Kultur

Theaterhäuser zu: „Eine Entscheidung für die Gesundheit“

Die Berliner Opern- und Konzerthäuser stellen den Spielbetrieb ein. Man denkt darüber nach, wie man das Publikum digital erreichen kann

Intendant Dietmar Schwarz (r.) und Generalmusikdirektor Donald Runnicles bei der Pressekonferenz am Dienstagvormittag.

Intendant Dietmar Schwarz (r.) und Generalmusikdirektor Donald Runnicles bei der Pressekonferenz am Dienstagvormittag.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Der Kulturbetrieb in Deutschland wird vom Kampf gegen das neuartige Coronavirus immer härter getroffen. Die Absagen und Schließungen häufen sich. Jetzt auch in Berlin. An der Staatsoper Unter den Linden fand am Dienstag noch planmäßig die „Carmen“-Aufführung statt. Gleich danach ist eine Pause bis zum 19. April angesagt.

Die Schließung gilt für sämtliche großen Aufführungen der staatlichen Theater, Opern- und Konzerthäuser. „Es ist eine Entscheidung für die Gesundheit“, sagte Dietmar Schwarz, der Intendant der Deutschen Oper, am Abend und fügt zögernd hinzu: „Es ist sehr lange“. Die Premiere von „Antikrist“ am 21. März ist von der Absage betroffen, die Proben laufen auf Hochtouren.

Dietmar Schwarz meint, er müsse gleich noch mit dem Regisseur reden. Vielleicht lässt sich die Produktion, wenn sie fertig probiert ist, aufzeichnen. Falls der Betrieb am 20. April wieder aufgenommen wird, wären noch zwei, drei Vorstellungen möglich. Das jedenfalls überlegt der Intendant gerade. „Alles zu streamen, das bringt nichts“, sagte Schwarz. „Aber wir werden jetzt darüber nachdenken, wie wir das Publikum auf digitale Weise erreichen können.“ Über das genaue Prozedere der Kartenrückgabe soll am Mittwoch eine Pressemitteilung veröffentlicht werden.

Der Vorverkauf war bereits um 40 Prozent wegen des Coronavirus’ zurückgegangen

An der Deutschen Oper Berlin war der Prozess bis hin zur Absage über den Dienstag hinweg am deutlichsten zu verfolgen, denn vormittags fand noch die Jahrespressekonferenz für die kommende Saison statt. Die Opernleitung berichtete bereits von herben Einbußen infolge der Corona-Krise.

„Der Vorverkauf lag vor vier Wochen noch um 40 Prozent höher“, sagte der Geschäftsführende Direktor Thomas Fehrle: „Das ist schon eine ganze Menge, was uns dann hinten fehlt. Wir haben jetzt auch eher schwache Abendkassen.“ Die Deutsche Oper ist mit 1850 Plätzen das größte der drei Berliner Opernhäuser.

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In der Jahresvorschau ist als erste spektakuläre Premiere der nächsten Saison Marina Abramovics Opernprojekt „7 Death of Maria Callas“ für August angekündigt. Das ist aber eine Koproduktion mit der Bayerischen Staatsoper, wo die Premiere ursprünglich für den 11. April angekündigt war. In München wurde am Dienstag bereits früher als in Berlin mitgeteilt, dass alle Vorstellungen bis zum 19. April abgesagt sind. Weder in München, noch in Berlin kann derzeit jemand sagen, wie es mit Neuproduktionen in Zeiten der Schließung weiter geht.

Berliner Philharmonie ab Anfang April auf Konzertreise

Die Berliner Philharmonie will am Mittwoch nach einer Leitungssitzung um 9 Uhr mitteilen, wie sie weiter vorgeht. Die Philharmoniker sind ab Anfang April auf Konzertreise im Festspielhaus Baden-Baden. So ist jedenfalls der Plan, am Mittwoch kommen die Fakten auf den Tisch. Die Philharmoniker haben den Vorteil, dass sie mit ihrer Digital Concert Hall im Internet überaus präsent. Aber die Konzerte, die übertragen werden, müssen auch stattfinden.

