Rosa von Praunheim

Ekstase, Fummel, spitze Töne

Rosa von Praunheim zeigt im Film „Operndiven – Operntunten“, warum schwule Männer Musikdramen so mögen.

Spiel mit den Geschlechterrollen: Ursli Pfister in „Roxy und Ihr Wunderteam“ an der Komischen Oper

Spiel mit den Geschlechterrollen: Ursli Pfister in „Roxy und Ihr Wunderteam“ an der Komischen Oper

Foto: picture alliance/Pacific Press

Berlin. Barrie Kosky, der Intendant der Komischen Oper, hat sich selbst einmal als „schwules jüdisches Känguru“ bezeichnet. Das war natürlich ironisch gemeint, aber etwas Wahres, gibt er zu, sei schon dran. Der Berliner Underground-Filmer Axel Ranisch, der zuletzt auch viele Opern inszeniert hat (eine letzte fiel kurz vor der Premiere Corona zum Opfer), steht dazu, dass er schwul ist, und bezeichnet sich auch als Opernnerd. Aber Operntunte? „Operntunten sind doch ganz und gar unausstehlich“, sagt der Feuilletonjournalist Tilman Krause indigniert. Und outet sich doch selbst als solche: Ist er doch 1981 eigens von Paris nach Berlin gezogen, als Götz Friedrich dort die Intendanz der Deutschen Oper übernahm.

Schwule Männer und ihre Liebe zur Oper, das ist schon ein Klischee, das auch heterosexuelle Opernbesucher nicht übersehen können. Über dieses Stereotyp wurden schon Bücher geschrieben. Gerade erschien sogar der erste schwule Opernführer auf Deutsch: in pinkfarbenem Samt eingebunden und mit einem Vorwort von Barrie Kosky versehen. Nun widmet sich Rosa von Praunheim, der vor fast 50 Jahren mit seinem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ die deutsche Schwulenbewegung ausgelöst hat, diesem Phänomen. Sein mittlerweile 91. Film, den der 77-Jährige mit seinem langjährigen Produktionsmanager Markus Tiarks gedreht hat, heißt, hübsch provokant, wie bei ihm nicht anders zu erwarten, „Operndiven – Operntunten“. Und befasst sich mit dem Umstand, warum gerade schwule Männer Primadonnen mit ihren hohen, spitzen Tönen so kultisch verehren. In diesen Tagen, da die Opernhäuser geschlossen sind, kann man ihnen hier mal auf andere Weise begegnen. Wobei die Diven zwar zuerst genannt werden, Rosa von Praunheim sich aber weit ausführlicher mit den Tunten beschäftigt.

Travestie und Rollenspiele liegen in der Natur der Oper

Man sitzt also zuhause auf dem Sofa bei Kosky, Ranisch Co. und lauscht mit ihnen deren Lieblingsstimmen – wobei selbstredend jeder eine andere hat. Man erfährt von Krause Co. auch, was dem Otto Normalopernbesucher vielleicht doch nicht so geläufig sein dürfte. Dass man die Pausen zwischen den Akten gern auch zum Cruisen im Foyer nutze. Und dass es vor der Deutschen Oper lange eine Klappe gab, also eine öffentliche Toilette, die für anderweitigen Verkehr genutzt wurde. Ähnlich wie die in Bayreuth, gleich am Fuße des Hügels, die man salopp „Siegfried-Wagner-Gedächtnis-Klappe“ nannte, weil auch Richard Wagners Sohn schwul war. Auch wenn man in der Wagner-Welt nie darüber sprach.

Vor allem aber wird in dem knapp einstündigen Film darüber sinniert, dass in Opern Geschlechterrollen einfach laxer gehalten werden, dass Frauen hier Karrieren in Hosenrollen machen können, dass in Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ die Hexe von einem Mann, der Hänsel aber von einer Frau gesungen wird. Travestie auf höchstem Niveau sozusagen. Ursli Pfister von den Geschwister Pfistern gibt freimütig zu, dass er immer davon geträumt habe, so eine Primadonna zu werden. Und es als solche, zumindest in Operetten wie „Roxy und ihr Wunderteam“, ja auch an Koskys Bühne geschafft hat. Und dann kommt auch der US-Autor Wayne Koestenbaum zu Wort, eine Koryphäe in diesem Fach, hat er doch schon vor drei Dekaden ein Buch über „Oper, Homosexualität und Begehren“ geschrieben, mit dem hübsch provokanten Titel „The Queen’s Throat“. Die Queen, resümiert er vor der Kamera, „ist die Diva, deren Kehle dieses Gold hervorbringt. Aber die Queen, das ist auch der schwule Zuhörer.“

Praunheims Film ist keine fundierte Recherche und will das auch gar nicht sein. Eher eine Ansammlung unterhaltsamer Plaudereien. Darin geht es auch um die Frage, warum sich an Richard Wagner die Geister scheiden, es geht um musikalische Ekstasen und einmal sogar um einen auskomponierten Orgasmus. Und das alles immer mit einem feinen ironischen Lächeln.

Ach ja, die titelgebenden Diven kommen schon auch vor. Immer mal wieder sind Primadonnen wie Maria Callas, Joan Sutherland oder Elisabeth Schwarzkopf in Archivaufnahmen zu erleben. Und dann besucht die Filmcrew auch einige Sängerinnen in Paris oder trifft sich mit ihnen in Bayreuth. Vor dem dortigen Festspielhaus wird die amerikanische Sopranistin Nadine Secunde gefragt, ob sie je mitbekommen habe, dass in der Pause da im Park gecruist werde. Sie schüttelt erstaunt den Kopf, als habe sie noch nie davon gehört. Die große Edda Moser dagegen, deren „Königin der Nacht“ als Botschaft der Menschheit mit der Voyager 2 ins All geschossen wurde, ist da ganz aufgeklärt. Sie schwärmt von ihren schwulen Verehrern: Homophile Männer würden Frauen einfach viel besser verstehen, die seien Engel für sie gewesen und „Schutz im schönsten Sinne“. Und ja, auch das: Die Schwulen waren immer ihre treuesten Fans.

„Operntunten, Operndiven“: Arte, Sonntag, 23.05 Uhr. In der Mediathek bereits ab Sonnabend.