Schriftstellerin

Katja Oskamp: „Über die Füße lerne ich die Leute kennen“

Katja Oskamp ist Schriftstellerin und Fußpflegerin in Marzahn. Sie erklärt, was eine Fußwaschung heute noch bewirken kann.

Die Schriftstellerin Katja Oskamp, hier in der Karl-Marx-Allee, appelliert an alle, sich mehr um die eigenen Füße zu kümmern. Gerade jetzt ist viel Zeit dafür.

Die Schriftstellerin Katja Oskamp, hier in der Karl-Marx-Allee, appelliert an alle, sich mehr um die eigenen Füße zu kümmern. Gerade jetzt ist viel Zeit dafür.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Der Fußwaschung am Gründonnerstag gehört zum christlichen Ritus. Nach der Bibel wusch Jesus Christus am Vorabend seines Kreuzestodes während des letzten Abendmahls seinen Jüngern die Füße. Es steht als Symbol dafür, anderen zu dienen. Die Berliner Schriftstellerin Katja Oskamp arbeitet seit 2015 als Fußpflegerin in Marzahn. In ihrem Buch „Marzahn, mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin“ (Hanser, 144 S., 16 Euro) erzählt sie Geschichten rund um die Menschen, um deren Füße sie sich kümmert. Der Blick von unten in die Gesichter der Menschen, sagt sie, sei ein wichtiger Perspektivwechsel.

Frau Oskamp, eigentlich waren Sie zu Ostern eingeladen worden, bei einem ökumenischen Gottesdienst über das Thema Fußwaschung zu sprechen. Was haben Sie zuerst über den Vorschlag gedacht?

Katja Oskamp Ich habe laut gelacht, weil es mir im ersten Moment sehr abseitig vorkam. Aber dann war mir schnell klar, dass die Verbindung zwischen meiner praktischen Tätigkeit als Fußpflegerin und dem religiösen Vorgang nicht so weit hergeholt ist.

Nach dem Neuen Testament wusch Jesus seinen Jüngern während des letzten Abendmahls die Füße. Wie vertraut sind Sie mit dem Thema Fußwaschung im biblischen Sinne?

Ich bin in den Bibelgeschichten nicht zu Hause, weil ich ja eine alte Ostpflanze bin. Wir hatten keinen Religionsunterricht, sondern Staatsbürgerkundeunterricht. Mit dieser Prägung bin ich in Marzahn ganz richtig, dort spielt die Religion eine geringe Rolle. Aber alles, was mit Füßen zu tun hat, interessiert mich natürlich. Dann kommt man am Thema der rituellen Fußwaschung nicht vorbei. Ich habe mich, als ich das Buch schrieb, in der Kinderbibel meiner Tochter schlau gemacht. Ich weiß, dass Magdalena die Füße von Jesus gewaschen hat, und Jesus die seiner Jünger. Demut ist simpel und tröstend. Der Papst tut es auch regelmäßig auf symbolische Weise. Es ist wie bei der Taufe. Im einen Fall wird das Wasser über den Kopf geträufelt, im anderen über die Füße.

Wahrscheinlich haben Sie sich die Fußwaschungen, die der Papst alljährlich an Gründonnerstag vollzieht, schon genauer angeschaut. Ist Ihnen an dem Ritus etwas aufgefallen?

Ich habe mir gerade den Gottesdienst auf dem Petersplatz angeschaut, bei dem es um Corona ging. Der Papst hat ganz alleine das Gebet gesprochen, kein Mensch war auf dem riesengroßen Platz zu sehen. Dann ist er zur Jesusfigur am Kreuz gegangen und hat ihr die Füße geküsst. Man muss kein religiöser Mensch sein, um die uralte Kraft in diesen Bildern zu spüren. Der Fußkuss ist eine noch größere Geste der Unterwerfung als die Fußwaschung.

Hat die Fußpflege, wie Sie bei Ihnen stattfindet, etwas Rituelles?

Bei uns geht es pragmatisch zu, es werden Zehennägel geschnitten, die Hornhaut muss ab und die Hühneraugen sollen raus. Der Fußpflegetermin ist bei den meisten fester Bestandteil des Kalenders. Und in der einen Stunde, die die Fußpflege dauert, läuft das immer gleiche Prozedere ab: Fußbad, Schneiden, Fräsen, Feilen, Massieren. Die Wiederholung des immer gleichen Ablaufs kann man durchaus ein Ritual nennen. Die Kunden kennen das Ritual, sie fühlen sich darin sicher und aufgehoben.