Konzerthaus am Gendarmenmarkt: Keine vollständige Schließung

Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt teilt mit, dass es keine vollständige Schließung des Hauses gäbe. Konzerte im Großen Saal sind abgesagt, aber in den kleineren Spielstätten geht es weiter. Am Wochenende soll auch die Orgelstunde am Nachmittag im Großen Saal wie geplant stattfinden, weil weniger als 500 Gäste zu erwarten sind.

Berliner Schaubühne: Internationales Theater-Festival startet

An der Berliner Schaubühne beginnt am Mittwoch das Internationales Theater-Festival „FIND“. Das soll wie geplant stattfinden. „Keine der eingeladenen Ensembles hat bisher abgesagt“, sagt Sprecherin Katharina Glögl, „und auch Tickets wurden bisher kaum storniert.“ Die Schaubühne allerdings hat auch weniger als 500 Sitze und ist ein privates Theater. Trotzdem wurde in einer Krisensitzung am Dienstagabend noch lange diskutiert, welche Maßnahmen getroffen werden müssen.

Abgesagt wurde hingegen das Literaturfestival Lit.Cologne, das ebenfalls morgen beginnen sollte. Man bemühe sich um eine Verlegung der Veranstaltungen auf einen späteren Zeitpunkt. Mit mehr als 200 Veranstaltungen und über 100 000 Besuchern an zwölf Tagen ist die Lit.Cologne nach eigenen Angaben das größte Literaturfestival Europas.

„Die Absage der Lit.Cologne trifft uns unendlich schwer“, bedauerte Geschäftsführer Rainer Osnowski. Für das privatwirtschaftlich organisierte Literaturfest, das bisher ohne Subventionen auskam, sei dies existenzgefährdend. Eine Reihe von Autoren, vor allem aus dem Ausland, hatten ihre Veranstaltungen bereits abgesagt oder verschoben.

Zuletzt hätten aber auch deutsche Schriftsteller einen Rückzieher gemacht, sagte Osnowski. Sie hätten gesagt: „Ich habe Angst, mich in NRW, vor allen Dingen in Köln, anzustecken.“ Gerade ältere Autoren hätten nicht mehr in das Bundesland mit den meisten Infektionen reisen wollen. „Die Dinge haben sich minütlich überschlagen.“ Zuvor waren in den vergangenen Tagen schon die Leipziger Buchmesse sowie die in Bologna, London und Paris abgesagt worden.

Maßnahmen treffen Kulturbereich stark

Die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus treffen den Kulturbereich nach Darstellung des Deutschen Kulturrats insgesamt stark. „Insbesondere kleinere und mittelständische Unternehmen sowie Freiberuflerinnen und Freiberufler haben oft keine finanziellen Polster, um Einnahmeausfälle aufzufangen“, sagte Geschäftsführer Olaf Zimmermann. Honorare würden oft nur bei der Durchführung von Veranstaltungen fällig.

Viele öffentlich geförderte Kultureinrichtungen befürchten laut Kulturrat, dass öffentliche Mittel von Kommunen, Ländern oder dem Bund zurückgefordert werden könnten, weil sie für bestimmte Vorhaben genehmigt wurden, die nun nicht stattfinden. Vielfach seien aber schon Ausgaben entstanden. Rückforderungen könnten sich existenzbedrohend auswirken, deshalb müsse darauf verzichtet werden.

US-Sänger Richard Marx sagt sein Konzert in Berlin ab

In Bayern sind alle staatlichen Theater, Konzertsäle und Opernhäuser vom 11. März bis zum Ende der Osterferien am 19. April geschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Die Bayerische Staatsoper will während der Schließung ausgewählte Stücke trotzdem auf die Bühne bringen - vor leeren Rängen. Zuschauer könnten die Aufführungen live übers Internet verfolgen, sagte ein Sprecher. Der Notfallplan der österreichischen Regierung zwingt auch weltbekannte Spielstätten wie das Burgtheater und die Staatsoper in Wien dazu, ihre Aufführungen bis Ende März abzusagen.

Auch Popkonzerte fallen dem Coronavirus zum Opfer. Der US-Sänger und Songwriter Richard Marx sagte seine Auftritte in Europa ebenfalls ab. Deutschlandweit sind sechs Konzerte betroffen - Hamburg, Berlin, Düsseldorf, München, Frankfurt und Leipzig.