Nachruf

Enquist - ein Romancier für die komplizierte Liebe

Die Bücher des Schweden Per Olov Enquist wurden auch in Deutschland zu Bestsellern. Nun ist er mit 85 Jahren gestorben.

Der Schriftsteller Per Olov Enquist bei der Verleihung des Budapest Grand Prize. Er zählte zu den bekanntesten Schriftstellern Schwedens.a

Der Schriftsteller Per Olov Enquist bei der Verleihung des Budapest Grand Prize. Er zählte zu den bekanntesten Schriftstellern Schwedens.a

Foto: Peter Kollanyi / dpa

Bei bedeutenden Schriftstellern sollte man den ersten Sätzen des Romans nachlauschen, weil sie oftmals nicht nur in den Konflikt der Hauptfiguren einführen, sondern auch die innere Verfasstheit des Autors offenbaren. Bei Per Olov Enquist ist es eine eher melancholische Weltsicht. „Amor Omnia Vincit – die Liebe überwindet alles – hatte sie auf den Deckel der braunen Mappe geschrieben, in der die drei Notizbücher liegen; darüber stand, kräftiger und in Druckbuchstaben, der Titel ,Fragebuch‘“. So beginnt sein Roman „Das Buch von Blanche und Marie“, und der Autor fügt im zweiten Satz gleich hinzu, dass damit zwei Haltungen erprobt werden, die optimistische und die vorsichtige. Die Liebe überwindet alles – wider besseres Wissen. Nach einem Leben voller preisgekrönter Bücher und Bestsellern wie „Der Besuch des Leibarztes“ ist der schwedische Schriftsteller am Sonnabend nach längerer Krankheit mit 85 Jahren gestorben.

Geboren wurde Per Olov Enquist am 23. September 1934 im nordschwedischen Dorf Hjoggböle. Sein Vater war noch vor seinem ersten Geburtstag verstorben, er wuchs bei seiner streng religiösen Mutter, einer Dorfschullehrerin und Anhängerin der christlichen Pfingstbewegung, auf. Später sollte er sich immer wieder auch mit der Doppelbödigkeit der pietistischen Moral auseinandersetzen. Seine Mutter zog ihn in einem grünen Haus fernab in der schwedischen Provinz groß. Diese abgeschiedenen Kindheitsjahre prägten das gesamte Leben und Schaffen von Enquist, auch wenn er es in später in die Ferne zog – erst zum Studium nach Uppsala, dann nach Stockholm, später in Metropolen wie Kopenhagen, Paris, West-Berlin und Los Angeles.

„Wenn man tief im Wald geboren wurde, dann stellen Bäume und Land Sicherheit dar“, schrieb Enquist 2007 über seine Kindheit. „Ich hatte keine Spielkameraden, aber einen großen Wald ganz für mich allein. Das hat meinen starken und unablässigen Charakter geschaffen. Ich war nicht allein. Ich hatte die Kiefern.“ Seine spätere literarische Melancholie erwuchs wohl aus der kindlichen Einsamkeit. Sein Debüt feierte er 1961 mit dem Roman „Kristallögat“ (Das Kristallauge), aber erst sieben Jahre später verhalf ihm „Legionärerna“ (Die Ausgelieferten) international zum Erfolg.

Mit Werken wie „Ein anderes Leben“, „Das Buch von Blanche und Marie“ und „Strindberg. Ein Leben“ zählte Enquist zu den bekanntesten schwedischen Schriftstellern. Häufig nahm er historische Ereignisse und Persönlichkeiten zum Ausgangspunkt seiner Arbeiten. „Das Buch von Blanche und Marie“ erzählt von Blanche Wittman, der Assistentin von Marie Curie, die 1903 den Nobelpreis für Physik und acht Jahre später einen weiteren Nobelpreis in Chemie erhielt. Curie arbeitete gerade an der Entdeckung des Radiums, die Schäden durch die Strahlung waren noch unbekannt. Blanchet, die beide Beine und einen Arm verliert, lebt bis zum Tod bei Marie in Paris. Es geht auch um die komplizierten Liebesbeziehungen der Frauen.

