Schauspieler

Ulrich Matthes: „Meine Bitte: Lasst uns nicht hängen!“

Ulrich Matthes, Schauspieler und Präsident der Filmakademie, über den Deutschen Filmpreis, der dieses Jahr live übertragen wird.

Es fehlt ihm sehr, auf der Bühne zu stehen: Schauspieler Ulrich Matthes.

Es fehlt ihm sehr, auf der Bühne zu stehen: Schauspieler Ulrich Matthes.

Foto: Reto Klar

Berlin. Derzeit werden wegen des Coronavirus alle Kulturveranstaltungen abgesagt. Nicht aber der Deutsche Filmpreis. Der wird, wie geplant, am kommenden Freitag verliehen. Nur nicht im üblichen Rahmen. Stattdessen werden die Lolas erstmals im Fernsehen live vergeben – ohne die Preisträger. Sicherlich eine ungewöhnliche Maßnahme. Aber auch ein Zeichen, um der Branche Mut zu machen. Das sagt Ulrich Matthes, der Präsident der Filmakademie, deren Mitglieder über die Preise entscheiden. Wir haben den Schauspieler dazu gesprochen – natürlich auch das nur aus der Ferne, per Telefon.

Herr Matthes, geht es Ihnen gut? Und was machen Sie jetzt, wo Sie einmal nicht auf der Bühne stehen können?

Ulrich Matthes Eigentlich sollte ich gerade in Halle ein Hörspiel aufnehmen. Ich habe aber kurz vor dem absoluten Drehstopp noch einen großen Fernsehfilm unter der Regie von Lars Kraume abgedreht, da haben wir alle enormes Glück gehabt. Und natürlich hätte ich Vorstellungen und Gastspiele am Deutschen Theater. Das ist ja alles gerade nicht möglich. Das Interessante daran ist, dass ich mich ziemlich schnell umgewöhnen konnte. Ist doch komisch, was für ein wahnsinnig anpassungsfähiges Tier der Mensch ist. Man braucht im Grunde ziemlich wenig, aber Menschen braucht man eben sehr. In einer Art von solidarischem Grundgefühl mit der ganzen Welt fällt es einem leichter, auf all das zu verzichten, worauf alle anderen ja auch verzichten müssen. Für eine gewisse Zeit ist das alles gut auszuhalten. Ich kann auch diese wahnsinnige Ungeduld mancher Menschen überhaupt nicht begreifen. Ich halte die Auflagen für vernünftig, und deshalb komme ich ihnen nach. Ganz einfach.

Wann glauben Sie, werden Sie wieder Theater spielen? Laut Regierungsbeschluss müssen die Bühnen weiter geschlossen bleiben. Auf der Website des Deutschen Theaters ging man aber noch bis Donnerstag davon aus, dass es ab 20. April weitergeht.

Hoppla, da hat vielleicht ein Computer ein Nickerchen gemacht! Oder man wollte einfach die Sehnsucht der Zuschauer aufrechterhalten. Das fände ich schön, aber ich rechne damit, dass erst ab Herbst wieder gespielt wird. Und auch das nur unter Vorbehalt. Denn bis dahin wird es ja noch keinen Impfstoff geben. Natürlich sollte man immer, auch jetzt schon, an die Zeit nach Corona denken, sonst dreht man ja durch. Auch ich stelle mir immer wieder eine Art von Normalität vor, obwohl es mir momentan noch komplett surreal vorkommt, wieder spielen zu können.

Konzerte, Filmfestspiele, Theaterfestivals – alles wird derzeit abgesagt. Der Deutsche Filmpreis aber wird nächste Woche verliehen. Will die Deutsche Filmakademie damit ein klares Zeichen setzen?

Ja, das ist ein Zeichen des Mutmachens und der Solidarität mit der Branche, der es ja, wie allen anderen Branchen auch, miserabel geht. Die Filmproduktion stockt, nirgends wird gedreht. Da ist so ein Preis schlicht ein Zeichen der Anerkennung und des Stolzes für all die ­besonders gelungenen Produktionen des vergangenen Jahres. Diese Leistungen nicht zu würdigen, wäre traurig. Wichtig ist, dass der Abend überhaupt stattfindet.

