Fernsehen

Senta Berger: „Ich kann sehr schlecht Kapitel schließen“

Die Schauspielerin Senta Berger macht Schluss mit ihrer Krimireihe „Unter Verdacht“. Und denkt auch sonst übers Aufhören nach.

Senta Berger war zunächst nicht überzeugt, dass die von ihr gespielte Ermittlerin in "Unter Verdacht" so gut ankommt.

Senta Berger war zunächst nicht überzeugt, dass die von ihr gespielte Ermittlerin in "Unter Verdacht" so gut ankommt.

Berlin. Am Sonnabend heißt es Abschied nehmen: Nach mehr als 18 Jahren ist Senta Berger in ihrer 30. und letzten Folge als Ermittlerin Eva Prohacek in der Krimi-Reihe „Unter Verdacht“ zu sehen. Der letzte Fall nimmt direkt Bezug zur allerersten Folge von 2002, die davor ebenfalls noch einmal gezeigt wird, allerdings mitten in der Nacht. Verabschiedet sich die beliebte Schauspielerin damit langsam von ihrem Beruf? Wir haben die 78-Jährige befragt.

Frau Berger, was fühlten Sie, als die letzte Klappe der letzten Folge von „Unter Verdacht“ fiel?

Senta Berger Keinen großen schneidenden Schmerz. Irgendwie konnte ich es auch noch gar nicht glauben. Wir alle nicht. Wir haben gelacht und geweint, sind uns in den Armen gelegen, ohne wirklich zu realisieren, dass wir nun nie mehr für eine neue „Unter Verdacht“-Geschichte zusammenkommen würden.

Warum wird die Reihe eigentlich beendet? Die Quoten waren immer gut, das Publikum hat Sie in der Rolle geliebt.

Ich kann sehr schlecht ein Kapitel schließen. Und „Unter Verdacht“ ist nun mal ein Kapitel meines Lebens. Nun war dieser Abschied schon lang vorbereitet. Ich hatte den Entschluss dazu schon vor zwei Jahren gefasst. Es ist doch so: Eva Prohacek ist Beamtin, und als solche wird sie mit 65 gehen müssen, in Rente geschickt. Ich bin nun doch einige Jahre älter, und ich finde, man sieht es nun auch. Ich wollte nicht, dass mir oder ihr die Jahre nachgerechnet werden. Es geht um die Glaubwürdigkeit der Figur und damit auch um die der Geschichten, die wir erzählen. Mit der Reihe aufzuhören, so lange sie von den Zuschauern noch vermisst wird, ist eine schöne Anerkennung nach all den Jahren.

Sie haben sonst nie eine Rolle über einen so langen Zeitraum gespielt. Vermengen sich da Schauspielerin und Figur irgendwann?

Nein, ich vermenge nie Fiktion und Wirklichkeit, nie meine Rollenfiguren mit mir. Ich bin der Anwalt meiner Figuren. Ich vertrete Eva Prohacek, und ich möchte, dass man sie so gut versteht wie nur möglich. Ich war von Anfang an bei der Erfindung der Prohacek mit eingebunden. Ich hatte genaue Vorstellungen von ihr und das Glück, sie umsetzen zu dürfen. Sicher hat diese Rolle mich mehr als manche andere beschäftigt. Über einen langen Zeitraum. Ich war vor 19 Jahren eine andere und also die Prohacek auch.

Werden Sie die letzte Folge auch noch mal im Fernsehen schauen? Gemeinsam mit Ihrem Publikum?

Ach, ich weiß nicht, ob ich das aushalte. Ich halte mich selber schwer auf der Kinoleinwand oder im Fernsehen aus. Ich brauche einige Zeit, um aus der nötigen Distanz mich selbst zu beurteilen. Die Qualität der letzten Folge kann ich sehr wohl beurteilen. Ich glaube, wir verabschieden uns damit sehr eindrücklich.

