Fernsehen

„Lindenstraße“: Ur-deutscher Ort und Pulsmesser der Nation

Die „Lindenstraße“ war Kult. Und die längste Soap der deutschen TV-Geschichte. Nun ist nach fast 35 Jahren und 1758 Folgen Schluss.

„Mutter Beimer“ Marie-Luise Marjan und Kollege Moritz Sachs schauen sich in der Kulisse der ARD-Vorabendserie "Lindenstraße" um.

„Mutter Beimer“ Marie-Luise Marjan und Kollege Moritz Sachs schauen sich in der Kulisse der ARD-Vorabendserie "Lindenstraße" um.

Foto: Roberto Pfeil / dpa

Berlin. Dass die Linde vor ihrem Haus gefällt wird, das haben die Bewohner der „Lindenstraße“ vergangene Woche in der vorletzten Folge noch mit einer gemeinschaftlichen Protestaktion verhindern können. Dass ihre Serie nun für immer eingestellt wird, das konnte dagegen keiner mehr abwenden. Auch wenn Serienmacher Hans W. Geißendörfer noch so sehr gepoltert hat. Und die Fans eine Petition starteten und, in doch sehr überschaubarer Größe, auf die Straße gingen. Nein, am heutigen Sonntag läuft die 1758. und definitiv letzte Folge mit dem programmatischen Titel „Auf Wiedersehen“. Was in ihr passieren wird, ist streng geheim. Das durfte keiner der Beteiligten verraten, auch wenn die letzte Klappe schon Ende Dezember fiel.

Man darf also spekulieren, ob Mutter Beimer noch mal aus Kummer ein Spiegelei brät. Oder alle im „Akropolis“ einen letzten Wein trinken. Immerhin: Wie in allen Folgen soll es noch einmal einen Cliffhanger geben, dem dann aber keine Fortsetzung mehr folgt. Dafür gibt es vorab die Spezialsendung „Bye, Bye, Lindenstraße“, die noch mal zurückblickt auf fast 35 Jahre Fernsehkult.

Eine Straße, die in München liegen soll, obschon sie in Köln gedreht wurde

Denn Kult war sie, die Serie um Mutter Beimer, die Zenkers und all die anderen Bewohner dieser fiktiven Straße, die in München liegen soll, obschon sie in Köln gedreht wurde. „Lindenstraße“, das war die längstlebige deutsche Fernsehsoap, eine Ausnahmeserie, wie es sie nie zuvor und auch seither nicht mehr gegeben hat, der Spiegel der Republik. Und nach dem „Tatort“ das letzte Lagerfeuer der Fernsehnation, auch wenn es zuletzt nur noch auf kleiner Flamme glomm.

Ein unverstellter Blick in die deutschen Stuben, auf Menschen wie du und ich, immer auch mal nackig, körperlich oft, seelisch immer, das war – in Zeiten vor Instagram, wo sich jeder selbst permanent vor aller Welt ablichtet – radikal neu, als am 8. Dezember 1985 die erste Folge „Herzlich willkommen“ gesendet wurde. Das Vorbild war die britische Serie „Coronation Street“, die seit 9. Dezember 1960 läuft – und übrigens immer noch, egal, welche Quote sie erreicht.

Hohn und Spott zu Beginn der Serie

Dabei schien die „Lindenstraße“ gleich nach der ersten Folge schon am Ende. Die Kritiken überschlugen sich an Häme. Sie geißelten die schlechte Qualität und verhöhnten die Schauspieler als Laien, sodass sie teils unter Tränen drehten und manche auch absprangen. „Ein Panoptikum der Piefigkeit“, geißelte damals „Der Spiegel“, und „Bunte“ verstieg sich gar zu der These, „wegen der Serie müssten bei der ARD noch Köpfe rollen“. Tatsächlich war „Lindenstraße“ die erste Serie, die auf billigerem Videomaterial gedreht wurde, was man bald zugunsten von herkömmlichem Film wieder aufgab. Und auch die Drehbücher wurden nachgebessert. Das Publikum aber war weit gnädiger als die Presse.

In den ersten Jahren schalteten im Schnitt 10,2 Millionen Zuschauer ein, ein Marktanteil von 46,3 Prozent. Die „Lindenstraße“ war ein soziologisches Studienobjekt, wo sich der gemeine Bürger einmal mit sich selbst und seinesgleichen konfrontieren konnte. Viele haben hier erstmals in den Haushalt von Ausländern gespickt, wurden hier erstmals mit einem Aids-Kranken konfrontiert, der Kuss zweier Schwuler sorgte für einen Skandal. Und alle Reizthemen der Nation wurden hier durchgenudelt: von häuslicher Gewalt über Neonazis bis zur Flüchtlingskrise und Geschlechtsumwandlung.