Und wie wird er ablaufen? Im leeren Studio? Mit Nominierten, die zugeschaltet werden?

Natürlich wird der Abend vollkommen anders als sonst. Es wird eine Mischung aus analog und digital. Der Glamour wird reduziert sein, aber darum geht’s dieses Jahr auch nicht. Es wird einen Moderator geben, Edin Hasanovic, ein Kollege von mir, der das vor zwei Jahren schon einmal mit größtem Charme gemacht hat. Es werden auch Laudatoren wie Iris Berben oder Charly Hübner im Studio sein. Und die Nominierten sitzen aufgeregt zu Hause auf dem Sofa und werden per Video übertragen. Es wird live sein, das ist neu. Vielleicht kommt es dadurch zu dem einen oder anderen etwas anarchischen Moment. Und es sollte eine Balance sein zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit. Ich halte es für wichtig, dem ganzen Corona-Scheiß auch mal etwas entgegenzusetzen, was ein bisschen Freude macht.

Könnte es sein, dass diesmal die Art, wie die Verleihung stattfindet, wichtiger ist als die Tatsache, wer welchen Preis bekommt?

Na, die, die ihn bekommen, finden das schon wichtig! Die sind sehr daran interessiert (lacht). Aber für das Fernsehpublikum könnte so eine anarchische, etwas verwackelte Liveveranstaltung von großem Reiz sein. Schauen wir mal, ich bin jedenfalls sehr gespannt.

Das ist erst die zweite Filmpreis-Verleihung mit Ihnen als Präsident der Filmakademie. Im vergangenen Jahr haben Sie an dieser Stelle eine mitreißende Ermutigungsrede gehalten, die die ganze Branche aufgerüttelt hat. Werden Sie diesmal einen flammenden Appell halten, wie man Corona überwindet?

Nein, diese Rede steht ja immer am Anfang vor der eigentlichen Verleihung und ist nur für die Branche, das Fernsehen zeichnet das nie auf. Außerdem habe ich vor zwei Wochen einen Brief an die 2000 Mitglieder der Filmakademie geschrieben als eine kleine Mutmach-Geste. An dem Abend soll es um die Leistungen der Nominierten gehen, nicht um eine Rede von mir. Wenn Monika Grütters und ich dann die Hauptpreise verleihen, werde ich sicher ein paar Sätze sagen.

Erstmals wird die Verleihung live im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen. Bislang war das den Anstalten nie wichtig oder quotenträchtig genug. Ist das nicht traurig, dass erst Corona kommen musste?

Dass das bislang nicht so gehandhabt wurde, lag vielleicht auch an der Länge der Abende ... Letztes Jahr ging das dreieinhalb Stunden. Das war, bei aller Liebe zum deutschen Film, echt zu lang.

Der Oscar ist aber auch nicht kürzer.

Hallo, der Oscar ist der Oscar! Und selbst da kann einem der Abend manchmal ganz schön lang werden. Ich bedaure allerdings ein bisschen, dass die Übertragung erst um 22.15 Uhr beginnt und nicht direkt nach der „Tagesschau“ oder einem Corona-Special. Aber das hat sich die ARD dann doch nicht getraut.

Die Deutsche Filmakademie verleiht nicht nur den Deutschen Filmpreis, sie ist die Dachorganisation für die Filmschaffenden in Deutschland. Wie schätzen Sie, als deren Präsident, die aktuelle Lage ein? Wie desolat ist derzeit die Stimmung in der Branche?

