ermitteln, wo drehen Sie denn lieber: in Berlin am Tag oder in Hamburg bei Nacht?

Das ist eine ganz schwere Frage. Berlin als Ermittlungspflaster ist für mich noch relativ neu, das ist ja erst mein zweiter Fall. Da gibt es auch Drehorte, die mir noch ganz unbekannt sind. Während ich Hamburg nach all den Jahren schon ganz gut kenne. In den beiden Städten arbeite ich am liebsten. In meinem Kopf, in meinem Herzen sind die längst zusammengewachsen. Wobei wir bei „Nachtschicht“ ja immer diese Nachtdrehs haben, und auch noch meist im Winter, weil die Nächte da am längsten sind. Bei minus vier Grad nachts am Hamburger Hafen stundenlang Text zu sprechen bis man schon festgefroren ist, das ist immer wieder eine Herausforderung.

Sie haben in den 90er-Jahren gefühlt in jedem zweiten Film eine markante Nebenrolle gespielt. Jetzt sind Sie gleich in zwei Reihen der Star, und wer da alles schon Gastauftritte hatte, das ist enorm. Ist das ausgleichende Gerechtigkeit?

Ach, wissen Sie, Nebenrolle ist so eine Beschreibung von außen. Ich hab mir immer selbstbewusst gesagt, das fängt alles sowieso erst an, wenn ich komme. Mit einer Hauptrolle ist man halt länger bei einem Dreh, während man sonst schon wieder auf einer anderen Hochzeit tanzt. Aber es war für mich nie ein Kriterium, die Qualität einer Rolle nach der Zeit zu messen, in der ich zu sehen bin. Oder nach der Anzahl der Sätze, die ich zu sprechen habe.

Zurück zu Corona: Wird das Fernsehen bald das nächste Opfer? Derzeit kann ja nichts gedreht werden, bald kann man nur noch Konserven senden

Derzeit geht die Filmbranche in die Knie. Die Kinobetreiber sind in Not, auch schon kleinere Produktionsfirmen. Wenn das so weitergeht, werden auch größere folgen. Aber bevor es das Fernsehen selber trifft, sind schon die Künstler am Ende. Da stehen jetzt schon viele vor dem existenziellen Aus. Wenn nicht bald Maßnahmen dagegen getroffen werden, dann ist die ganze Kulturszene weg. Das scheint den Leuten noch nicht klar zu sein. Es heißt ja gern, wir Künstler klagen auf hohem Niveau. Nee, tun wir nicht! Wir verdienen zwar für eine kurze Zeit ganz gut, müssen danach aber meist auch lange davon leben. Wir arbeiten mit dem Risiko eines Selbständigen, aber nicht mit dessen Vorteilen. Und all die derzeitigen Hilfsmaßnahmen greifen bei uns nicht. Wir fallen durch sämtliche Raster. Das muss allen klar sein: Wenn das kulturelle, gesellschaftliche, ökonomische Leben nach Corona wieder anläuft, wird die Welt eine andere sein. Und wir werden nicht mehr so weiter machen können wie bisher. Aber ich glaube an unsere Kraft, unseren Einfallsreichtum und unsere Anpassungsfähigkeit.

Rohde ist jetzt in mehreren Filmen und Serien zu sehen, live oder in der Mediathek:: „Nachtschicht – Cash Carry“, ZDF, 4. 5., 20.15 Uhr. „Der gute Bulle – Friss oder stirb“, ZDF, 25. 5., 20.15 Uhr. „Werkstatthelden mit Herz“ in der Mediathek der ARD.