Corona in Berlin

Staatsoper: „Der wirtschaftliche Schaden wird enorm sein“

Matthias Schulz, Intendant der Staatsoper Unter den Linden, beziffert den Schaden durch Einnahmeverlust auf 2,5 Millionen Euro.

Intendant Matthias Schulz erwartet jetzt einen „Schulterschluss mit der Politik und Kulanz von allen Seiten“.

Intendant Matthias Schulz erwartet jetzt einen „Schulterschluss mit der Politik und Kulanz von allen Seiten“.

Foto: Reto Klar

Die Staatsoper Unter den Linden ist geschlossen. „Auf ein Minimum heruntergefahren“, wie es Intendant Matthias Schulz ausdrückt. Die Gesundheit gehe einfach vor. Derzeit bietet das Opernhaus im Internet einen täglich wechselnden Spielplan aus Oper- und Konzertmitschnitten an. Im Hintergrund laufen bereits die Planungen auf Hochtouren, weil die aktuell abgesagten Premieren in der kommenden Spielzeit zusätzlich stattfinden sollen. Ein Interview per Telefon.

Herr Schulz, wie ist die Stimmung an der Staatsoper?

Matthias Schulz Sehr gedrückt, auch weil es gerade nicht besser hätte laufen können. Wir hatten die „Idomeneo“-Premiere vor der Brust, die Proben liefen wunderbar. Die „Cosi fan tutte“-Proben für die Festtage über Ostern hatten bereits angefangen. Alles wäre ausverkauft gewesen. Gleichzeitig merkt man, wie sich alle Sorgen machen. Es gibt viel Irritation.

Die Premiere von Mozarts „Idomeneo“ wollten Sie noch schnell auf den Mittwoch vorziehen, weil die Proben fast abgeschlossen waren. Wer wollte dann nicht mehr mitmachen?

Im Prinzip wollten alle unbedingt mitmachen. Beim „Idomeneo“ fehlten nur noch die Orchesterhauptprobe und die Generalprobe. Aber das Risiko sollte von Tag zu Tag neu bewertet werden. Am Sonntag habe ich selbst gesagt, die Premiere lässt sich jetzt nicht mehr verantworten. Ich habe auch gleich mit dem Dirigenten Simon Rattle darüber gesprochen. Es gab großes Verständnis von allen Seiten. Die Gesundheit geht einfach vor.

Zunächst einmal ruht der künstlerische Betrieb bis zum 19. April. Haben Sie schon die finanziellen Verluste für die Staatsoper ermitteln können?

Der wirtschaftliche Schaden wird enorm sein. Allein die Ausfälle bei den Ticket-Einnahmen belaufen sich auf mehr als 2,5 Millionen Euro. Wir machen uns vor allem auch Sorgen um die nicht fest am Haus Beschäftigten wie die Sängergäste, die natürlich Verdienstausfälle haben. Es erfordert jetzt einen Schulterschluss mit der Politik und viel Kulanz von allen Seiten. Es gibt Härtefälle.

Was meinen Sie mit Kulanz?

Es ist schwierig, weil es bislang dafür keine rechtliche Basis gibt. Aber der Grund der Absagen ist eindeutig: Was ist nicht höhere Gewalt als das? Die ist natürlich in den Künstlerverträgen verankert. Damit sind wir als Opernhaus aus den Verbindlichkeiten raus. Aber es ist so, dass Künstler bei uns geprobt haben, wir zahlen hier am Haus Probenpauschalen. Was nicht jedes Haus in Europa macht. Darüber hinaus haben wir uns eine Liste von besonderen Härtefällen geben lassen. In der abgesagten „Idomeneo“-Produktion gibt es beispielsweise wirklich großartige Tänzer, bei denen die Krise sozial unmittelbar durchschlägt. Mit den Fällen wollen wir kulant umgehen, darüber reden wir gerade in der Leitung. Aber es gibt noch keine konkreten Regelungen.

Wie reagieren die internationalen Stars und ihre Agenturen auf die Absagen?

Es herrscht großes Verständnis und zugleich große Traurigkeit. Jeder von ihnen hat ja den Drang zu spielen, auf die Bühne zu gehen. Es war toll, dass wir am letzten Donnerstag noch die Geistervorstellung von „Carmen“ mit Daniel Barenboim am Pult machen konnten. Oper verhandelt alle relevanten Gefühle. Die Reaktionen haben sehr klar gezeigt, wie wichtig Kultur in so einer Zeit ist. Der Live-Stream wurde weltweit von fast 170.000 Leuten gesehen.

Was macht man als Intendant in einem leeren Opernhaus den ganzen Tag?

Es gibt unglaublich viele Telefonate und vieles zu regeln, was den Betrieb betrifft. Alle Mitarbeiter für die künstlerischen Planungen, das Marketing oder die Presseabteilung sind im Homeoffice. Denn die Zukunftsplanungen gehen weiter, was bei einem Opernhaus drei bis vier Jahre voraus reicht. Wir wollen auch damit rechnen, dass der Betrieb in einigen Wochen oder Monaten wieder ganz normal weitergeht.

Wie oft sind Sie mit Ihrem Generalmusikdirektor Daniel Barenboim in Kontakt?

Wir sind sehr viel in Kontakt. Ich informiere ihn aktuell über alle wesentlichen Schritte. Wir bieten täglich ein Online-Programm an. Darüber haben Daniel Barenboim und ich intensiv gesprochen. Wir versuchen gerade, die ausgefallene Premiere von Mozarts „Cosi fan tutte“, die er selbst dirigiert hätte, in der nächsten Spielzeit unterzubringen. Gerade ist es eine unserer Hauptaufgaben zu ermitteln, welche Auswirkungen die aktuelle Krise auf die folgende Saison hat. Wir wollen auch den fast fertigen „Idomeneo“ in der nächsten Saison zur Premiere bringen. Aber das hängt auch an der Verfügbarkeit der Sänger. Opernhäuser haben sehr komplexe Pläne und können nicht so schnell reagieren wie andere Kulturinstitutionen, trotzdem werden wir so flexibel wie möglich sein.

In der nächsten Saison will die Staatsoper also zwei Premieren mehr anbieten als zuvor?

Wir würden das gerne machen. Es wäre auch ein starkes Zeichen, dass man sich von der Krise nicht unterkriegen lässt. Daran arbeiten wir mit Hochdruck. Wir haben auch noch unsere „Chowanschtschina“-Premiere, die für den 7. Juni angekündigt ist. Falls das nicht klappt, ist die Premiere erst in der übernächsten Spielzeit möglich.

Womit wollen Sie die neue Saison eröffnen?

Wir haben unsere Eröffnungspremiere traditionell am 3. Oktober mit Daniel Barenboim. Es wird Luca Francesconis Oper „Quartett“ sein, ein zeitgenössisches Werk nach Heiner Müllers Theaterstück, es ist zugleich das Debüt der polnischen Regisseurin Barbara Wysocka. Wir hoffen, dass die Vorbereitungen, die auch bald beginnen müssen, nicht gestört sind.

Lassen sich in der künstlerischen Schließungsphase wenigstens technische Reparaturen im Haus durchführen?

Wir haben Wartungsarbeiten gemacht, aber jetzt haben wir unseren Betrieb auf Minimum runtergeschaltet. Das gilt bis 5. April. Wir folgen dem Hinweis, dass Sozialkontakte unbedingt vermieden werden sollen.