Kultur

Wintergarten - „2020 - Die 20er Varieté Revue“

Die neue Show schlägt einen Bogen von der Vergangenheit zu den gegenwärtigen 20er-Jahren mit viel Akrobatik

Yolanta-Birkhane

Yolanta-Birkhane

Foto: Yolanta Birkhane

Geradezu mörderisch hoch sind die High Heels von Katharina Lebedew. Einfach darauf zu laufen, ist schon eine Kunst. Doch die grazile Artistin setzt noch einen drauf und zeigt eine überaus elegante Handstandakrobatik, während sie sich zugleich ihrer Kleidung entledigt. Bis nur noch die delikatesten Stellen mit einem Hauch von Nichts bedeckt sind. Eine atemberaubende Verbindung von Burlesque und Varieté.

Genau so könnte es im Wintergarten vor hundert Jahren ausgesehen haben. Damals, als die Varieté-Bühne in den Goldenen Zwanzigern eine der ersten Adressen für Amüsement an der Friedrichstraße war. Bekanntlich längst an der Potsdamer Straße beheimatet, schlägt die neue Wintergarten-Show „2020 – Die 20er Varieté Revue“ einen Bogen von der Vergangenheit zu den gegenwärtigen 20er-Jahren. Der Look dazu kommt weitestgehend aus den 1920ern. So erinnert die Bühne an den Kit Kat Club aus „Cabaret“.

Bei der Premiere präsentierte sich das ganze Haus im nostalgischen Zwanziger-Rausch. Selbst die Holzklasse direkt vor der Bühne hat man wieder aufleben lassen. Das Publikum dort ist mit Regenschirmen ausgerüstet, weil es mehr als einmal nass wird. Etwa bei Banbury Cross, die ihre Burlesque-Darbietung, ganz Klischee, mit spritzendem Champagner krönt. Kommentiert vom Zwischenruf „Voll Porno!“

Die Regisseure Markus Pabst und Pierre Cäsar wagen einen Spagat zwischen dem Lebensgefühl von heute und früher. Und bemühen dafür immer wieder eine sehr plakative Sexyness. Die im Gegensatz zur überlebensgroß an der Wand hängenden Josephine Baker und ihrem Bananenröckchen eher spaßfrei und gewollt wirkt. Glücklicherweise gelingen auch Zwischentöne beim Spiel mit den Geschlechterrollen. Wie in Gestalt der fabelhaften Yamil Borges. Die Sängerin kommt hermaphroditisch kostümiert halb als Frau, halb als Mann daher.

Dass auch Männer in Stilettos und Netzstrümpfen blendend aussehen, beweist indes Jack Woodhead. Der Musiker führt mit Markus Pabst durch die Show. Woodhead gibt die androgyne Nachtgestalt. Pabst indes zitiert Tucholsky und Kästner, warnt vor Nazis und Rechtspopulisten.

Die Show will ungeheuer viel. Manchmal zuviel. Dann muss sogar der Wendler für einen Gag herhalten. In solchen Momenten knirscht es im Spannungsfeld zwischen Akrobatik und wildem bis kritischem Zeitgeist. Was die sensationelle Akrobatik aber wieder wettmacht. Egal, ob am Chinesischen Mast, beim bildgewaltigen Federtanz von Dennis Mac Dao oder der zauberhaften Tuchakrobatik der 75-jährigen Doris Gold. Entdeckung des Abends ist das Duo Sienna. Die beiden Akrobatinnen begeistern erst am Vertical Pole und später noch an den Ringen hoch in der Luft gemeinsam mit Thula Moon.

Für die Lacher sorgen die Anarcho-Komiker Collins Brothers. Sie haben ein Original-Zaubertuch aus den zwanziger Jahren mitgebracht. Aus welchen, verraten sie nicht. Ihr größter Trick ist jedoch zeitlos: Die zersägte Jungfrau. Nur ohne Jungfrau.