Corona in Berlin

Mist und Klorollen gegen den Budenkoller

Aprilscherz der feinsten Art: 30 Filmemacher haben für den RBB Kurzfilme über die eigenen vier Wände gedreht. Jetzt sind sie zu sehen.

Spiel daheim: Kinder bauen eine Wurfbude aus Klopapier.

Spiel daheim: Kinder bauen eine Wurfbude aus Klopapier.

Foto: rbb

Corona ist ein Massagebällchen. Auf diese Analogie muss man erst mal kommen. Aber es ist ja immer erhellend, wenn Kinder mit ihrer unschuldig-natürlichen Art ihre Wahrnehmungen darlegen. Das kennt man nicht erst seit den „Montagsmalern“. Hans-Christian Schmid, aufgefordert, einen kurzen Film über die Corona-Krise zu Hause zu drehen, hat seine Töchter, die ihren Papa sonst nicht immer den ganzen Tag zu sehen kriegen, befragt, was sie unter Corona verstehen.

Die malen das mit Farbstiften aus. Und auf die Frage, wie das Virus denn aussieht, hält die Jüngere Papas Massagebällchen in die Kamera: So! Eine komische, aber verblüffend simple Wahrheit.

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Davon gibt es viele in „4 Wände Berlin“. Kurz nach dem Lockdown und als kreative Reaktion darauf hat der RBB Filmemacher aus Berlin und Brandenburg aufgefordert, zwei Minuten kurze Filme über den veränderten Alltag in Zeiten von Corona zu drehen. Von diesen Beiträgen hat der Sender dann als hübschen „Aprilscherz“ und Running Gag durch den Monat an jedem Tag einen in der „Abendschau“ gezeigt. Nun, da der Monat vorüber ist, werden alle Filme als großes Finale am Stück gezeigt. Und da tun sich, neben dem Massagebällchen, noch ganz andere Erkenntnisse auf.

Corona kann Auszeit, aber auch Angst bedeuten

Corona ist Auszeit. Nicht wenige Filmemacher beobachten ihre Kinder, wenn selbst aus dem Zwang zum Händewaschen ein Spiel wird, bei dem Seifenblasen entstehen. Oder man zieht, wie die Schauspielerin Judith Engel, mit den Kindern durch die leere Stadt. Corona ist Muße. Da besinnt man sich plötzlich der Lyrik. Rezitiert Heines „Loreley“. Oder schmiedet selbst ein paar Verse. Corona ist auch Stress. Es ist nicht nur schön, wenn die Kinder um einen sind, zumindest wenn man im Homeoffice ist. Und Corona ist Mist. Auf diese einfache Formel bringt es zumindest Detlev Buck, der sich mit dem Handy dabei filmt, wie er auf dem Land in seinem Bagger sitzt und Mist von einem Anhänger schaufelt.

Corona ist auch Horror. Gleich drei Filmemacher inszenieren Gruselszenarien. Der Schauspieler Philipp Fleischmann filmt seine eigenen vier Wände klaustrophobisch ab und schreit aus dem Off: „Ich will raus!“ Sein Kollege Pierre Sanoussi-Bliss wird von finsteren Mächten verfolgt und am Ende im Bad, nun ja, von seiner Klopapierrolle erwürgt. Und bei Dokumentarist Boris Quatram brennen alle Birnen durch. Auch er fühlt sich verfolgt, leuchtet sich mit dem Handy durchs Dunkel, wie eine Berliner Abart von „Blair Witch Project“. Bis dann ein Gerippe über ihn kommt.

Der Schocker am Ende: Corona hat dich. Und Corona ist Angst. Der wohl persönlichste Beitrag stammt von Mo Asumang, die sinniert, was das Virus mit ihr mache. Und zu dem Schluss kommt, dass es sie auf ihre Ur-Ängste von Unsicherheit zurückwirft. Die sie plagen, seit sie, fünf Wochen alt, ins Kinderheim kam. Oder Jahre später, in ihrer Dokumentation über US-Rassisten, wo sie als Schwarze mit vermummten Ku-Klux-Klan-Anhängern nachts allein im Wald stand.

