Theater

Viel Staub ums Sterben

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Elena Philipp
Die Buhlschaft und der Jedermann: Natali Seelig mit Jörg Pose in „jedermann (stirbt)“.

Die Buhlschaft und der Jedermann: Natali Seelig mit Jörg Pose in „jedermann (stirbt)“.

Foto: ARNO DECLAIR

Data Tavadze stilisiert Ferdinand Schmalz’ „jedermann (stirbt)“ am Deutschen Theater zum Mahnmal der Vergänglichkeit.

Jedermann, der sündige Reiche, stirbt. Eine Stunde Aufschub gewährt ihm der Tod, um Erlösung zu finden und in den Himmel statt die Hölle einzugehen. So erzählt es Hugo von Hofmannsthal in seinem berühmten Theaterstück „Jedermann“.

Inhaltlich verweist die religiöse Moralität, die mittelalterlichen Mysterienspielen nachempfunden ist, weit in die Vergangenheit. Unserer säkularen Gegenwart verbunden ist das Stück durch seine Aufführungsgeschichte: Seit 1920 wird es alljährlich bei den Salzburger Festspielen aufgeführt, in den Hauptrollen glänzt die Prominenz der Schauspielzunft.

Max Reinhardt inszenierte „Jedermann“ 1911 neben dem Berliner Ensemble

Weniger prominent ist die Berliner Vergangenheit des „Jedermann“: 1911 inszenierte Max Reinhardt, damals schon legendär als Regisseur und Theaterleiter und 1920 mit Hofmannsthal Gründer der Salzburger Festspiele, die Uraufführung, im Zirkus Schumann, einem seiner Privattheater am Schiffbauerdamm, neben dem heutigen Berliner Ensemble.

Zu Reinhardts Bühnenimperium zählte auch das Deutsche Theater – und dort greift man nun bei der Spielplangestaltung auf eine Bearbeitung des „Jedermann“ zu, die den Stoff für die Jetztzeit aufbereiten möchte.

Jedermann schottet sich hinter einem Gartenzaun ab

In Ferdinand Schmalz’ „jedermann (stirbt)“ ist die Titelfigur ebenfalls ein skrupelloser Reicher, und auch er muss sterben. Eine Stunde bleibt ihm noch, aber Jörg Poses Jedermann sitzt schon zu Beginn der Inszenierung wie eine hohle Hülle auf einem Stuhl, zusammengesunken und teilnahmslos, während Paul Grill und Niklas Wetzel als „die (teuflisch) gute gesellschaft“ und der „arme nachbar gott“ auf staubendem Bühnenboden miteinander und um seine Seele ringen.

Was ihn bewegt? Abschottung ist Jedermanns Motto: Hinter den Gartenzaun hat sich der erfolgreiche Geschäftemacher zurückgezogen. Draußen tobt das Chaos, aber er gibt ein Fest, um sich besinnungslos zu feiern.

Jedermanns Ringkampf in Zeitlupe

Ein Todgeweihter sammelt letzte Lebenskräfte: Munter wirkt Pose, wenn er, eingeklemmt zwischen den beiden speichelleckenden, um Geld bittenden Vettern (Paul Grill und Niklas Wetzel), ihr Ansinnen mit der Körperkomik eines Charlie Chaplin kontert, verwundert guckt und erschrocken zuckt.

Eiskalt weist er sie dann ab, würgt den einen gar, was Grill und Pose in einem von Kontrabass, Klarinette und Posaune grabesdüster unterlegten Zeitlupen-Ringkampftanz darstellen, von dem die Dialogzeilen und Figuren wie dissoziiert wirken.

Poses gewohnte Diktion, die einzelne Worte isoliert und die Endungen in die Länge zieht, passt zur Inszenierung insofern als hier jemand spricht, der mit seinem Leib und Leben nurmehr lose in Verbindung steht und auch mit der Sprache kaum mehr innige Berührung pflegt.

Anämisches Spiel um den Tod

Nah geht dieses abgezirkelte, bisweilen bleierne Spiel ums allgemeinmenschliche Schicksal der Sterblichkeit nicht. Ändern kann daran auch Natali Seelig nichts, die sich als „buhlschaft tod“ mit grandioser Präsenz die Schmalz’schen Texte aneignet.

In denen geht es auch mal böse und bitter zu, wovon im formalisierten Regiekonzept des jungen Georgiers Data Tavadze kaum etwas zu spüren ist.

Nach knapp eineinhalb Stunden an den Kammerspielen bleibt ein etwas schales Gefühl, das sich bald in eine Frage verwandelt: Warum nur wirken viele der Inszenierungen, mit denen sich das Deutsche Theater um die neue Dramatik verdient macht, so anämisch wie dieser „jedermann (stirbt)“?