Corona-Krise

70. Deutscher Filmpreis wird erstmals live übertragen

Der Deutsche Filmpreis wird am Freitagabend in einer TV-Show verliehen. Das neue Format macht die Vergabe der Lolas besonders spannend.

Der Film "Berlin Alexanderplatz" wurde elffach für den DeutschenFilmpreis nominiert. Auf dem Foto: Nils Verkooijen (l-r), Schauspieler, Welket Bungue, Schauspieler, Burhan Qurbani, Regisseur, Albrecht Schuch, Schauspieler und Jella Haase, Schauspielerin.

Der Film "Berlin Alexanderplatz" wurde elffach für den DeutschenFilmpreis nominiert. Auf dem Foto: Nils Verkooijen (l-r), Schauspieler, Welket Bungue, Schauspieler, Burhan Qurbani, Regisseur, Albrecht Schuch, Schauspieler und Jella Haase, Schauspielerin.

Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild

Der Deutsche Filmpreis wird am Freitag zum 70. Mal verliehen. Die Gala wird allerdings ganz anders stattfinden als üblich. Ohne roten Teppich. Ohne die geballte Filmprominenz im Saal. Und ohne die Nominierten vor Ort. Die müssen auf dem heimischen Sofa vor dem Computer bangen und werden nur zugeschaltet.

Der Moderator des Abends, der Schauspieler Edin Hasanovic, hat die 2400 Quadratmeter große Studiohalle fast für sich allein und will den Abend gemeinsam mit einem DJ und einem Hund namens Wilma gestalten. Man darf gespannt sein, wie das aussehen wird. Der 28-Jährige hat die Lola-Gala aber schon vor zwei Jahren mit Bravour moderiert. Und ein paar Laudatoren wie Iris Berben, Anke Engelke oder Charly Hübner sind zur Verstärkung schon auch dabei.

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Was aber wirklich neu ist und erst durch Corona möglich wurde, ist der Fakt, dass der Filmpreis zum ersten Mal live von der ARD übertragen wird. Bislang hatten die Öffentlich-Rechtlichen immer abgewunken, die Veranstaltung schien nicht quotenträchtig genug. Traurig, dass erst eine Pandemie kommen muss, um umzudenken. Aber selbst jetzt traut sich das Erste nicht, den höchstdotierten Kulturpreis der Bundesrepublik in die Hauptabendschiene zu platzieren. Die Lolas werden erst ab 22.15 Uhr verliehen und dann bis nach Mitternacht laufen. Was der Quote wohl nicht eben zuträglich sein dürfte.

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Deutscher Filmpreis: Live-Übertragung im TV statt große Gala

Der Deutsche Filmpreis feiert in diesem Jahr dasselbe runde Jubiläum wie die Berlinale im Februar. Und das ist kein Zufall: 1951 wurde der erste Deutsche Filmpreis auf der ersten Berlinale verliehen, bis das Festival später seine eigenen Auszeichnungen erhielt – und der Filmpreis zum eigenen Event wurde. Das 70. Mal: In jedem anderen Jahr wäre das ein Anlass für eine besonders große Gala mit besonders viel Glamour und Überraschungen gewesen. Nicht aber in Zeiten von Corona, wo sämtliche Großveranstaltungen untersagt sind.

Die Deutsche Filmakademie, die über die Vergabe der Lolas entscheidet, hat sich dennoch entschieden, die Preisverleihung nicht zu verschieben und schon gar nicht ausfallen zu lassen. Als Zeichen des Mutmachens, der Zuversicht und der Solidarität für die Branche, wie Akademiepräsident Ulrich Matthes betont. Oder, wie es der Moderator des Abends Edin Hasanovic etwas kesser formuliert: „Ich hab doch nicht acht Wochen lang Hüttenkäse gegessen, um jetzt abzusagen. Wisst ihr, wie lange ich für die Choreo gebraucht hab? Das findet statt. Basta!“

Favorit ist die Neuverfilmung von "Berlin Alexanderplatz"

Aber auch sonst scheint einiges anders beim Deutschen Filmpreis. Nominiert sind einmal nicht, sagen wir salopp: die „üblichen Verdächtigen“. Christian Petzolds „Undine“ bringt es nur auf zwei Nominierungen. Ebenso Christian Schwochows Siegfried-Lenz-Verfilmung „Deutschstunde“. Oder „Lara“ von Jan Ole Gerster, dessen „Oh Boy“ vor sieben Jahren spektakulär triumphierte. Nein, die Lola 2020 wird vor allem ein Rennen zwischen Filmemachern, die dort bislang noch nicht reüssieren konnten.