Nicht wenige verwechselten Fiktion und Realität – und bewarben sich beim Sender, wenn in der Serie mal eine Wohnung frei wurde. Unvergessen auch, wie Bundestags-Wahlergebnisse noch am selben Abend in der „Lindenstraße“ kommentiert wurden, obwohl die Folgen zwei Monate im Voraus gedreht wurden. Dafür wurden immer mehrere Varianten gedreht und die passendste dann in kürzester Zeit einmontiert.

Til Schweiger startete hier seine Karriere

Die nur 150 Meter lange Serienstraße war ein ur-deutscher Ort, der Pulsmesser der Nation. Im breiten Spektrum der Gesellschaft gab es hier für jeden eine Identifikationsfigur – und eine Hassgestalt, an der man sich abarbeiten konnte. Marie-Luise Marjan als Mutter Beimer beerbte Inge Meysel als Mutter der Nation. Til Schweiger startete hier seine Star-Karriere. Und jeder hasste Rosemarie Wendel als ewig neugierige, ultrareaktionäre Hausmeisterin Else Kling (Annemarie Wendl). „Lindenstraße“, das war ein Doppelreiz des Schaurig-Schönen: Da war oft viel Fremdscham dabei. Und doch konnte man nicht wegzappen. Sonntags sah die Nation zu, und montags diskutierte sie darüber.

Legendär waren Folgen, in denen zur Demo gegen Umweltminister Klaus Töpfer aufgerufen oder CSU-Politiker Peter Gauweiler wegen seiner Aids-Politik gegeißelt wurde. Letzterer klagte daraufhin und wollte die Serie verbieten lassen. Vergeblich. Aber Geißendörfer, der Vater der Serie mit seinem ewigen, markanten Strickmützchen, freute sich über derartigen Gegenwind. Die Serie eckte an, hat polarisiert, über sie wurde gestritten, sie stieß Debatten an.

Zum Schluss wurde das Publikum immer älter

Diese Zeiten freilich sind lange vorbei. Zuletzt dümpelte die Serie bei 2,13 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von gerade mal 7,4 Prozent. Die Serienmacher haben zwar stets darauf geachtet, dass das Figuren-Personal ständig verjüngt wurde, auch hinter der Kamera gab Geißendörfer das Zepter des Produzenten an seine Tochter Hana weiter. Aber das Publikum wurde trotzdem immer älter, während die jüngere Generation dem Fernsehen längst den Rücken gekehrt hat und lieber ganz andere Formate streamt. Specials wie eine live gedrehte Folge konnten da wenig ausrichten.

Am Ende hat auch der Sender, der die „Lindenstraße“ anfangs so tapfer gegen die Politik verteidigte, nicht mehr an die Serie geglaubt. Das zeigte sich schon, als einzelne Folgen für Fußballspiele oder Olympia ins Spätprogramm oder auf den Spartensender One verbannt wurden. Geißendörfer hat das immer lautstark kritisiert. Und der Serie damit wohl auch keinen Gefallen getan. Schließlich verkündete ARD-Programmdirektor Volker Herres im November 2018 das baldige Serien-Aus: Die Produktionskosten „für eine solch hochwertige Serie“ seien mit den Sparzwängen des Senders nicht mehr vereinbar. Was die ARD gleichwohl nicht davon abhielt, bei Prestigeprojekten wie „Babylon Berlin“ ganz andere Summen auszugeben.

Viele Darsteller wurden mit der Lindenstraße groß

Das hat Geißendörfer verbittert. Und viele „Lindensträßler“, wie sich die Beteiligten bezeichnen, stehen nun vor einer herben Zäsur. Manche Darsteller sind wie Moritz A. Sachs als Klausi Beimer mit der Serie buchstäblich groß geworden. Zuletzt waren noch acht Schauspieler von der allerersten Folge an dabei. Und Andrea Spatzek, die Darstellerin der Gabi Zenker, hofft gar auf eine Fortsetzung – als Kinofilm. Das aber wird wohl Science-Fiction bleiben.

Im Grunde hat sich die Serie nie von ihrem größten Verlust erholt, als Else Kling 2006 in Folge 1069 das Zeitliche gesegnet hat. Sie war der Hausdrache, der ewige Zankapfel, die gegen jeden lästerte und alle gegen sich aufbrachte. Und doch war sie der stille Kitt der Serie. Ins Jenseits gerufen wurde sie damals – vor dem Fernseher. Geißendörfer selbst rief ihren Namen. Und Else Kling folgte, nicht ohne ein letztes Mal zu meckern, sie hätte ihre Lieblingssendung – natürlich die „Lindenstraße“ – gern noch zu Ende geschaut. „Jetzt woaß i gar nimmer, wia’s ausgeht!“ Es gehe gut aus, antwortete Geißendörfer aus dem Off. Nun wird seine Serie, seine Lebensaufgabe selbst abberufen. Ein Ende im Zorn. Man hätte sich für die Kultsoap einen harmonischeren Abschied gewünscht.

„Bye, bye, Lindenstraße“: ARD, Sonntag, 18 Uhr. Letzte Folge: Auf Wiedersehen“, 18.50 Uhr.