Staatsoper

„Kultur ist eine Art Grundnahrungsmittel“

Die Staatsoper Unter den Linden kündigt sieben Premieren für die neue Saison an. Es präsentieren sich drei Regisseurinnen.

David McVicars inszeniert „Idomeneo“. Die Premiere war kurzfristig abgesagt worden und wird im Januar 2021 nachgeholt. 

David McVicars inszeniert „Idomeneo“. Die Premiere war kurzfristig abgesagt worden und wird im Januar 2021 nachgeholt. 

Foto: Bernd Uhlig

„Ruhelos“ ist die neue Saison der Staatsoper Unter den Linden überschrieben. „Das ist kein Motto, sondern eher ein assoziatives Schlagwort“, sagt Intendant Matthias Schulz. Mitten in der Krise, in der sein Opernhaus wie andere auch geschlossen ist, stellt er das neue Programm für 2020/21 vor. Schulz vermittelt dabei den Eindruck, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. „Wir versuchen, die nächste Saison weitestgehend genauso zu belassen, wie sie langfristig geplant war. Wir machen sechs Premieren“, sagt er. „Aber an drei Punkten nehmen wir aufgrund der Corona-Situation Veränderungen vor. Dazu gehört, dass wir als siebte Premiere den kürzlich abgesagten ,Idomeneo‘ zeigen.“

Die Proben für Verdis „Idomeneo“ waren fast abgeschlossen. Es gibt bereits Fotos von David McVicars Inszenierung. Die musikalische Einstudierung nahm Simon Rattle vor. Zuletzt versuchte man sogar noch, die Premiere vorzuziehen und per Live-Stream aus dem leeren Opernhaus zu präsentieren. Das scheiterte. „Den ursprünglichen Wiederaufnahme-Termin im Januar nutzen wir jetzt für die Premiere“, sagt Schulz. „Wir bemühen uns auch darum, dass Simon Rattle einige der Termine dirigiert. Das ist aber noch nicht bestätigt.“ Darüber hinaus waren zwei weitere Premieren der Krise zum Opfer gefallen. „Mozarts ,Cosi fan tutte‘ war leider noch nicht weit genug im Probenprozess gereift. Wir überlegen noch, ob es machbar ist, sie zur Premiere zu bringen. Es sieht eher unwahrscheinlich aus. Die dritte Änderung betrifft ,Chowanschtschina‘, die wir in eine spätere Spielzeit verlegen müssen. An deren Stelle im Oktober spielen wir Verdis ,Macbeth‘.“

Neue Saison soll Anfang Oktober starten

Dass die Staatsoper trotz einiger Lücken mit dem Jahresplan an die Öffentlichkeit geht, hat mit dem Vorverkauf zu tun. Das Geschäft muss weitergehen. Der Vorverkauf beginnt offiziell am 16. Mai, bereits am 9. Mai startet der Verkauf an Abonnenten und Inhaber der Staatsoper Card für alle Vorstellungen. Ab 25. April läuft der Vorverkauf für Abonnements und den Festtage-Zyklus. Bis dahin will man den Plan angepasst haben.

Die Eröffnungspremiere findet an der Staatsoper traditionell am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, statt. Diesmal wird Luca Francesconis „Quartett“ gezeigt, eine Zweipersonen-Oper nach Heiner Müllers gleichnamigen Schauspiel. Daniel Barenboim wird die Eröffnung am Pult leiten. Mit Heiner Müller – als Regisseur – verband den Stardirigenten eine „Tristan und Isolde“-Produktion bei den Richard-Wagner-Festspielen und das gemeinsame Unbehagen mit Bayreuth. Im „Quartett“ wird Mojca Erdmann ihr Rollendebüt als Marquise de Merteuil geben. „Wir müssten mit dem Probenbetrieb wie immer Mitte August anfangen“, sagt der Intendant. „Die Technik sollte möglichst wieder früher einsteigen. Für die Uraufführung der deutschen Fassung von ,Quartett‘ muss das Bühnenbild bald gebaut werden, wir reden von Mai oder Juni. Ansonsten wird es zeitlich knapp.“