Die erste Folge „Unter Verdacht“ wurde gleich mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Aber hätten Sie je gedacht, dass diese Reihe ein solch großer und lang anhaltender Erfolg werden könnte?

Nein, natürlich nicht. Wir waren davon gar nicht überzeugt, mit einer so spröden Hauptfigur gesellschaftspolitische Themen erzählen zu können. Noch dazu am Samstagabend. Und jahrelang gegen den „Musikantenstadl“ in der ARD. Nein, wir waren nicht überzeugt – die Zuschauer haben uns überzeugt.

Ihr letzter Fall nimmt direkt Bezug auf den allerersten. Damit schließt sich ein Kreis. Aber überfordert man möglicherweise die Zuschauer mit diesen Anspielungen?

Das glaube ich nicht. Wir haben die letzte Folge so erzählt, dass man die erste nicht gesehen haben muss. Für diejenigen, die uns tatsächlich seit 2002 begleitet haben, ist es vielleicht ein Vergnügen, sich an die Anfänge zu erinnern.

Die Reihe hat immer wieder gesellschaftspolitisch relevante, oft brisante Themen aufgegriffen. War das auch der Anreiz für Sie? Dass es nicht nur eine weitere Krimireihe war?

Das war für uns alle wichtig. „Nein, bitte nicht schon wieder eine Kommissarin…“ war das Motto. Ohne meine Kommissarinnen-Kolleginnen herabsetzen zu wollen – aber es waren damals einfach zu viele davon im Fernsehen. Was geht uns an, was betrifft unsere Zeit, unsere Gesellschaft ? Das waren die Fragen, die wir uns stellten. Das hat mich interessiert. Manches Mal waren wir mit unseren Stoffen so aktuell, dass wir den anderen Medien voraus waren.

Die letzte Folge heißt „Evas letzter Gang“. Ein melancholischer Titel. Darin blickt Eva Prohacek oft zurück, fragt sich, ob sie etwas erreicht hat, ob sie noch kann, noch will. Blicken auch Sie ab und an zurück? Plagen auch Sie manchmal Zweifel?

Da muss ich unterscheiden: Blicke ich mit Zweifel auf mein Leben zurück? Ist das gemeint? Dann kann ich sagen: Nein. Aber mit Bedauern auf einige Ungerechtigkeiten, die ich begangen habe und nicht wieder gut machen kann. Zweifel an meiner Entscheidung, aus Hollywood weg zu gehen, um mit Michael Verhoeven ein gemeinsames Leben zu haben, hatte ich nie. Prohacek zweifelt immer.

Eva Prohacek muss in Rente gehen und ihre Dienstmarke abgeben. Sie spielen das sehr groß. Müssen wir uns Sorgen machen, dass auch Sie selbst Ihren Beruf einmal an den Nagel hängen werden?

Aber das ist doch ganz natürlich, dass ich mich langsam aus diesem Beruf lösen werde. Dass Sie sich darüber Sorgen machen, nehme ich als Kompliment. Danke. Den Dienstausweis der Eva Prohacek habe ich als Andenken an diese aufregende Zeit, die ich mit ihr verbracht habe, behalten.

Wir können dieses Gespräch nicht persönlich führen. Wie schützen Sie sich derzeit gegen das Corona-Virus?

Wir leben auf dem Lande, in der Nähe von München. Auf dem Land ist es etwas leichter. Wir können lange Spaziergänge machen und fühlen uns nicht eingesperrt. Meine Kinder können mit ihren Kindern in unserem Garten Fußball spielen, und wir gucken aus einiger Entfernung gerührt zu. Wir halten uns an die ausgegebenen Regeln. Und dennoch frage ich mich immer noch, ob ich nicht im falschen Film bin.

„Unter Verdacht“: Der allererste Fall: Sa., 0.45 Uhr ZDF. Der letzte Fall: Sa., 20.15 Uhr, ZDF