Im deutschen Sprachraum wurde Enquist vor allem durch seinen historischen Roman „Der Besuch des Leibarztes“ bekannt. Es geht wieder einmal um die Liebe, die nicht sein kann. In der Geschichte stellt er das Verhältnis des am dänischen Hof angestellten deutschen Arztes und Aufklärers Johann Friedrich Struensee zur Königin Caroline dar. Deren Ehemann, der dänische König Christian VII., ist verrückt. Und er empfiehlt seinem Leibarzt, sich um die einsame Königin zu kümmern. Enquist erhielt für den Roman unter anderem den Deutschen Bücherpreis für Internationale Belletristik sowie den August-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung Schwedens. Diesen Preis bekam er später gleich noch einmal für seine Autobiografie „Ein anderes Leben“, in der er auch seinen Kampf gegen den eigenen Alkoholismus schilderte.

Enquist arbeitete darüber hinaus als Literaturkritiker und Journalist, verfasste neben Dreh- und Kinderbüchern seit 1975 auch Dramen, darunter das Erfolgsstück „Die Nacht der Tribaden“ über August Strindberg, das in mehr als 30 Sprachen übersetzt und am Broadway aufgeführt wurde. Anfang der 1970er-Jahre hatte ihm eine einjährige Förderung des DAAD einen Studienaufenthalt in West-Berlin ermöglichst. Er kam mit seiner Familie. Als Reporter berichtete er 1972 über die Olympischen Sommerspiele in München und auch über die mörderische Geiselnahme israelischer Sportler durch die palästinensische Terrororganisation „Schwarzer September“. Nach seiner Rückkehr veröffentlichte Enquist das Buch „Die Kathedrale in München“.

Die Schweden nannten Per Olov Enquist immer nur P.O., seine Bücher gehören zur großen skandinavischen Literatur. „Per Olov Enquists Bedeutung als schwedischer Schriftsteller lässt sich nicht überschätzen“, würdigte sein schwedischer Verlag Norstedts am Sonntag die Arbeit des Literaten. „Wenige haben andere Autoren so sehr inspiriert wie er.“ Er habe den Dokumentationsroman neu erfunden, seine Leser über ein halbes Jahrhundert lang berührt und auch der schwedischen Dramatik neues Leben eingehaucht. „Er war wirklich einer unserer richtig großen Schriftsteller“, befand der Verlag. Und noch etwas: „Er hat Hjoggböle auf die Weltkarte gebracht.“

In seiner Jugend war Per Olov Enquist Hochspringer gewesen, seine Bestmarke lag bei 1,97 Metern. Aber der Nordschwede fühlte sich zur Literatur und nicht zum Sport hingezogen. Später machte ihm seine Gesundheit zu schaffen. Er hatte einen Herzfehler und erlitt 2016 einen Schlaganfall, wie er zwei Jahre später in einem Interview mit dem schwedischen Radio erzählte. „Ich bin seit einer Weile recht kränklich, ich habe eine Menge Krebszellen im Magen“, sagte er: „Ein Teil der Gehirnkapazität verschwindet, man verliert alle Worte und Namen. Man verliert seinen Werkzeugkasten.“

Sein Roman „Das Buch der Gleichnisse“, der 2013 im Hansa Verlag auf Deutsch erschienen war, hatte bereits den Kreis geschlossen. In dem Buch bekommt der Erzähler einen verbrannt geglaubten Notizblock mit Liebesgedichten seines Vaters zugeschickt, die ihn dazu bewegen, über seine eigene amouröse Erweckung als Jugendlicher, die puritanische Sexualmoral in Schweden und das Wesen der Liebe nachzusinnen. Der Liebesroman war Enquists sehr persönlicher Abschied.