„4 Wände Berlin“ ist ein außergewöhnliches Projekt für eine außergewöhnliche Zeit: Gedreht wurden „Filme mit Abstand“, wie es im Untertitel heißt. Spontan, in kürzester Zeit, auf engstem Raum und ohne großes Equipment, das sich ja beim derzeitigen Versammlungsverbot von selbst verbietet. Die Ergebnisse führten, nicht immer, aber doch ziemlich oft, zum Schmunzeln in der „Abendschau“. Man erhält reichlich Einblicke, wie Filmemacher in ihren eigenen vier Wänden hausen. Dabei kreisen viele fast zwangsweise um sich selbst, wie um ein altes Vorurteil zu bestätigen, das man dem deutschen Autorenfilm immer gern unterstellt hat: reine Nabelschau.

Auch Klopapierrollen werden mehrfach strapaziert, mal als Wurfbude, mal als Streifen, der auf einem Filmschneidetisch entrollt wird. Die Klorolle ist für Corona halt das, was die Banane für den Mauerfall war: ein schaler Witz der ersten Stunde. Selbst der hauseigene Sandmann ist mit von der Partie. Bringt seinen Abendgruß aber nicht persönlich, sondern, korrekt in sozialer Distanz, nur per Tablet. Er animiert die Kinder trotzdem zur Kontaktaufnahme, indem er sie auffordert, Papierflieger zu bauen, die dann zu ihm in die Wolken fliegen. Während er von da oben seinen Schlafsand herabrieseln lässt.

Andreas Dresen greift einfach zur Ukulele

Der Dokumentarfilmer Jan Tenhaven hat die 30 Filme zusammenmontiert. Schade, dass nicht bei jedem Beitrag ersichtlich ist, wer ihn gemacht hat. Das erfährt man erst im Abspann. Und so am Stück wirken die Beiträge zuweilen beliebig und auch ein wenig redundant. Viele haben ja doch ähnliche Ideen. Und nicht immer sind sie so innovativ wie bei den jungen Kollegen, die derzeit bei ZDFneo den einschneidenden Restriktionen freche, experimentelle Formate abringen.

Als dramaturgische Klammer sind bei „4 Wände Berlin“ zwischen den Beiträgen immer wieder Bilder von Berlin zu sehen: von verwaisten Plätzen und Hotspots, leeren Autobahnen und Flughallen. Die auch noch entfärbt und überbelichtet wurden, als ob sie nicht so schon trübe genug wären. Dazu hört man Radiomeldungen mit den Schlagzeilen des Tages, neuesten Verordnungen oder Appellen der Kanzlerin. Das lenkt etwas von den Kurzfilmen ab, entwertet sie auch ein wenig. Und die Meldungen sind einem ja nur zu vertraut. Die Kompilation als Ganzes kommt vielleicht zu früh. Man wird sie später wiederholen müssen, wenn die Corona-Krise hoffentlich einmal überwunden und vielleicht auch halb vergessen ist. Dann wird „4 Wände Berlin“ wohl ein echtes Zeitdokument und ein Fernseh-Juwel.

Die gute Nachricht, die man aus den kurzen Filmen ziehen kann, ist immerhin, dass die Krise trotz aller Restriktionen alle herausfordert. Alle begegnen ihr auf ureigene Art. Wim Wenders etwa kommt mit einer Rede über die Chance der Krise, hält sie aber nicht schulmeisterlich, sondern filmt sich beim Redigieren des Textes. Andreas Dresen greift einfach zur Ukulele und singt Rio Reisers altes Lied: „Ich brauche meine vier Wände“. Ein typischer Dresen: eine ganz einfache Idee, spartanisch in Schwarzweiß gefilmt und doch konsequent als großer, wahrhaftiger Moment inszeniert.

Die Krise – das gilt nicht für alle Beiträge, aber doch für viele – kann Kreativität nicht stoppen. Das ist schon mal ein gutes, ermutigendes Zeichen. Deshalb fragt man sich schon, warum dieses Projekt nur auf den April beschränkt blieb und nicht weitergeführt wird. Die Krise geht ja auch weiter, trotz erster Lockerungen. Und es gibt durchaus noch mehr Filmschaffende in der Region, die man um einen Beitrag bitten könnte.