Berlinale

Javier Bardem: „Ich kämpfe um meine Privatsphäre“

Filmstar Javier Bardem über seine Arbeitsweise, Lügen im Internet und Politiker, die unbeweglich bleiben

Der Film war mau, aber der Star war schau: Javier Bardem bei der Premiere von „The Roads Not Taken“.

Der Film war mau, aber der Star war schau: Javier Bardem bei der Premiere von „The Roads Not Taken“.

Foto: Ekaterina Chesnokova / picture alliance/dpa

Er bringt einen Hauch von Hollywood nach Berlin. Dabei gehört Spanier Javier Bardem seit dem oscar-gekrönten Auftritt in „No Country for Old Men“ und seinem James-Bond-Bösewicht in „Skyfall“ zur A-Liga der Stars. In Sally Potters Wettbewerbsfilm „The Roads not Taken“ spielt er einen an temporärer Demenz erkrankten Schriftsteller, der den Halt im Leben verloren hat und seine Tochter nicht mehr erkennt. Zum Interview im Regent Hotel kommt er in schwarzer Lederjacke und Vollbart – für den er sich direkt entschuldigt. Er dreht gerade eine historische Serie in Mexiko.

Herr Bardem, wie haben Sie sich in die Rolle eingefühlt?

Javier Bardem: Für mich war es eine Herausforderung, jemanden zu spielen, der alles verloren hat. Vor allem seine Erinnerung. Er erkennt seine Tochter, seine Ex-Frau, seine Pflegerin nicht. Er weiß noch nicht mal, wer er selbst ist. Ich habe dafür Atemübungen gemacht und innere Dialoge mit mir selbst geführt, mir jeden Schritt, den ich jetzt machen werde, gedanklich laut vorgesprochen.

Was macht das mit einem emotional?

Ich will das nicht höher hängen, als es ist. Das ist Arbeit. Ich werde dafür bezahlt. Ich bleibe auch nicht die ganze Zeit in der Rolle. Sobald die Kamera aus ist, werde ich wieder zu Javier und telefoniere mit meinen Kindern oder mit meiner Frau. Ich halte nichts davon, eine Figur 24/7 zu sein. Ich wüsste gar nicht, wie das geht.

Ihre Figur opfert seine Familie für die Karriere als Schriftsteller. Gab es in Ihrem Leben auch Phasen, wo Sie für die Karriere andere Sachen aufgegeben haben?

Ja, die Privatsphäre. Aber ich kämpfe immer wieder darum. Denn es steht in keiner Anleitung für den Beruf Schauspieler, dass man darauf komplett verzichten muss. Nur weil ich berühmt bin und Filme mache, heißt das ja nicht, dass ich kein Recht auf Privatsphäre mehr habe. Manchmal weiß ich, dass das der Preis ist, den ich für meine Karriere zahlen muss. Aber dann denke ich mir wieder, warum soll ich das Spiel mitspielen. Vor der Kamera oder auf der Bühne gebe ich mein Bestes. Danach hat keiner das Recht, über mich oder mein Leben zu bestimmen.

Ist das durch das Internet und die sozialen Medien schwieriger geworden?

Oja. Jeder zückt ständig sein Handy und macht ungefragt Fotos. Aber dafür gibt es Anwälte. Es gab eine Zeit, in der ich versucht habe, das Internet zu kontrollieren. Ich habe es schnell aufgegeben. Absolute Zeitverschwendung. In der Zeit kann ich auch ein Buch lesen oder mit den Kindern spielen. Es ist verrückt, wie viel Unsinn im Netz verbreitet wird. Lügen und Fake News.

Sie haben mit Salma Hayek gespielt. War das für Sie beide eine Art Heimspiel?

Ja, wobei wir uns erst seit 15 Jahren kennen. Aber meine Frau Penelope Cruz und sie sind gut befreundet. Ich bewundere sie meist aus der Ferne. Sie ist absolut furchtlos. Eine Naturgewalt. Ihr Schmerz, ihre Liebe, ihr Lachen, alles an ihr ist voller Kraft. Für mich war es schwer, mit Akzent zu sprechen. Aber immer wenn ich sie dabei ansah und sie gelacht hat, wusste ich, dass ich es richtig mache. Denn wenn irgendetwas nicht stimmt, kann sie sehr ernst werden. Da wollen Sie nicht in ihrer Nähe sein.

Für diesen Film hatten Sie nur 20 Drehtage, jetzt drehen Sie für eine Serie über die Eroberung Mexikos viereinhalb Monate. Welche Arbeitsweise ist Ihnen lieber?

Wir müssen bei der Serie Gas geben. Viereinhalb Monate klingt viel, aber wir müssen sehr viel drehen. Zeit ist Geld. Das gilt im Leben wie beim Film. Je größer und teurer der Film, desto mehr Zeit ist da. Das kann gefährlich sein.

Warum?

Mit viel Zeit kommt auch viel Langeweile und das kann mein Spiel ruinieren. Wir drehen eine Einstellung, dann wird umgebaut und ich muss eine Stunde sinnlos warten. In der Zeit verliere ich die Spannung und das Gefühl für den Moment.

Sie haben im letzten Jahr einen Dokumentarfilm produziert. „Sanctuary“, ein Film über die Umweltzerstörung in der Antarktis. Sehen Sie sich selbst als Umweltaktivist?

Ich wünschte, ich wäre einer. Aber mit einem Dokumentarfilm ist es noch lange nicht getan. Ich müsste viel mehr tun. Ich fliege zum Beispiel sehr viel. Das bringt mein Job mit sich. Auch wenn ich so oft wie möglich versuche, den Zug zu nehmen. Jeder kann im Kleinen Dinge verändern, aber die Politiker müssen endlich ihren Arsch hochkriegen und auf den Klimanotstand reagieren. Es ist fünf vor zwölf!

Sie klingen aufgebracht!

Ja. Der Klimagipfel in Madrid war doch eine Lachnummer. Was für Beweise brauchen die Politiker denn noch? 20 Grad in der Antarktis sind nicht normal. Ich war für „Sanctuary“ vor zwei Jahren in der Antarktis. Ich stand da im T-Shirt an Deck. Und neben uns kracht ein Eisberg ins Meer. Das ist doch absurd. Das ist keine Fiktion, das passiert wirklich.