Essay

Die Kunst des Müßiggangs

Die Corona-Krise zwingt viele zu häuslicher Isolation. Warum darin auch eine Chance liegen könnte.

Ein Gemälde von John William Waterhouse aus dem 19. Jahrhundert zeigt, wie schön Müßiggang sein kann.

Ein Gemälde von John William Waterhouse aus dem 19. Jahrhundert zeigt, wie schön Müßiggang sein kann.

Foto: akg-images / picture alliance

In den vergangenen Tagen schauen wir uns häufig ein altes Gemälde von John William Waterhouse an. Wir haben es uns sogar auf dem Computer als Bildschirmschoner eingerichtet, damit wir in einer Arbeitspause gleich wieder darauf stoßen. Auf dem Ölgemälde von 1880 hat sich eine Dame auf einem Diwan niedergelassen. Sie scheint gerade im Garten gewesen zu sein und Blümchen gepflückt zu haben. In der rechten Hand liegt schlaff ein Fächer. In der linken hat sie ihren Kopf eingebettet. Und so ruht sie still in sich, döst vielleicht sogar ein wenig. So reglos, dass selbst ein paar freche Vögel sich heranwagen. „Dolce far Niente“ ist das Werk betitelt, also „Süßes Nichtstun“.

Genau das müssen wir zur Zeit wieder lernen: das Nichtstun. Und die Erkenntnis, dass das süß sein kann. Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Krise zwangen uns urplötzlich zum Stillstand, zur selbstauferlegten heimischen Haft. „Stay at home“, lautet allenthalben der Appell an die Vernunft. Manchmal erklingt er auch eher als Befehl mit schimpflichem Unterton: „Stay the fuck home!“ Das aber ist etwas, was wir in unserer hektischen Zeit, unserer hypermobilen Gesellschaft nicht mehr gewohnt sind.

Gelernt haben wir: Zeit ist Geld

Wenn uns der Neoliberalismus etwas eingebläut, etwas aufgezwungen hat, dann die Überzeugung, dass Zeit Geld ist. Wir verbringen sie also zumeist mit der Arbeit, nehmen gern auch noch ein bisschen davon mit nach Hause. Dann muss man sich um die Familie kümmern. Im besten Fall auch noch um den eigenen Körper, mit Leibesübungen. Mit kulturellen Veranstaltungen und anderen Terminen suchen wir uns von diesem Druck zu erholen. Und wenn dann tatsächlich mal ein paar Stunden frei sind, dann lassen wir uns vor der Glotze berieseln. Checken schnell noch im Handy die neuesten Nachrichten. Oder schauen in den sozialen Netzwerken, was unsere Freunde tun. Wir könnten sie auch anrufen, aber dafür, nun ja, ist halt keine Zeit.

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Plötzlich aber haben wir reichlich davon: von diesem seltsamen Rohelement Zeit. Selbst bei dem, der Homeoffice betreibt, entfallen zeitraubende Anfahrten zur Arbeit. Zum Sport können wir auch nicht, Theater, Kinos, Kneipen, alles hat geschlossen. Zu Beginn des Shutdown haben wir, um diese Leere hyperaktivistisch zu überbrücken, erst mal viel Wäsche gewaschen, Frühjahrsputz gemacht, den Balkon frühlingstauglich gemacht, sogar alte Fotos sortiert. Dinge, zu denen man sonst nie kommt. Aber selbst das ist jetzt erledigt.

Also was tun? Die ungewohnte Freizeit nur bingewatchend verbringen, mit der Chipstüte daneben? Oder sich diesem Zustand und mehr noch: sich selbst zu stellen? Wir haben keinen Diwan wie die Dame auf dem Waterhouse-Gemälde, auch keinen Garten davor. Und wenn sich ein Vogel in unsere Stube verirren sollte, würden wir ihn vertreiben. Aber unser Sofa ist auch gemütlich, vielleicht sogar bequemer als dieser Diwan. Und auch hier kann man seine Gedanken kreisen lassen.

Wir können von unseren südlichen Nachbarn lernen

Das aber ist zumindest dem Nordeuropäer gründlich ausgetrieben worden. Dafür hat zur Genüge die christliche Theologie gesorgt, indem sie die Trägheit als eine der sieben Todsünden gegeißelt hat, was ja noch heute im Volksmund anklingt mit dem Sprichwort „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Dabei meint Müßiggang nach dem mittelhochdeutschen „müezec gân“ erst mal nichts anderes als untätig sein, nichts tun. Und Muße – ein so altes Wort, das man es kaum noch kennt – bezeichnet, laut Wörterbuch, auch nur „die Zeit, die eine Person nach eigenem Wunsch nutzen kann“. Die Religion aber hat Müßiggang in eins gesetzt mit „Acedia“, also Faulheit, Trägheit. Und verdammt. Freizeit war im Mittelalter ohnehin nur dem Adel vorbehalten oder dem Klerus. Nicht aber dem gemeinen Volk, das gefälligst für die Oberschichten zu wirtschaften hatte.

