Buchkritik

Leif Randt: „Nein wirklich. Es ist okay.“

Leif Randt hat meinen Roman geschrieben, der festhält, wie es ist, sich in den Zehnerjahren in Berlin zu verlieben.

Der Autor Leif Randt trägt in seinem Roman die Online-Sprache in die Literatur.

Der Autor Leif Randt trägt in seinem Roman die Online-Sprache in die Literatur.

Foto: © Zuzanna Kałużna

Berlin. Irgendwann steht Tanja in der Feinkostabteilung im Karstadt am Hermannplatz und schüttelt den Kopf über sich selbst. Sie hatte gerade darüber nachgedacht warum sie seit vier Tagen nichts von Janis gehört hatte. Keine Textnachricht auf Telegram, keine Voicemail, keine E-Mail. Eine junge Kassiererin bezieht das Kopfschütteln auf sich und Tanja lächelt sie „beschwichtigend“ an.

Wörtlich heißt es über diese Szene: „In englischsprachigen Ländern wäre aus der Situation womöglich ein kurzer, befreiender Dialog entstanden, dachte Tanja. In Deutschland hielt man das Missverständnis aus und lebte mit den Konsequenzen. Tanja zahlte ihre Einkäufe schweigend. Die Kassiererin, die vermutlich im gleichen Alter wie Tanja war und sehr wahrscheinlich in ihrer Kindheit ähnliche Sendungen im TV geschaut hatte, vermied nun den Blickkontakt.“

Das Buch „Allegro Pastell“ ist voll mit solchen Szenen. Man könnte es wohl „overthinking“ nennen, was die Figuren im Buch auszeichnet. Nichts tun sie „einfach so“, alles hat Bedeutung. Ob es ihre Entscheidung für die Sportbekleidung aus „Decatlon“ am Alexanderplatz ist, für die Party „Cocktail D’amore“ im KitKat oder für das „Ris-A“ in der Sonnenallee an Silvester. Alles wird begründet, überdacht und abgewägt. Selbst wenn Tanja eine Ecstasy-Pille nimmt, tut sie das, weil sie ein bestimmtes Gefühl erreichen will. Kokain lehnt sie ab, ihr fiel auf, dass Menschen dann „weniger lachen“.

Auch ihre Entscheidung für Berlin als Wohnort ist keine Willkür. Bei einem Spaziergang durch Wien merkt sie, „dass man in Wien sicher entspannter wohnte als in Berlin, Tanja wusste aber, dass man an Orten, die man als entspannt empfinden konnte, öfter nachdenklich und traurig wurde.“ Von ihrem Balkon kann sie die Hasenheide sehen und sie hat dort ab und an Sex mit dem tätowierten Janis — dabei liebt sie Jerome, der in Frankfurt lebt.

Nach den zwei nachdenklichen Utopie-Romanen „Schimmernder Dunst über Coby County“ und „Planet Magnon“ hat sich Leif Randt nun sehr sensibel und mit viel Liebe seiner eigenen Generation in den späten Zehnerjahren gewidmet. Er tut das derart detailversessen, dass es einige Rezensenten entweder wahnsinnig gemacht oder gelangweilt hat. Wenn man sich darauf einlässt, und vielleicht an einer einer ähnlichen — sehr zeitgemäßen — Neurose leidet, macht es Spaß und man möchte damit gar nicht mehr aufhören. Ja, man will sogar wissen, wie dieser Song klingt, den die beiden gerade hören und sucht im Netz danach.

Denn auch Jerome, die zweite Hauptfigur fragt sich bei jeder Handlung, ob sie „angemessen“ ist, ob sie „ihm entspricht“ und dem, wie andere ihn wahrnehmen sollen. Er lebt in einem Bungalow in der Nähe von Frankfurt, gestaltet beruflich Webseiten, auch er experimentiert mit Drogen und anderen Frauen und findet selbst zum größten Gefühl, seiner Liebe zu Tanja, die nüchternsten Worte. Als sein Vater ihn auf die Trennung von Tanja nach ihren ersten neun Monaten anspricht, sagt Jerome: „Nein wirklich. Es ist okay. In dem wir aktuell den Kontakt meiden, beschädigen wir ihn nicht langfristig. Es ist alles offen.“

Jerome und Tanja sind jene „Citizens of Nowhere“, „Bürger des Nirgendwo“, die Teresa May in ihrer Rede einmal negativ brandmarkte — ein Begriff, den sich viele, gerade in Berlin, gern anheften. Sie könnten überall arbeiten, sind in wenigen Stunden in Trendhauptstädten wie Lissabon oder Wien und verdienen Geld mit dem, was sie gern tun. Dass sich Leif Randt mit Tanja ausgerechnet eine Pop-Roman-Autorin als Protagonistin angesucht hat, in wohl dosierten, eitlen Seitenhieben auf den Literaturbetrieb ausholt, ja vielleicht sogar seine eigene Schreibblockade thematisiert: geschenkt. Sämtliche Figuren bleiben bis zum Ende interessant, auch weil man gern erlöst werden will. Sie lieben einander doch wirklich, oder?

Je länger man sich mit Tanja und Jerome befasst, ihrem On/Off-Kontakt, umso unsicherer wird man selbst beim Schreiben von Instagram-Posts, iMessages und E-Mails. Mache ich mit dieser Bemerkung etwas kaputt? Wie kommt diese Frage beim anderen an? Leif Randt hat die SMS-Sprache in den Rang der Literatur gehoben, wo sie eben unbedingt hingehört. Er hat gewissermaßen dem Delfin- oder dem Geister-Emoji literarischen Wert geschenkt, weil sie mehr ausdrücken, als es Worte vermögen. Er schafft es damit auch, dass das Selbst-Lesen alternativlos ist. Ein Audio-Buch kann Emojis nur ungenügend wiedergeben.

Schon dafür hätte er den Leipziger Buchpreis verdient, für den er mit „Allegro Pastell“ nominiert war. Dass das Buch trotzdem erfolgreich ist, beweist ein kurzer Besuch im Buchladen um die Ecke. „Ach, der neue Randt“, sagt der Buchhändler, „da fragen mich täglich zehn Leute nach.“ Er wirkt genervt. „Die Vertreterin von Kiwi hatte gelästert, der sei nicht so gut“, ergänzt er, „aber wahrscheinlich wollte sie nur ihrem Understatement Ausdruck verleihen.“ Der Roman sei derzeit nicht lieferbar. Es ist eine Szene, die genau so im Buch vorkommen könnte.

Die eingangs beschriebene Situation im Karstadt am Hermannplatz bekommt übrigens eine überraschende Wendung: Tanja ist schon draußen auf der Straße, da geht sie noch einmal zur Kassiererin: „Hey wegen eben… Ich war in Gedanken und habe über mich selbst den Kopf geschüttelt. Ich wollte dich nicht verunsichern.“ Dann ärgert sich Tanja vier Zeilen lang, dass weder „Du“ noch „Sie“ in dieser Situation passend sei. War sie etwa „anbiedernd“ oder „übergriffig“, eine Grundangst, die sie mit Jerome teilt. Die Kassiererin antwortet: „Schon gut, alles okay.“