Die Stimmung ist mies, wie in allen anderen Branchen auch. Da wird es natürlich unglaubliche Verwerfungen geben. Kleinere Produktionsfirmen sind gefährdet, es gibt sehr viele Einzelschicksale, die, weil sie selbstständig sind, echte Existenzängste haben. Und die Kinolandschaft ist in Gefahr. Es war mir und übrigens auch Monika Grütters immer schon ein Anliegen, die Kinos deutschlandweit auch aus politischen Gründen zu stärken. Meine Bitte an die Politik ist da ganz klar: Lasst uns nicht hängen! Es gibt in allen Branchen große Player, ob Autofirmen oder die Lufthansa, denen ist natürlich ein Lichtspielhaus in der Pampa egal. Aber alle Ministerinnen und Minister mögen bitte dafür sorgen, dass der Bereich, für den sie zuständig sind, möglichst viel finanzielle Unterstützung erhält.

Frau Grütters hat ja bereits postuliert, sie wolle alle Kulturschaffenden durch die Krise bringen. Aber ist das überhaupt zu schaffen?

Das sind natürlich Mutmach-Sätze, die so nicht zu halten sein werden. Auch Peter Altmaier hat gesagt, nach Corona wird keiner arbeitslos sein. Das ist nicht zu schaffen, dazu bin ich Realist genug. Solche Sätze wollen einfach sagen: Wir geben uns die allergrößte Mühe, dass es so wenig Verwerfungen wie möglich gibt. Insgesamt macht die Regierung einen sehr guten Job.

Sie verstehen die Filmakademie ja auch als politisches Instrument. Inwieweit ist das im Moment möglich?

Es geht jetzt erst mal darum, dass wir ­alle versuchen, gesund zu bleiben und ökonomisch einigermaßen über die Runden zu kommen. Aber wenn Sie danach fragen: Meine Hoffnung als politischer Mensch ist, dass möglichst viele Menschen begreifen, dass eine so destruktive Partei wie die AfD weder vor noch während Corona zu der Lösung irgendeines Problems etwas beizutragen hat. Das gilt im Übrigen für alle Rechtspopulisten, für einen Bolsonaro, der in Brasilien eine katastrophale Corona-Politik macht, für Donald Trump, der sich in seinem Größenwahn nicht mit Ruhm bekleckert, um es vorsichtig zu sagen, oder auch für einen Salvini, der das Problem noch heruntergespielt hat, als es in Italien schon viele Tote gab.

Wird die breite Kulturszene in Deutschland, vor allem in Berlin, ein Opfer der Krise? Oder wird sie womöglich gestärkt daraus hervorgehen?

Ich glaube ganz fest an die analogen Orte. Ich glaube an das Theater, an den Konzertsaal, an das Kino, wo sich Hunderte von Menschen versammeln, um gemeinsam zu empfinden, zu lachen, zu staunen, berührt zu sein. Wir sind mit­einander verbundene Wesen, die Energie von anderen empfangen und wieder weitergeben. Ich bin mir sicher: Das Bedürfnis, diese Orte wieder aufzusuchen, wird enorm sein. Dass es ein paar Kinos, Kabarettbühnen, vielleicht auch Theater in kleineren Städten erwischen könnte, hielte ich für fatal. Ich kann nur die Kulturpolitiker aller Bundesländer und Kommunen auffordern, da wirklich achtsam zu sein. Ich hoffe dringend: Es gibt nicht die Abwägung, Theater zu schließen, um Schulen zu renovieren. Auch die Kultur ist systemrelevant.

Derzeit streamen die Menschen alle zu Hause. Werden die zum Kino zurückkehren oder gehen sie diesem Markt verloren?

Klar, ich streame auch gerade. Aber meine Sehnsucht, meine wirklich tiefe Sehnsucht ist die, in einem Raum mit anderen Menschen zu sein. Selbst wenn neben mir Nachos gekratscht werden! Das Gemeinschaftserlebnis ist einfach ein völlig anderes. Wir sind soziale Tiere, wir wollen die Gruppe, selbst wenn sie uns manchmal auf die Nerven geht. Netflix hin oder her – ich bin mir ganz sicher, die Theater, Konzertsäle und Kinos werden nach Corona rappelvoll sein.