Die Entdeckung des Müßiggangs in breiter Form fällt denn auch erst in die bürgerliche Neuzeit, wo er freilich auch lange nur dem Großbürgertum vorbehalten war. Ein bisschen konnten wir da von unseren südlicheren Nachbarn lernen, die einfach mehr Sonne abkriegen und sich eher mal ein Päuschen gönnen. „Dolce far niente“ kommt nicht umsonst aus dem Italienischen. Goethe hat das auf seiner „Italienischen Reise“ bestaunt, und der Wirtschaftswunderdeutsche dann auch, als es ihn in den Wir-sind-wieder-wer-Jahren nach Capri und zur roten Sonne zog. Von diesem Erstaunen handelte auch Heinrich Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“, wo ein Tourist einen Fischer überzeugen will, dass er, statt träge im Boot zu liegen, besser ein zweites, drittes Mal auf Fang fahren sollte. Um noch mehr zu erwirtschaften. Und sich am Ende zurücklehnen zu können. Was der Fischer aber doch schon tut.

Neue Worte müssen her für den Müßiggang

Wir haben seither einiges dazugelernt. Obwohl der moderne Wohlstandsbürger sich selbst in permanenter Selbstoptimierung übt, gehört eine bewusste Freizeitgestaltung inzwischen durchaus dazu. Müßiggang aber können wir das nicht mehr nennen, das klingt irgendwie zu altmodisch und ist ja auch theologisch vorbelastet. Also müssen neue Worte her, die dann immer gleich zu Bewegungen werden, die zu neuem Aktionismus werden, und zu Trends, die vermarktet und zu ganzen Industrien ausgebaut werden können.

Nehmen wir nur die Wellness: eine Gesundheitsbewegung, die sich in den 50er-Jahren zunächst in den USA entwickelte, nachdem die Weltgesundheitsorganisation 1946 Gesundheit als „physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden“ definiert hat. „Wellness“, eine Verschmelzung von „well-being“ mit „Happiness“, wurde zum globalen Wirtschaftsschlager. Kein Hotel, das heute nicht mindestens eine Sauna als Wellness-Bereich anbietet. Und da liegen sie dann alle, die gestressten Menschen, in Reih und Glied auf Ruheliegen, um deren besten Ausblick sie freilich erst ringen: Nichtstun als Stressmanagement-Methode. Und als Massenphänomen. Aber bloß nicht zu Hause. Sondern irgendwo, wo man wirklich „abschalten“ kann.

Oder nehmen wir nur das jüngste Phänomen „Waldbaden“. Früher nannten wir das profan Waldspaziergang. Daraus muss erst eine fernöstliche Bewegung werden, „Shinrin-Yoku“, wo man nicht nur ins Grüne geht, sondern die Bäume umarmt, um den Moment wirklich bewusst zu erleben. Und selbst wenn wir uns zu Hause eine Kerze anzünden und es uns gemütlich machen, heißt das jetzt neumodisch „Hygge“ und ist eine skandinavische Glücksverheißung. Immerzu also muss Freizeit, Müßiggang oder wie immer wir es nennen wollen, als Bewegung, Trend, als Lebensgefühl zelebriert und optimiert werden.

Wir haben verlernt, einfach freie Zeit zu haben

Aber derzeit sind alle Wellness-Center geschlossen. Sich gemütlich mit Freunden zu treffen, ist nicht mehr „hygge“, sondern im Gegenteil strafbar. Und so sehr wir der selbst auferlegten Isolation für ein halbes Stündchen im Grunewald entkommen wollten, müssten wir doch immer hinter den nächsten Baum springen, wenn uns ein anderer Waldbader entgegenkommt. Wie lange hält sich so ein Virus eigentlich auf Baumrinde?

Sitzen wir also lieber zu Hause auf unserem hyggen Sofa. Schauen mal, was wir so im Bücherregal stehen haben. (Tatsächlich sogar „Die Kunst des Müßiggangs“ von Hermann Hesse.) Und machen wir uns bewusst, wie sehr wir es verlernt haben, einfach freie Zeit zu haben. Und Muße zu haben. Selbst der Adel scheint diesen Zustand nicht mehr zu kennen. König Carl XVI. Gustaf riet seinen Schweden gerade, man könne in der Corona-Haft zu Hause auch putzen oder Wände streichen. Nein, wir wollen uns gar nicht vorstellen, wie der 78-Jährige jetzt seinen Palast fegt.

Lieber nehmen wir uns ein Beispiel an Waterhouse und seiner Dame auf dem Diwan. Halten wir inne, nehmen wir uns Zeit für uns selbst, Auszeit von der allgegenwärtigen modernen Hektik. Wenn bei all den Schrecken auch eine Chance in der Corona-Krise liegt, dann vielleicht in der Erkenntnis, dass diese Rückbesinnung auf uns selbst, diese wenn auch auferzwungene Entschleunigung vielleicht nicht das Falscheste ist, was uns globalisierten Selbstoptimierern passieren kann.