In Ihrem Buch „Marzahn mon amour“ beschreiben Sie berührende und vergnügliche Lebensgeschichten. Die Menschen öffnen sich Ihnen gegenüber während der Fußpflege. Man könnte denken, die Seele der Menschen ist eher über die Füße als über den Kopf zu erreichen?

In dem Moment, in dem die Leute spüren, dass sie sich auf den Ablauf der Fußpflege und mich verlassen können, öffnen sie sich. Die freundliche, aufmerksame Berührung des Fußes passiert den meisten Menschen im normalen Leben kaum oder gar nicht mehr. Es löst ein Wohlgefühl aus, wenn jemand ihre Füße anfasst, und dadurch wird die Zunge lockerer.

Sie sind Schriftstellerin und erst im Zweitberuf Fußpflegerin in Marzahn. Was sagt die Autorin zum Thema Füße?

Wenn man über Füße schreibt, begegnen einem auch überall Füße in der Sprache. Etwas hat Hand und Fuß oder wird vom Kopf auf die Füße gestellt. Etwas fußt auf dieser und jener Idee. Nicht nur für uns Menschen, auch in der deutschen Sprache spielt der Fuß eine tragende Rolle. In der bildenden Kunst begegnen einem andauernd nackte Füße, gerade in den religiösen Darstellungen. Im Stadtbild wimmelt es von Füßen, wer seinen Fokus darauf richtet, merkt schnell, dass hier ein Riesenfundus wartet.

Es gibt auch negative Fußdeutungen. Dann schmeckt etwas wie eingeschlafene Füße oder jemand tritt einem anderen auf die Füße. Können Sie an den Füßen erkennen, ob jemand ein guter oder schlechter Mensch, demütig oder arrogant ist?

Natürlich nicht, ich bin kein Fußflüsterer. Sicherlich kann ich Vermutungen anstellen, was der Fuß durchgemacht hat, vielleicht auch, wovon er im Laufe des Lebens so geschunden wurde. Interessanter ist, welches Verhältnis der Mensch zu seinen Füßen hat. Ob er sie schätzt, sie in den letzten Jahren überhaupt wahrgenommen hat oder sie mit mir gemeinsam unter gutem Licht erstmals intensiv anschaut. Ob er sich für seine Füße schämt oder mir erklären muss, wie er sich diese oder jene Narbe zugezogen hat. Über die Füße lerne ich die Leute kennen, da werden sofort Geschichten frei.

Werfen wir einen Blick auf die archaische Fußbekleidung, die wir heute auch Römer- oder Jesuslatschen nennen.

Im Osten waren Jesuslatschen ein absolut begehrtes Modell. Und am Ende des Tages hatte man richtige Dreckfüße. Aber jeder, der etwas auf sich hielt, trug von Frühling bis Herbst diese Sandalen, die es in Leder und in Kunstleder gab. Jesus und seine Jünger hatten mit Sicherheit auch dreckige Füße. Nehmen wir die Fußwaschung nicht nur symbolisch: Jesus hat seinen Jüngern einfach mal gründlich die Füße gewaschen.

Worauf sollten wir alle in Bezug auf unsere Füße achten?

Da sich derzeit alle wie verrückt die Hände waschen, muss ich als Fußpflegerin natürlich sagen: Wascht euch bitte auch die Füße. Und cremt sie ein. Die Königsdisziplin ist, jemanden zu haben, der einem die Füße massiert. Und bereit zu sein, sie jemand anderem zu massieren. Das kann man aufs ganze Leben übertragen, ich bleib mal bei den Füßen. Jetzt, wo viele zu Hause bleiben müssen, ist die beste Gelegenheit dafür.

Haben Sie nach Ihrer Beschäftigung mit dem religiösen Thema Fußwaschung etwas Neues für sich entdeckt?

Meine Kunden sind Ostdeutsche, es sind Marzahner Plattenbaubewohner, inzwischen zumeist Rentner, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben und nicht besonders reich geworden sind. Es gibt dreißig Jahre nach der Wende noch immer Leute, die auf diese Menschen von ziemlich weit oben herabschauen. Ich hingegen blicke meinen Kunden bei der Arbeit naturgemäß von schräg unten in die Gesichter. Diesen Perspektivwechsel kann ich jedem empfehlen. Nicht, weil ich der bessere Mensch bin. Es ist bloß der interessantere Blickwinkel. Man sieht einfach mehr.