Ursprünglich sollte mit „Cosi fan tutte“ der neue Mozart-Da-Ponte-Zyklus an der Staatsoper beginnen. Jetzt startet er mit „Le Nozze di Figaro“ bei den Festtagen am 27. März 2021. Die Regie übernimmt Vincent Huguet, am Pult steht Daniel Barenboim. Ein weiterer Mozart kommt bei den Barocktagen, die vom 13. bis 22. November stattfinden, zur Premiere. „Mozart hat seine Opera seria ,Mitridate‘ bereits als 14-Jähriger geschrieben. Die Oper feiert in diesem Jahr ihr 250. Jubiläum“, sagt Schulz. „Als in meiner Salzburger Zeit alle 22 Bühnenwerke aufgeführt wurden, war ,Mitridate‘ mein geheimer Star. Das Stück hat einen besonderen Reiz“, sagt Schulz. Und erzählt weiter: „An der Staatsoper macht es der japanische Regisseur Satoshi Miyagi, das war seit Jahren der Wunsch von Dirigent Marc Minkowski und mir. Satoshi Miyagi kombiniert Elemente des Kabuki-Theaters mit der europäischen Moderne.“

Überhaupt werden wieder große Opernregisseure am Haus debütieren, sagt der Intendant. Calixto Bieito inszeniert Wagners Oper „Lohengrin“, die am 13. Dezember Premiere hat. Fast noch interessanter ist es, wer am Pult stehen wird und die Lorbeeren ernten darf. „Wagners ,Lohengrin‘ wird von Matthias Pintscher dirigiert. Er hat bei der erfolgreichen Produktion ,Violetter Schnee‘ eine tolle Beziehung zum Orchester aufgebaut. Auch Daniel Barenboim steht total dahinter, dass Matthias Pintscher mehr bei uns zeigt. Er ist ein bekannter Komponist und Dirigent.“ Wenn Ex-Philharmonikerchef Simon Rattle am 14. Februar mit „Jenufa“ seine Janacek-Pflege an der Staatsoper fortsetzt, wird Damiano Michieletto das Ganze in Szene setzen.

Im deutschen Bühnenbetrieb gab es in der vergangenen Zeit Forderungen, dass Künstlerinnen in allen Bereichen die gleichen Chancen erhalten sollen. An der Staatsoper hat man das Thema offenbar ernst genommen. „Wir haben Barbara Wysocka als Regisseurin für ,Quartett‘ und Lydia Steier für ,Fanciulla del West‘ gewinnen können. Als dritte Regisseurin wird Deborah Horakova Joly die Oper ,Thomas‘ von Georg Friedrich Haas vorbereiten“, sagt Schulz. „Das sind drei Regisseurinnen, die bereits großen Erfolg vorzuweisen haben und dennoch Entdeckungen sein werden. Sie werden auch in den nächsten Jahren viel Reden von sich machen. Deshalb freue ich mich, sie jetzt an der Staatsoper zu präsentieren.“ Puccinis „La Fanciulla del West“ wird am 13. Juni 2021 erstmals über die Bühne gehen, am Pult steht Antonio Pappano. Georg Friedrich Haas‘ „Thomas“ erlebt im Rahmen von „Linden 21“, dem Format für zeitgenössisches Musiktheater, am 16. April 2021 seine Premiere.

Intendant Matthias Schulz glaubt, dass sein Opernhaus trotz der derzeit grassierenden Corona-Pandemie einen guten Start haben wird. „Wir erleben gerade, dass das Live-Kulturerleben durch nichts zu ersetzen ist. Kultur ist auch eine Art Grundnahrungsmittel.“ Über weitere Szenarien kann er im Moment nicht viel sagen. „Man muss schauen, dass die Hygienemaßnahmen im Haus überprüft werden. Bei uns wurde durch den Umbau die Zahl der Sitze auf 1377 verringert, man sitzt nicht mehr so dicht aufeinander. Ansonsten werden wir in der Corona-Krise kurzfristig auf Anforderungen reagieren. Einschränkungen wären für uns, was die Einnahmesituation betrifft, ein Desaster.“