Corona-Krise

Private Bühnen: „Die Performance ist nicht die Beste“

Die privaten Bühnen wie Wintergarten oder Wühlmäuse leiden unter der Corona-Krise – und beklagen das Management des Senats.

Verschlossene Türen: Private Häuser wie das Chamäleon Theater, das Wintergarten-Varieté, die Wühlmäuse oder das Berliner Kriminal-Theater (v.o.l. im Uhrzeigersinn) kämpfen um ihr Überleben

Verschlossene Türen: Private Häuser wie das Chamäleon Theater, das Wintergarten-Varieté, die Wühlmäuse oder das Berliner Kriminal-Theater (v.o.l. im Uhrzeigersinn) kämpfen um ihr Überleben

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlins private Bühnen prägen das Bild der Stadt. Nun droht vielen durch die behördlich angeordnete Schließung das Aus. Wo man hinhört, ist die Lage dramatisch. Denn in der Branche gilt: „No Play! No Pay!“ Die meisten Häuser bangen um ihre Zukunft. Denn sie werden die Corona-Krise ohne sofortige Finanzhilfen nicht überleben. Damit würde sich Berlins Kulturlandschaft schlagartig verändern. Das Krisenmanagement des Senats kommt bei den Häusern nicht gut weg. Alle sind sich einig: „Die Performance ist nicht die Beste.“

„Der Vorverkauf ist komplett zum Erliegen gekommen. Herbstbuchungen wurden schon storniert. Uns fehlen 600.000 Euro. Das ist existenzbedrohend“, erzählt Hendrik Frobel, der Geschäftsführer des Chamäleon Theaters. Wie alle privaten Häuser lebt auch die renommierte Bühne für Neuen Circus von diesen Einnahmen. „Wir brauchen definitiv Geld, um unseren Verpflichtungen gegenüber den Künstlern und Mitarbeitern nachzukommen“, fordert Frobel. Schon jetzt steht die kommende Spielzeit auf dem Spiel: „Für das neue Stück sind Vorschüsse fällig. Ich habe das Gefühl, beim Senat herrscht nach wie vor Aktionismus. Es wurde nicht darüber nachgedacht, welche Folgen diese Politik hat.“

Hoffen auf schnelle unbürokratische Hilfe

Er hofft auf schnelle, unbürokratische Hilfe. Auf Darlehen, die nicht zurückgezahlt werden müssen. „Davon wird es abhängen“, weiß Georg Strecker, der Chef des Wintergarten Varietés. „Viele private Theater haben ohnehin Kredite aufgenommen. Das zu bedienen ist schwierig genug.“ Wie andere private Theater setzt auch der Wintergarten bei den Mitarbeitern auf das Abfeiern von Überstunden, auf Resturlaub. „Wir haben aber auch vorsorglich Kurzarbeit angemeldet und versuchen, uns damit über Wasser zu halten“, verrät Strecker.

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Dass man am 20. April wieder öffnen kann, glaubt er nicht: „Es wäre auch naiv zu denken, dass man dann nur auf einen Knopf drückt, und alle Ampel stehen auf Grün.“ Es wird dauern, bis wieder Geld in die Kassen gespült wird. Niemand kann sagen, wann das passiert. Die zukünftigen Einnahmen würden nur den aktuellen Spielbetrieb sichern. Bei den privaten Bühnen ist das Finanzpolster in vielen Fällen dünn. Die meisten haben nur Rücklagen für die Theaterferien. Also vielleicht für vier bis sechs Wochen. Geld, das jetzt aufgebraucht wird.

Stachelschweine erwischt es besonders hart

„Der Senat muss auch einspringen, wenn es weitergeht. Wir brauchen einen Vorlauf, bis alle wissen, dass wieder gespielt wird. Jetzt merkt man deutlich, dass wir nicht subventioniert sind. Eine schwierige Situation“, sagt auch Wolfgang Rumpf vom Berliner Kriminal Theater. Man hört deutlich heraus, dass er die Misere lieber mit einem deftigeren Wort mit „Sch“ beschreiben würde. Womit er nicht allein steht.

Besonders heftig erwischt hat es die Stachelschweine. Kabarettist Frank Lüdecke und seine Frau Caroline hatten das Traditionskabarett im letzten Jahr mit Schulden übernommen. Haben privates Geld investiert und mit viel Arbeit das Haus wieder zum Laufen gebracht. „Jetzt ist bei uns alles weggebrochen. Realistisch gesehen brauchen wir bis September finanzielle Unterstützung, um dann mit einem neuen Programm wieder durchstarten zu können“, sagt Caroline Lüdecke.

Alle versuchen, möglichst lang zu überleben, damit es nach der Krise weitergehen kann. Dafür wird weiter gearbeitet. „Aktuell sind wir im BKA damit beschäftigt, ausgefallene Vorstellungen möglichst umzubuchen sowie gekaufte Tickets zurück abzuwickeln“, sagt Theaterleiter Uwe Berger. Kurzfristig hat man das „BKA Theater Hauptstadtstudio“ eingerichtet, um mit Stammkünstlern möglichst oft einen Livestream in die Wohnzimmer zu senden und dem Virus Paroli zu bieten. Dafür kann man freiwillig ein Ticket auf der Homepage kaufen. Auch die Ufa Fabrik ist dabei, einen Livestream einzurichten. Der Kulturbetrieb ist zwar durch eine Spielstättenförderung nicht unmittelbar bedroht. Geschäftsführer Frido Hinde sorgt sich jedoch um die freien Mitarbeiter, die nun nicht mehr bezahlt werden können: „Plötzlich stehen diese Leute ohne Einkommen da, das sie über uns immer hatten. Darunter sind Familien.“

„Das Krisenmanagement seitens des Senats ist katastrophal“

Daniel Domdey, der Leiter der Wühlmäuse, findet nicht nur in dieser Hinsicht: „Das Krisenmanagement seitens des Senats ist katastrophal. Wenn ich weiß, dass alle Veranstaltungen unter 1000 Personen nicht mehr stattfinden, kann ich das nicht mal eben an einem Sonnabend ohne Vorlauf twittern.“ Für ihn ist klar: „Wir müssen nach vorn schauen. Aber auch nach links und rechts auf die freien Mitarbeiter und die kleinen Firmen. Wir dürfen sie nicht verlieren. Wir haben eine soziale Verantwortung, und wir brauchen die Mitarbeiter nach der Krise.“ Daniel Domdey rät den Zuschauern zu überlegen, ob sie die Karten für abgesagte Vorstellungen zurückgeben oder ob sie nicht lieber die alternativen Termine besuchen wollen. Die stehen bereits auf dem Spielplan, soweit es die Kapazitäten zulassen. Eine endgültige Schließung ist für Domdey übrigens keine Option: „Für die Wühlmäuse würde ich den letzten Tropfen Blut hergeben. Daher gilt jetzt: Durchhalten! Weitermachen!“