Konzertkritik

Kelis im Astra: Geburtstag mit Startschwierigkeiten

| Lesedauer: 4 Minuten
Sebastian Scherer
Die US Hip-Hop- und R&B-Sängerin Kelis Rogers live bei Energy Stars For Free im Hallenstadion Zürich. (Archivbild)

Die US Hip-Hop- und R&B-Sängerin Kelis Rogers live bei Energy Stars For Free im Hallenstadion Zürich. (Archivbild)

Foto: pa

Im Astra feiert Sängerin Kelis den 20. Geburtstag ihres Debüts „Kaleidoscope“. Die Party kommt langsam in Schwung - dann aber richtig.

Es ist schon manchmal erschreckend, das mit der Zeit. Da stand die junge Kelis, in amerikanischer Zeitrechnung noch nicht einmal volljährig, das erste Mal in Deutschland auf der Bühne. Es mag um die Jahrtausendwende gewesen sein. Wie sie am Donnerstagabend im fast ausverkauften Astra Kulturhaus erzählt, war das in „Nurnberg“ oder „Nürnbörg“ oder wie auch immer man das eben ausspricht.

Das Debütalbum „Kaleidoscope“ hatte sie gerade fertiggestellt. Die Haare grün gefärbt. „Life goes in circles“, sagt sie 20 Jahre später in Berlin. Denn einige der Lieder, die sie damals sang, die hat sie wieder rausgeholt.

Die Haare sind dieses Mal rot, es ist eine dieser Nostalgie-Touren, die immer häufiger stattfinden heutzutage. Beworben als große 20. Geburtstagsfeier für das Debütalbum, stellt die amerikanische Sängerin, die vergangenes Jahr ihren 40. Jahrestag hatte, schnell klar, dass Pedanten keinen Spaß haben werden. Nur „Kaleidoscope“ runterspielen? „Wir werden heute Abend feiern, Kaleidscope – aber auch alles andere.“

Kelis wechselt elegant von Soul zu Elektro

Tatsächlich hat Kelis in ihrer zwei Dekaden währenden Karriere einiges an Nennenswertem erschaffen. Da ist eben besagtes Debüt, dass dank knochentrockener Neptunes-Produktionen, gepaart mit Kelis‘ wahnsinnig tief-treffender Stimme und lebensnahen Inhalten auch dann noch absolut hörenswert wäre, wäre es gerade heute frisch erschienen.

Dann ist da aber auch ein eleganter Mix aus rockigen Einflüssen („Young Fresh And New“) bis hin zum Soul („In The Morning“), der eine besondere Vielseitigkeit zeigt – unprätentiös und überzeugend. Und ein Elektropop-Album, „Flesh Tone“, das schlicht unverschämt präzise ist. Man weiß, hört man sich vorab durch die größten ihrer Erfolge, eigentlich gar nicht, warum Kelis im Astra auftreten muss (oder will). Und nicht ein paar Mehrzweckhallennummern größer.

Vielleicht aber auch wegen äußerer Umstände. Im Astra zum Beispiel hadern Band und Tontechnik zuerst einmal mit der Künstlerin, die auf Platten atmosphärische Klangwelten erzeugt. Das lässige „Good Stuff“ bleibt unnötig fad, das auf Platte toll dramatische „Get Along With You“ plätschert höhepunktlos dem uneingeschränkt mit Kelis sympathisierenden Publikum entgegen.

In der zweiten Hälfte drehen Kelis und ihre Band endlich auf

Erst in der zweiten Hälfte der 100-minütigen Show kommt langsam alles zusammen. Langsam schöpft sie aus den Hit-Vollen. Das trippige „Millionaire“ etwa kommt, dann ein kleines Medley, sie betanzt ihre besten Features. ODB vom Wu-Tang-Clan veredelte sie „Got Ya Money“, Busta Rhymes „What It Is“.

Vor „Jerk Ribs“ vom neusten Album „Food“ berichtet sie, wie sie mit Jazz und Soul aufwuchs, und haut dann eben jene Nummer raus, die auch auf einem Amy-Winehouse-Album hätte verortet werden können. Nur bringt Kelis‘ das eben viel lässiger rüber. Bei einem älteren Lied, „Roller Rink“, hält sie ein Buch mit den Songtexten in der Hand: „Einige Lieder habe ich lange nicht mehr gesungen. Manche noch nie.“ Die Verpflichtungen einer Jubiläums-Tour.

Kelis: Am Ende Donna Summer – und Party

Dann passiert etwas, irgendwo zwischen Nostalgie und Werkschau. Die Band hat sich endlich gefunden, der Ton ist an Bord. Es geht in eine fulminante Hit-Runde. Kelis singt ihre erste Single, „Caught Out There“, energisch ruft das Publikum ihr das signifikante „I hate you so much right“ entgegen. Dann „Trick Me“, „Milk Shake“ (auf „Gravel Pit“ vom Wu-Tang-Clan gemixt).

Plötzlich Bass, mehr Bass, ein Ausflug in Kelis‘ kurze Dance-Phase, der an diesem Abend auch einen Höhepunkt markieren soll. Von einem schnellen Donna-Summer-Cover („I Feel Love“) geht es in die Dance-Vollen. „Bounce“, „4th of July“, aus dem Debütalbum-Geburtstag ist endgültig eine Greatest-Hits-Show geworden. Die von Kelis heraufbeschworene Party ist endlich eröffnet.

Am Ende ist sie mir dem famosen „Acapella“ so weit von der jungen, grünhaarigen Kelis in Nürnberg entfernt, wie man es musikalisch nur sein kann. Und doch hat sie endlich alles im Griff. Vergessen der holprige Start. Und vergeben, dass eine etwas weniger zielgeradenfixierte Setlist dem Abend schneller mehr Druck hätte verleihen können.

Bezweifeln musste man Kelis‘ Talent nie. Dass sie es den ganzen Abend, gen Ende dann auch mit besonderer Verve zeigte, absolut erfreulich. Wir warten auf den nächsten Album-Geburtstag.