Favorit des Abends ist Burhan Qurbanis radikale Neuverfilmung von „Berlin Alexanderplatz“, die auf der Berlinale Premiere hatte und Alfred Döblins 20er-Jahre-Roman mutig in die Flüchtlingskrise unserer Tage überträgt. Der Dreistünder wurde gleich elfmal nominiert. Dabei trifft er fast immer auf Nora Fingscheidts Spielfilmdebüt „Systemsprenger“ über ein schwer erziehbares Mädchen, das bereits auf der Berlinale 2019 reüssierte, dann sogar, wenn auch vergeblich, als deutscher Kandidat ins Oscar-Rennen geschickt wurde und nun zehnmal nominiert ist.

Schauspieler Albrecht Schuch könnte dabei gleich zweimal triumphieren: Er ist sowohl als Hauptdarsteller in „Berlin Alexanderplatz“ nominiert (wo er gegen seinen eigenen Filmpartner Welket Bungué antritt) als auch als Nebendarsteller in „Systemsprenger“. Dritter im Bunde mit immerhin noch fünf Nominierungen ist dann „Es gilt das gesprochene Wort“, Ilker Çataks Drama über die Scheinehe einer Deutschen mit einem Kurden.

Akademie setzt auf Neuentdeckungen

Einmal mehr zerstreut die Akademie damit die Bedenken, sie könnte, wie die Academy in Hollywood, nur noch Mainstream und nicht den Arthousefilm wahrnehmen. Solche Ängste kamen anfangs auf, als die frisch gegründete Akademie 2005 die Preisvergabe von den bis dahin vom Innenministerium einberufenen Gremien übernahm. Aber auch wenn Bora Dagtekin wie schon für seine „Fack ju Göhte“-Filme in diesem Jahr nun auch für „Das perfekte Geheimnis“ die Lola für den besucherstärksten Film entgegennehmen darf – einen Preis, der naturgemäß schon feststeht –, taucht der Kassenerfolg in keiner der 18 anderen Kategorien auf.

Und auch beim Arthouse-Film hat die Akademie diesmal vor allem auf kleinere Produktionen und Neuentdeckungen gesetzt. Nirgends zeigt sich das deutlicher als in der Kategorie beste Hauptdarstellerin: Trotz ihrer wiederholt großartigen Leistungen sind weder Corinna Harfouch für „Lara“ noch Nina Hoss für „Pelikanblut“ nominiert, auch nicht Paula Beer, die auf der Berlinale für „Undine“ den Silbernen Bär gewann Stattdessen treten hier Anne Ratte-Polle für „Es gilt das geschriebene Wort“ an, die noch weithin unbekannte Alina Serban für „Gipsy Queen“ und die erst elfjährige Helena Zengel für „Systemsprenger“.

Mit ihren Nominierungen stellt sich die Akademie zeitgemäß breiter, offener und diverser auf. Auch in dieser Hinsicht also verspricht die 70. Filmpreis-Verleihung spannend zu werden. Das Wichtigste aber ist, dass der Abend überhaupt stattfindet. In diesen Tagen, in denen wegen der Pandemie alle Kinos geschlossen sind und die ursprünglichen Filmstarts etwa von „Berlin Alexanderplatz“ am 21. Mai oder „Pelikanblut“ in dieser Woche auf unbestimmt verschoben werden müssen, ist das ein wichtiges und richtiges Signal, um den deutschen Film zu würdigen.

Freitag, 24. April 2020, 22.15 Uhr in der ARD.